Generationen im Blick

Zu einer guten therapeutischen und beraterischen Arbeit gehört die Generationen-Perspektive immer hinzu. – Was aber bedeutet das? Und wie geht das?
In der Arbeit mit Familienunternehmen empfehlen sich andere Schwerpunkte als in der Arbeit mit Paaren oder im psychotherapeutischen Einzel- oder Gruppensetting. Verbunden sind die erfolgreichen Ansätze dadurch, dass sie sich in einem systemtheoretisch reflektierten Rahmen bewegen – wie ausführlich oder wie deutlich präsentiert dieser auch sei. Was funktioniert, ist systemisch ...

Genogrammarbeit, Familienrekonstruktion und Biografiearbeit zählen zum methodischen Standardrepertoire vieler Psychotherapeuten und Berater (wenn auch längst noch nicht aller). Wie kann der geschulte therapeutische Blick auf mehrere Generationen gerichtet werden? Und wie bleibt der Klient dabei im Fokus der Aufmerksamkeit?

Manchmal werden hier die Methoden und Konzepte als miteinander konkurrierend wahrgenommen. Man kann sie aber auch so anwenden, dass sie füreinander Dienstleistungen erbringen und dabei helfen, hilfreiche Aussichten für ein besseres Leben zu eröffnen.

Zum Nachlesen oder Vorbereiten:

NEUERSCHEINUNG
Bruno Hildenbrand
Genogrammarbeit für Fortgeschrittene
Vom Vorgegebenen zum Aufgegebenen
212 Seiten, Kartoniert, 2018
29,95€
ISBN 978-3-8497-0242-7

Zu den Standards systemischer Therapie und Beratung gehört die Drei-Generationen-Perspektive. Wer sie nachvollziehbar visualisieren will, macht das am besten mit einem Genogramm. Es erschließt den sozialen Hintergrund der Klienten, hilft Beziehungen rekonstruieren, zeigt Muster auf und liefert Ideen für alternative Entscheidungen. Bruno Hildenbrand vermittelt neben den klassischen Ansätzen der Genogrammarbeit ein theoretisch fundiertes Vorgehen, das gleichzeitig konsequent am Fall orientiert bleibt. Er schöpft dabei einerseits aus seiner akademischen Tätigkeit als Mikrosoziologe an der Universität Jena und aus seiner Erfahrung als Lehrtherapeut und Supervisor...weiterlesen

Was man nicht leben kann, hat keinen Wert

Bruno Hildenbrand im Gespräch mit Tom Levold und Petra Bauer

TL: Lieber Bruno, für den Kontext interviewen wir seit über zehn Jahren Menschen aus dem systemischen Feld zu ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihren Ideen. Und da 2018 dein 70. Geburtstag ansteht, nehmen wir das als Gelegenheit, ein Gespräch mit dir zu führen. Bei deinem Werdegang interessiert uns: Was verbindet dich eigentlich mit dem Feld systemischer Therapie und Beratung? Wie ist der Konnex zwischen soziologischen und sozialwissenschaftlichen Impulsen und diesem Praxisfeld? Was ist dein persönlicher Beitrag zur Ausgestaltung dieses Verhältnisses? Und wie würdest du deinen Lernweg beschreiben – und welche Implikationen hat das für die Art deiner Lehre gehabt?

PB: Wir wissen zwar einiges über Ihren wissenschaftlichen Werdegang, aber wenig über Ihr Aufwachsen und Ihre Kindheit.

BH: Also wenn man von hier (Stuttgart) 150 Kilometer weiter nach Westen geht, dann kommt man ziemlich genau da hin, wo ich herkomme.

TL: Nämlich wo?

