Interview mit Amin Hassanzadeh Sharif über iranische Erzähltraditionen und die Frage, welche einzigartigen Räume Bilderbücher eröffnen
Lieber Herr Hassanzadeh Sharif, wir würden uns gerne mit Ihnen über Bilderbuch- und Erzähltraditionen im Iran unterhalten…
Wenn ich über die Tradition des illustrierten Buches im Iran spreche, sollte ich zunächst einen kurzen Überblick über die historische Beziehung zwischen Text und Bild geben.Ich betrachte den Iran als einen Kultur- und Zivilisationsraum – einen, der zwischen den Zivilisationen Indiens und Europas liegt. Eines der wichtigsten Merkmale dieses Raums ist sein zutiefst literarischer und erzählerischer Charakter. Die Existenz zahlreicher Sprachen und Schriftsysteme, schon vor der Ankunft der Arier auf der iranischen Hochebene, deutet auf eine langjährige Tradition des Geschichtenerzählens und der Erzählkunst hin. Die Kultur der Bücher und des Lesens war schon immer eine der Grundlagen dieser Zivilisation.Diese Zivilisation war jedoch dreimal von der völligen Zerstörung bedroht: zuerst durch Alexander den Großen, dann durch die arabisch-muslimische Eroberung und schließlich durch die verheerende mongolische Invasion. Immer wieder wurden während dieser Invasionen Bibliotheken im gesamten Iran niedergebrannt und zerstört. Viele Geschichten gingen für immer verloren, und die iranische bildliche Tradition wurde nach der arabischen Eroberung besonders stark dezimiert.
Welchen Einfluss hat in historischer Perspektive das Gebot, die Darstellung lebendiger Wesen zu vermeiden, das in vielen muslimischen Kulturen gilt oder zumindest kontrovers diskutiert wird?
Die frühislamische Kultur lehnte gegenständliche Bilddarstellungen entschieden ab, weshalb Wandmalereien und Abbildungen in Büchern weitgehend unterdrückt wurden oder verschwanden. Die iranische bildliche Tradition verblasste allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis. Dies ist besonders bemerkenswert, da in eben diesem Kulturkreis einst ein Prophet namens Mani gelebt hatte, der sein eigenes heiliges Buch persönlich illustrierte. Sein Buch, bekannt als „Arzhang“, entstand während der sassanidischen Zeit. Nach der arabischen Eroberung kämpften die Iraner jedoch intensiv darum, ihre kulturelle Identität zurückzugewinnen. Es gelang ihnen nach und nach, Teile ihrer Geschichten, Mythen, Rituale und Traditionen innerhalb einer neuen politischen und kulturellen Ordnung wiederzubeleben, die von arabischen Kalifen dominiert wurde.In diesem Zusammenhang trat meiner Ansicht nach die bedeutendste Figur der iranischen Literaturgeschichte hervor: Firdausi.Firdausi widmete sich der Wiederbelebung der persischen Sprache, einer Sprache, die das historische Gedächtnis der iranischen Zivilisation in sich trug.Rund fünfunddreißig Jahre lang arbeitete er daran, iranische Geschichten und Legenden zu sammeln und in ein gewaltiges poetisches Epos umzuwandeln, das als „Shahnameh“ oder „Buch der Könige“ bekannt ist.Dieser außergewöhnliche kulturelle Schatz wurde in verschiedenen Epochen der iranischen Geschichte immer wieder illustriert. Heute gilt das „Shahnameh“ von Schah Tahmasp – dessen Seiten mittlerweile auf Museen und Sammlungen rund um die Welt verstreut sind – als eine der größten Errungenschaften der iranischen Miniaturmalerei und zählt als Handschrift zu den wertvollsten illustrierten Büchern der Welt.Aus diesem Grund halte ich das „Shahnameh“ für das bedeutendste literarische Werk des Iran, während das „Shahnameh“ von Schah Tahmasp vielleicht die bedeutendste Errungenschaft der bildenden Kunsttradition des Iran darstellt.Was mich am „Shahnameh“ besonders fasziniert, ist seine außergewöhnliche Verbindung zu den Menschen im Iran. Obwohl der Text in einer hochentwickelten poetischen Sprache verfasst ist, voller komplexer Vokabeln, Mehrdeutigkeiten, Metaphern, Anspielungen und anderer literarischer Techniken, ist er dennoch zugänglich und bedeutungsvoll geblieben. Mehr als tausend Jahre nach seiner Entstehung kann er immer noch gelesen, verstanden und – was am wichtigsten ist – als etwas erlebt werden, das mit dem Leben und der Vorstellungskraft der Menschen im heutigen Iran verbunden ist.
Wenden wir uns also der Gegenwart zu. Welchen Stellenwert hat das Lesen und Betrachten von Bilderbüchern im Leben eines iranischen Kindes?
