Kann man eine Partei "im Griff" haben?

Vor ihrem Rücktritt als Parteivorsitzende der CDU wurde in nahezu allen Zeitungen (von der FAZ bis zur taz) geschrieben, Frau Kamp-Karrenbauer habe ihre Partei nicht "im Griff". Daraus ergibt sich die Frage: "Kann man eine Partei tatsächlich »im Griff« haben bzw., wenn ja, sollte man das?"

Die Antwort auf die erste Frage lautet: Ja. Man kann eine Partei "im Griff" haben. Aber man zahlt einen hohen Preis dafür (d.h. derjenige, der sie im Griff hat, wahrscheinlich nicht, aber die Demokratie und zunächst die Partei, die in irgendjemandes »Griff« ist, zahlt den Preis). Dass es geht, sieht man am Beispiel Donald Trumps und der Republikanischen Partei in den USA. Doch der Preis ist heiss: Die totale Macht-"Ergreifung" funktioniert nur, wenn man alle, die eventuell anderer Meinung sein könnten und sich nicht unterwerfen, aus der Partei wirft. Das geschieht, indem das Motto (nicht nur verkündet, sondern) praktiziert wird: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!" Dann verlassen alle kritischen Geister die Partei von sich aus oder sie halten zumindest die Schnauze, so dass eine Konsensfiktion hergestellt und aufrechterhalten wird.

Der Preis ist, dass unintelligente bis ausgesprochen dumme Entscheidungen getroffen werden. Denn für intelligente Entscheidungen ist angesichts der Komplexität der Welt ein "Mehr-Hirn-Denken" nötig, d.h. die kritische und konflikthafte Auseinandersetzung über die zur Entscheidung stehenden Fragen. Wer sich nur mit Jasagern umgibt - und das ist die Folge des Im-Griff-Habens - verblödet (wenn er es nicht schon vorher war) bzw. ist nicht in der Lage die eigenen Defizite durch die Kompetenz seiner Mitarbeiter zu kompensieren...

Außerdem führt solch ein Regime früher oder später zum Tyrannenmord (meist später, so dass bis dahin ziemlich viel Schaden angerichtet wird). Dieser Mord muss - um hier nicht in Verdacht zu geraten, zu irgendwelchen Straftaten aufzurufen - nicht körperlich erfolgen, es reicht auch die symbolische Hinrichtung à la Kommunistische Partei der Sowjetunion wendet sich vom Stalinismus ab.

Was ist die Konsequenz solcher Überlegungen für die Führung demokratischer Parteien?

(1) Die Macht kann man zwar "ergreifen", aber sie kann einem auch wieder genommen werden, wenn man seine Gegner nicht "einbindet".

(2) Die Kunst der Führung besteht darin, Ambiguitäten, die mit der Rolle verbunden sind, auszuhalten: Man muss als Person nach außen eine geschlossene und eindeutige Botschaft verkörpern können, aber intern Widersprüche so organisieren, dass sich keine Interessengruppe ausgegrenzt fühlt (und im Extremfall eine neue Partei gründet), und es müssen auf der Sachebene Kompromisse gefunden werden, mit denen alle leben können (auch wenn sie persönlich gekränkt sein sollten, weil sie nicht selbst an der Spitze stehen).

(3) Innerparteiliche Gegner - deren Gegnerschaft sachlich begründet ist -, darf man als Parteiführer nicht - wie Frau Merkel das getan hat - kalt stellen (sie leben weiter als Untote und erscheinen in all ihrer Zombiehaftigkiet - wie Friedrich Merz - noch nach Jahren nachts oder bei Parteitagen.

p.s.: Sowohl Gerd Schröder als auch Frau Merkel waren nicht in der Lage, ihre Gegner, die anderer Meinung waren als sie selbst, in der Partei zu halten, so dass sowohl links wie rechts von ihren Parteien neue Gewächse einen nährenden Boden fanden.