BH: Aus dem Schwarzwald, aus Oberkirch bei Straßburg. »Bei Straßburg« ist übertrieben, es ist 20 Kilometer entfernt von Straßburg. Ich komme aus einer abenteuerlichen Familie. Meine Großmutter bekam 1916 ein uneheliches Kind, meinen Vater. Davor hatte sie schon eins gehabt. Das ist natürlich krass in so einem rabenschwarzen Kaff wie Oberkirch. Unverheiratet, zwei Kinder großziehen – gearbeitet hat sie in der örtlichen Papierfabrik als Packerin. Dann kam sie auf die Idee, sie müsste ihre Söhne auch da unterbringen. Die haben beide dort Papiermacher gelernt. Die haben das Papier gemacht, das ich dann später beschrieben habe. Darum finde ich es heutzutage immer ganz toll, wenn die bürgerlichen Linken in Marburg, die ja alle aus großbürgerlichen Verhältnissen kommen, mir erklären, was das Arbeitermilieu ist. Das war die eine Hälfte der Familie mütterlicherseits oder väterlicherseits. Also meinen Großvater kenne ich zum Beispiel gar nicht. Aber was sozialhistorisch interessant ist, dass mein Onkel ein Verdingkind war, allerdings bei der Familie seiner Mutter. Irgendwann hat er beschlossen, dass er das nicht mehr will. Er geht zurück zu seiner Mutter: »So, jetzt bin ich da. Ich gehe nicht mehr.« Dann hat sie ihn halt auch untergebracht als Papiermacher-Lehrling. Das hat der gemacht bis zu seinem Tod, beziehungsweise bis zur Berentung. Wenn man heute das Stichwort Verdingkind bringt, kommt gleich das große Lamento, das muss was ganz Schlimmes gewesen sein. Dabei kommt es auf den Zusammenhang an. In diesem Zusammenhang war es nicht ganz so schlimm. Der hat sich ganz gut im Leben behauptet.

TL: Und dein Vater hat das auch sein Leben lang gemacht?

BH: Nein, der hat im Krieg einen Arm verloren, so wie ich. Nur, seiner war dann weg, meiner ist nur noch außer Funktion. Das war bei ihm der rechte. Dann hat er hier in Stuttgart umgeschult auf Buchhalter. Das hat er dann gemacht.

TL: Als du zur Welt gekommen bist 1948 …

BH: … hat er das schon hinter sich gehabt. Der war mitten im Krieg hier. (…) Mein Aufwachsen in einer Kleinstadt hat mich geprägt. Vor allen Dingen in einer Familie, die noch immer ein bisschen randständig war, was man aber nicht gemerkt hat. Das war alles ganz normal. Außerdem war noch wichtig, dass es eine französische Garnison gab und dass man sich an den Deutsch-Französischen Club anschließen konnte. Ich war dann dauernd dort, allerdings weniger aus Völkerverständigungsgründen als aus pragmatischen Gründen. Denn es gab dort ein Glas Rotwein für 20 Pfennig und eine Schachtel Zigaretten für 50 Pfennig. Gegen Ende des Monats wurden sie billiger, weil die Soldaten dann ihre Rationen verkauft haben. Das war ein übles Kraut, das hieß Gauloises Troupe. Wenn man etwas mehr Geld hatte, dann konnte man auch richtige Gauloises kaufen oder wenn man noch mehr Geld hatte, Gitanes.

TL: Wie alt warst du da?

BH: Da war ich dann schon 16.

TL: Warst du alleine als Kind oder hast du noch Geschwister?

BH: Ich habe eine Schwester, neun Jahre jünger als ich. Die arbeitet in einer Apotheke und ist dem Kaff treu geblieben.

TL: Und du hast früh den Impuls gehabt, dort wegzugehen?

BH: Ja, gedanklich war ich sowieso in anderen Sphären. Ich hatte einen Kumpel, wir haben zusammen das Zeugs gelesen, das damals gängig war, Sartre usw., wir hingen im republikanischen Club herum. Wir nahmen alles mit, was es zu nehmen gab. Dann war ich noch Schlagzeuger in einer Band mit meinem Cousin, der den Bass spielte. Warum er den Bass kriegte, weiß ich jetzt nicht mehr. Sonst wäre ich Bassist geworden...

 

Lesen Sie das gesamte Interview hier auf systemagazin.com
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht

Bruno Hildenbrand
Einführung in die Genogrammarbeit

122 Seiten, Kt, 4. Aufl. 2014
14,95€
ISBN 978-3-89670-539-6


Bruno Hildenbrand demonstriert in diesem Buch den Einsatz von Genogrammen zur Erfassung und Darstellung von Fakten, kritischen Ereignissen und Entscheidungsprozessen, die das Leben... weiterlesen

Ilke Crone
Das vorige Jetzt
Familienrekonstruktion in der Praxis
234 Seiten, Kartoniert, 2018
29,95€
ISBN 978-3-8497-0217-5

Wie kein anderes therapeutisches Format können Familienrekonstruktionen die Vergangenheit für ein gutes Leben in Gegenwart und Zukunft nutzbar machen. Was genau geschieht während...weiterlesen

Dirk Rohr
Über die Arbeit mit Genogrammen
Auswertung von ExpertInneninterviews zur Genogrammerstellung
222 Seiten, Kartoniert, 2017
21,95€
ISBN 978-3-8497-0217-5

Genogramme sind Visualisierungen der bio-psycho-sozialen Situation der Familie und ermöglichen den KlientInnen, Verhaltensmuster zu erkennen – und somit sich selbst besser...weiterlesen

Familien und ihre Unternehmen

Familienunternehmen sind tragende Einheiten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens und Funktionierens. Sie sind statistisch gesehen besonders erfolgreich und langlebig.
Die ganz besondere und herausfordernde Logik zweier Systemwelten (Familie und Unternehmen), die hier miteinander sowohl konkurrieren als auch kooperieren, führt jedoch auch zu besonderen Herausforderungen.

