Wer ist eigentlich Carl Auer?
„Was, der Carl Auer? – Ich hätte ihm nachlaufen sollen ...“ (Paul Watzlawick)
Am Anfang der Geschichte stehen zwei geschichtsträchtige Ereignisse im Jahre 1989: zehn Personen (eine Psychologin, eine Handvoll Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, Professoren und ein Philosoph) gründen in Heidelberg den Carl-Auer Verlag und in Berlin fällt die Mauer.1 Über das zweite Ereignis ist genug gesagt, daher können wir uns auf das erste konzentrieren.
Einer der späteren Mitgründer (Helm Stierlin) hatte 1974 an der Universität Heidelberg den neu geschaffenen Lehrstuhl für „Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie“ übernommen und über die folgenden Jahre ein Team Mitwirkender zusammengeführt, die „einander selbst nie ausgesucht hätten“, was zu einer kreativen Mischung der Kompetenzen und Interessen in der Teamarbeit führte. Darin dürfte eines der Geheimnisse des Erfolges dessen liegen, was sich daraus entwickelte.
Alle Gründer und die Gründerin hatten viel Erfahrung in der Arbeit mit sozialen Systemen – seien es Familiensysteme, Gruppen oder Organisationen (zunächst vorwiegend in Universitäten, Kliniken oder psychiatrischen Anstalten) und sie hatten bereits etliche Bücher publiziert.
Von der „Heidelberger Gruppe“ gingen maßgebliche Impulse aus für die Entwicklung höchst innovativer, teils im besten Sinne irritierender Forschungen, Konzepte, Methoden und Settings in Therapie, Beratung und darüber hinaus2. Da einige von ihnen immer öfter als Berater für Unternehmen engagiert wurden, wurde ihnen klar, dass sie in der Psychiatrie – da sie alle dort erhältlichen „Orden und Ehrenzeichen“, d.h. diverse Facharzttitel, Doktortitel, Habilitationen etc., sowie viel klinische Erfahrung besaßen – guten Gewissens sehr unorthodox und innovativ arbeiten konnten, aber das in Unternehmen nicht der Fall war. Unternehmen, die im Haifischbecken eines Marktes unter Konkurrenten überleben müssen, sind eben etwas anderes als Kliniken oder Universitäten, die meist vom Staat getragen wurden.
„Wir können uns nicht vor das Spielkasino stellen und das todsichere System verkaufen, ohne selbst hineinzugehen und es anzuwenden!“ – so formulierte einer der Gründer die Einsicht, die zum Entschluss führte, ein Unternehmen zu gründen. Es durfte kein Beratungsunternehmen sein, sondern es musste eines sein, das materielle Produkte herstellt und verkauft. Da (fast) alle Gründer bereits Bücher publiziert hatten, lag die Wahl auf der Hand: „Wir gründen einen Verlag, obwohl es schon unendlich viele gibt. Aber das ist eine Herausforderung, die wir gern annehmen, wäre ja gelacht!“
So wurde schließlich der Carl-Auer-Verlag gegründet.
Das Kapital, mit dem gewirtschaftet werden konnte, war die internationale Vernetzung. Die Gründer kannten alle weltweit maßgebenden Autorinnen und Autoren im Feld persönlich. Es waren zum Teil langjährige Freunde und Kolleginnen oder sie waren wenigstens auf einem der großen Kongresse aufgetreten, die damals in Heidelberg organisiert worden waren.
Der Reiz der Unternehmensgründung bestand nicht nur im Lernen und Experimentieren des Unternehmertums, sondern auch in der Chance, das kommunikationstheoretische Wissen auf einer neuen Systemebene anzuwenden. Frei nach dem Motto: „Lasst uns in größere Systeme intervenieren: Nehmen wir doch Deutschland, Österreich und die Schweiz!“ (Nur die Lumpe sind bescheiden).
Mit der Gründung des Carl-Auer Verlags entfaltete sich die erhoffte Dynamik:
Neue Erkenntnisse in Theorie und Praxis des systemischen Denkens und Tuns aus der ganzen Welt wurden zusammengeführt und in deutscher Sprache veröffentlicht. So wurden, zum Beispiel, auch die ersten Hörbücher im deutschsprachigen Raum publiziert (Label: „Autobahnuniversität“, Motto: „Jeder Stau bringt Sie weiter!“), und die Vorlesungen Niklas Luhmanns gelten unter Insidern als die meist raubkopierten Hörbücher weltweit (Na ja, wenn es der Allgemeinbildung dient ...).
Heute gilt der Carl-Auer Verlag als der wichtigste deutschsprachige Verlag für systemisches Denken und Handeln u. a. in Therapie, Organisationsberatung und Supervision sowie für Hypnotherapie und Hypnosystemik, aber er gewinnt auch zunehmend Aufmerksamkeit bei der Thematisierung gesellschaftlicher und politischer Fragen aus einer systemtheoretischen Perspektive. Jedes neue Programm bestätigt dies und erweitert eine beeindruckende und nachhaltige Backlist.
Wir können eine Menge davon erzählen, wie sich die Themen, die Buchreihen und schließlich auch die Engagements der Carl-Auer Akademie mit Tagungen und Kongressen sowie mit Video-Channels und dem Carl-Auer Magazin, seinen Podcasts wie Carl-Auer Sounds of Science und Blogs, usw. entwickelten. Am besten bekommt man allerdings ein Bild, wenn man auf dieser Webseite reist, sich in den Fachgebieten und Editionen umschaut – und natürlich, wenn man Carl-Auer Bücher liest.
Zwei Dinge seien an dieser Stelle besonders erwähnt: Zum einen sieht man jedem Carl-Auer Buch schon von außen an, dass es etwas Besonderes ist. Gestaltung und Designs sind attraktiv und unverwechselbar; die Hand greift sehr gerne hin. – Oft kopiert, nie erreicht ...
2013 startete der Verlag (zukunftsorientiert) ein ganz besonderes Programm: Die Bilderbücher bei Carl-Auer Kids die psychologischen und gesellschaftlichen Themen gewidmet sind, die Kinder und ihre Familien beschäftigen und ihnen helfen, alltägliche oder auch ungewöhnliche Herausforderungen neu zu verstehen und mit ihnen gut zurechtzukommen. Sie besitzen eine besondere Qualität, nicht zuletzt auch unter ästhetischen Kriterien.
Über die Jahrzehnte hat sich vieles im systemischen und hypnotherapeutischen Feld entwickelt und verändert. Carl Auer war meist Teil der Avantgarde und musste gelegentlich warten, bis die Zeit und der Zeitgeist hinterherkamen. Er wird jedenfalls weiter seine – hoffentlich verstörenden/anregenden – Impulse setzen, seine Dienstleistung fürs Feld.
Was kommt? – Nach wie vor gilt: We do it Auer way. Carl-Auer bietet reihenweise Innovationen. Gute Investitionen ins Leben.
[1] Über den Namensgeber gibt es viele Geschichten, Gerüchte und Spekulationen. In dem 1990 erschienenen Buch Carl Auer - Geist or Ghost haben namhafte Pionier:innen der systemischen Welt ihre besonderen und merkwürdigen Begegnungen mit Carl-Auer beschrieben. Auch Paul Watzlawicks Einsicht im hier vorangestellten Motto findet sich dort am Ende seiner Beschreibung einer einmaligen Begegnung. Hier kann man alle eindrucksvollen Texte dieses Bandes lesen.
[2] siehe Kollar, A.: „Nur die Lumpe sind bescheiden“