Ich muss sagen, dass ich seit vielen Jahren nicht mehr im Iran lebe und daher keine genauen Informationen mehr über das aktuelle Leseverhalten oder den dortigen Kinderbuchmarkt habe.Stattdessen möchte ich allgemeiner über die Bedeutung des Bilderbuchs sprechen und darüber, warum ich glaube, dass das physische Buch nach wie vor so wichtig ist – nicht als PDF, sondern als greifbares Objekt.Meiner Ansicht nach nehmen Medien wie Animationsfilme und in jüngerer Zeit auch Videospiele einen großen Teil unseres visuellen Gedächtnisses ein. Gleichzeitig scheint das Bild selbst in der zeitgenössischen Kultur etwas von seiner Bedeutung oder zumindest einen wesentlichen Teil seines Potenzials verloren zu haben.Durch Instagram und ähnliche Plattformen hat sich unsere Art des Betrachtens verändert. Wir springen schnell von einem kleinen Bild zum nächsten, meist innerhalb des begrenzten Rahmens eines Handybildschirms, und begegnen dabei einer enormen Vielfalt an Grafiken, Farben und Formen. In der Summe entsteht dadurch eine Art visuelle Unordnung. Dieser ständige Bildfluss kann uns daran hindern, ein Bild wirklich zu analysieren. Wir sehen Bilder, haben aber nicht mehr unbedingt die Möglichkeit, innezuhalten und sie genau zu betrachten.Auch Animation und Film basieren auf einer linearen Erzählung. Der Zuschauer wird vom vorgegebenen Rhythmus der Geschichte mitgerissen und hat kaum Gelegenheit, stehen zu bleiben und über das Gesehene nachzudenken.Ein Bilderbuch hingegen gibt dem Leser die Freiheit zu entscheiden, wie viel Zeit er auf jeder Seite verbringen und wie viel Zeit er mit dem Lesen des Textes verbringen möchte. Es schafft zudem viel mehr Raum für die Fantasie. Es besteht immer eine Distanz zwischen dem, was nicht gezeichnet, aber im Text vorhanden ist, und dem, was im Text nicht beschrieben, aber im Bild vorhanden ist. Diese Lücke wird im Kopf des Lesers rekonstruiert. Die Vorstellungskraft des Lesers wird Teil des Prozesses, das Werk zu vervollständigen, und genau hier findet der Moment der Entstehung der Erzählung statt.Der Leser kann sogar in das Buch eingreifen und zu einem aktiven Teilnehmer werden. Es gibt viele Bilderbücher, die den Leser zum Mitmachen einladen. Kinder vervollständigen die Bilder in ihren Gedanken, stellen Vermutungen an, ahnen, was als Nächstes passieren wird, und konstruieren Teile der Geschichte selbst.Ich glaube, dass nur das Bilderbuch uns diese Möglichkeit bietet. Deshalb hoffe ich, dass das gedruckte Buch sowohl im Iran als auch überall sonst weiterhin eine starke und bedeutungsvolle Präsenz haben wird.
Mich interessieren nochmals die iranischen Erzähl- und Maltraditionen, die sich möglicherweise in Ihre Bücher eingeschrieben haben und die uns als europäische Leser:innen eventuell verborgen bleiben. Können Sie uns Hintergründe der Entstehung Ihrer Bilderbücher erläutern?
Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen, die vielleicht mit „Der blaue Baum“ in Verbindung steht.In der Stadt Kashmar stand einst eine prächtige Zypresse, die der Legende nach vom iranischen Propheten Zarathustra gepflanzt worden war. Der Baum war so gewaltig und bemerkenswert, dass sich sein Ruhm weit über die Grenzen des Iran hinaus verbreitet hatte.Nach der muslimisch-arabischen Eroberung des Iran befahl der abbasidische Kalif Al-Mutawakkil, den Baum zu fällen. Die Einwohner von Kashmar waren bereit, dem Kalifen 50.000 Goldmünzen zu zahlen, wenn er den Baum verschonen würde. Doch der Kalif blieb hartnäckig, und schließlich wurde der Baum – der zu dieser Zeit vermutlich etwa 1.400 Jahre alt war – gefällt. Sein Holz wurde auf Kamele verladen und nach Samarra transportiert.Der Baum selbst wurde zerstört, doch sein Bild blieb erhalten. Die Form der gekrümmten Zypresse, die Widerstandsfähigkeit, Ausdauer und die Fähigkeit symbolisiert, Widrigkeiten zu trotzen, wurde zu einem der wichtigsten Motive der iranischen Bildkultur: dem „Boteh Jegheh“, das im Westen als Paisleymuster bekannt ist. Es tauchte schließlich im gesamten Iran auf traditionellen Textilien, Teppichen und anderen Formen der dekorativen Kunst auf.Obwohl der physische Baum also gefällt wurde, lebte sein Bild weiter – und in gewisser Weise wurde es sogar noch weiter verbreitet und beständiger als der Baum selbst.Abschließend möchte ich mich ganz herzlich für die Gelegenheit des Gesprächs bedanken. Ich hoffe aufrichtig, dass meine Bücher junge deutsche Leser ansprechen und dass sie in deren Vorstellungskraft und Lebenserfahrung ihren eigenen Platz finden können
Vielen Dank Ihnen für dieses Gespräch!
Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt; im deutschen Text wird das generische Maskulinum verwendet, es sind jedoch immer alle Geschlechter mitgemeint.
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