O Canada

Das ZDF bringt eine Reportage aus Berlin über ausbildungswillige Lehrherren und ausbildungsunwillige junge Leute. Handwerksmeister, die keine Lehrlinge bekommen, Jungen und Mädchen, die bei Vorstellungsgesprächen mit dieser Welt der Arbeit ganz offensichtlich nichts anfangen können oder wollen. Eine totale Misere vermittelt sich dem Zuschauer. Dabei gibt es tausende junger Leute in dieser Stadt, die weder Arbeit noch Ausbildungsplatz haben. In der ganzen Bundesrepublik sollen es allein vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres am 1. September noch immer rund 170 000 sein, die ohne Ausbildungsplatz sind, ist in der Zeitung zu lesen. Es mangelt an Plätzen, es mangelt an Ausbildungsfähigen und, wie die Handwerker betonen, an Ausbildungswilligen. Einige, die nach Vorstellungsgespräch und Zusage zur Arbeit kommen, sind nach zwei Tagen wieder weg. Teilweise ohne Erklärung, teilweise sagen sie, sie hätten sich das anders vorgestellt.

Was ist los mit diesen jungen Menschen? Eine Nebenbemerkung im Kommentar erwähnt die Tatsache, dass in Berlin viele jungen Menschen leben, die in ihren Familien in dritter Generation nichts anderes erfahren haben als ein Leben mit Sozialhilfe. Wo sind da die politischen und menschlichen Perspektiven?

Szenenwechsel: DIE ZEIT [(www.zeit.de/chancen)] berichtet diese Woche über das erfolgreiche kanadische Schulsystem. Dabei haben die Kanadier eine föderale Bildungsstruktur und eine hohe Zahl von Einwandererkindern, also ähnliche Probleme mit der Integration von Einwanderern wie wir. Aber in Kanada klappt das. Kanada liegt bei den PISA-Studien mit an der Spitze und unter den Ländern mit Migrationsproblemen sowieso. Was machen die anders als wir in Deutschland? „Motivationsprobleme haben unsere Kinder nie“, sagt Direktorin Dawson. „Dafür sorgen die Eltern.“ Aber wohl nicht nur. Da ist an einer Stelle davon die Rede, dass der Schultag mit dem Absingen der Nationalhymne *“O Canada“* beginnt. Anschließend verkündet die Schulleiterin über die zentrale Durchsage (wohlgemerkt täglich) „zehn Kerntugenden“, die im Alltag beachtet sein wollen: „Respekt, Verantwortungsgefühl, Ehrlichkeit, Einfühlsamkeit, Fairness, Eigeninitiative, Beharrungsvermögen (wohl eher Durchhaltevermögen, d. Blogger), Integrität, Mut, Optimismus.“ Beinahe religiöse Inbrunst und Weihe durchzieht diesen Tagesbeginn. Bei uns? Wo kämen wir hin! In kanadischen Schulen sind wohl bestimmte Tugenden ganz selbstverständlich voll in und Teil der Betriebsphilosophie (wenn es so was gibt) jeder einzelnen Schule. Wobei nicht an jeder Schule und in jedem Distrikt die gleichen Werte propagiert werden. Überall aber herrscht das Bemühen um ein positives Betriebsklima.

Gestern ging es hier ja (neben der Kunst des Eselsbrückenbaus) um die Kardinaltugenden. Dies hier sind eher so genannte Sekundärtugenden. Versuchen Sie mal in einem deutschen Lexikon diesen Begriff zu finden! Er steht weder im neuen ZEIT-Lexikon, noch im Herder-Lexikon von 1956. Googeln Sie, dann finden Sie mehr. Nur der Rechtschreibduden erklärt „Tugend mittleren Ranges“. Dabei denken wir Deutschen, so wir den Begriff überhaupt (noch) kennen, hier eher an: „Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnung (das halbe Leben), Zuverlässigkeit, Genauigkeit usw.“ Jedenfalls nicht zuerst an Mut, Optimismus, Fairness und Verantwortungsgefühl. Und wenn an Respekt, dann eher an den der alten Preußen mit dem Hintergrund des Kadavergehorsams und nicht an den natürlichen, der jedem Menschen entgegen gebracht werden sollte.

Nein, Sekundärtugenden stehen (offiziell) bei uns nicht hoch im Kurs. Wir bewundern allenfalls Leute, die ihre Spitzenleistungen niemals ohne Achtung all dieser guten Grundsätze und einer gehörigen Portion Leidenschaft erreicht hätten. Man denke an Namen wie Anna Netrebko, den neuen Star am Salzburger Opernhimmel, Michael Schumacher, Günter Grass oder Albert Einstein (der bekanntlich trotz schlechter Lehrerprognosen seine genialen Entdeckungen gemacht hat, nicht gut genug für sein Ulmer Gymnasium). Übrigens hat auch einer der Gründerväter der Systemtheorie, nämlich Heinz von Förster von solchen Erfahrungen berichten können. Zu seiner Wiener Gymnasialzeit galt noch das Prinzip der Sitzordnung nach Rangordnung in den „Leistungen“. Platz 1, Rang 1, Sitzplatz ganz vorne. Ein Lehrer habe einmal zu ihm gesagt: „Förster, für dich ist dieses Zimmer noch lange nicht lang genug. So weit nach hinten gehörst du.“ Und es soll ein sehr langes Klassenzimmer gewesen sein. So (oder ähnlich, wenn mein Gehirn das Konstrukt nicht zu sehr verändert hat) hat er es jedenfalls vor Jahren bei Alfred Biolek (Boulevard Bio) im Fernsehen erzählt.

*„Gemeinsam erleuchten wir den Weg“* (Together We Light the Way) heißt (für uns Deutsche recht pathetisch) das Schulprogramm für Problemschulen eines ganzen Districts (Durham). Über positive Leitsätze habe ich meinen Blog am Dienstag geschrieben. Es gibt also, wie das kanadische Beispiel lehrt, Wege aus der Schulkrise. Nur gehen müssen wir sie noch. Vorbild für uns in Deutschland könnten exemplarische Fälle kanadischer Problemschulen sein, an denen es gelungen ist, binnen weniger Jahre erstaunliche Entwicklungen hinzulegen.

Wir könnten versuchen aus den jeweiligen Leitsystemen der erfolgreichen Länder (Finnland, Kanada z.B.) den Honig zu ziehen. Gleichzeitig können wir uns von der Basis der Lehrerschaft her daran machen die Intensität unserer Bemühungen zu steigern! Im Sinne einer gemeinsamen gesellschaftlichen Anstrengung für unsere Zukunft. Macht eure eigenen guten Schulen, indem ihr sie einfach ständig etwas besser macht! Erfindet eure Schulen neu! Zum Wohl eurer Kinder, aber mit deren Anstrengung und eurer. Es geht, wenn auch gaaanz langsam. Nochmals: *"Auch die weiteste Reise beginnt mit dem ersten Schritt."* Ferienzeit ist eine gute Zeit für die Vision von der guten Schule. Jens Corssen, der Münchener Erfolgstrainer, sagte einmal: *"Visionen sind die Hormone des Mutes."* Klingt gut, oder etwa nicht? Nehmen wir sie uns, diese Hormone, sie sind kostenfrei und werden in den Köpfen erzeugt!

Bis morgen
Horst Kasper