Die Schwierigkeiten wie die Erfolge von Familienunternehmen zu verstehen erfordert angemessene theoretische Konzepte und professionelle Fertigkeiten. Gleiches gilt für die beratende Begleitung.
Neuere Systemtheorie und die Tools systemischer Beratung bewähren sich hier in ausgezeichneter Weise. Das wird auch durch empirische Forschung immer aufs Neue belegt.

F. B. Simon, R. Wimmer, T. Groth
Mehr-Generationen-Familienunternehmen
Erfolgsgeheimnisse von Oetker, Merck, Haniel u. a.
254 Seiten, 14 Farbabb., 23 Fotos, Gb, 3. Aufl. 2017
29,95€
ISBN 978-3-89670-481-8

Familienunternehmen gelten vielen als altmodisch oder gar als „Auslaufmodelle“. Das Gegenteil ist der Fall. Das zeigt die Studie zu den Erfolgsmustern von...weiterlesen

Fritz B. Simon (Hrsg.)
Die Familie des Familienunternehmens
Ein System zwischen Gefühl und Geschäft
383 Seiten, 14 Farbabb., Gb, 3. Aufl. 2011
34,90€
ISBN 978-3-89670-474-0

Die große wirtschaftliche Bedeutung von Familienunternehmen ist unbestritten: Drei Viertel aller Unternehmen sind Familienunternehmen, zwei Drittel aller Beschäftigten finden dort...weiterlesen

Kerstin Heidelmann
Veränderungen in Familienunternehmen gestalten
Komplementäre Kommunikation von Eigentümern und Fremdmanagern
421 Seiten, Kt, 2013
31,95€
ISBN 978-3-89670-964-6

Während allgemein für Change-Management in Unternehmen verschiedene Ansätze vorliegen, existieren bisher nur wenige Einsichten in die Gestaltung von Veränderungen in langjährigen...weiterlesen

Unsere Klassiker

Erzählen ist nützlich, wenn es darum geht, Orientierungshilfen zu finden für einen Zugang zu den eigenen therapeutischen Aufgaben und Aufträgen.

Prominente Familiendramen und paradigmatische therapeutische Fallgeschichten sind die Klassiker der Mehrgenerationen-Perspektive.

Monica McGoldrick
Wieder heimkommen
Auf Spurensuche in Familiengeschichten.
371 Seiten, 43 Farbabb., Kt, 3. Aufl. 2013
29,95€
ISBN 978-3-89670-597-6

Die Bindung an die eigene Familie bestimmt uns ein Leben lang. Und je mehr wir über ihre Geschichte wissen, desto mehr Freiheit gewinnen wir für das eigene Leben.Monica McGoldrick...weiterlesen

Rosmarie Welter-Enderlin
Wie aus Familiengeschichten Zukunft entsteht

159 Seiten, Kt, 2. Aufl. 2015
19,95€
ISBN 978-3-89670-517-4


Der zentrale Schlüssel für die Lösung von Paar- und Familienkonflikten liegt im geschichtlichen Aspekt. Im gemeinsamen Hinschauen auf die miteinander vernetzten Geschichten lassen...weiterlesen

Anne Ancelin Schützenberger
Oh, meine Ahnen!
Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt
253 Seiten, 12 Farbabb., Kt, 9. Aufl. 2018
24,90€
ISBN 978-3-89670-502-0

Ist es möglich, Ereignisse von unseren Ahnen zu „erben“? Wie können Therapeuten solche generationenübergreifenden Verbindungen identifizieren? In diesem Buch erklärt Anne Ancelin Schützenberger...weiterlesen

Satuila Stierlin
Ich brannte vor Neugier!
Familiengeschichten bedeutender Familientherapeutinnen und Familientherapeuten
eBook (PDF) 2011
11,-€
ISBN 978-3-89670-799-4

Welche Anregungen und Kraftquellen fanden die Pioniere der Familientherapie? Gibt es Verbindungen zwischen Ereignissen in ihren Familien und den Wesenszügen ihrer Arbeiten und...weiterlesen