Diese Woche war ich bei einer Tagung zum Thema Design Thinking (veranstaltet vom neu gegründeten MZ-X, siehe die Website).

Dabei handelt es sich um eine Methode, die ursprünglich wohl (wenn ich das richtig mitbekommen habe) an der Design School in Stanford entwickelt wurde. Wie vor diesem Hintergrund zu erwarten: Es ist ein Weg, innovative, neue Produkte zu kreieren.

Das Prinzip besteht (aus systemischer Perspektive) darin, dass eine heterogen zusammengesetzte Gruppe kreativer Menschen im Idealfall in einen strukturierten (d.h.: moderierten) Kommunikationsprozess versetzt wird, bei dem strenges und lockeres Denken der Teilnehmer in geordneter Weise kombiniert werden. Dieser Kommunikationsprozess ist also - wer hätte es anders erwartet - designet. Dabei wird, soweit das geht, der Prozess der individuellen Kreativität auf Kommunikation übertragen.

Vieles von dem, was dabei gemacht wird, ist aus systemischen Verfahrensweisen bekannt: Zukunfts- und Lösungorientierung, Analyse der relevanten Umwelten, funktionale Betrachtungsweise usw.

Was für mich neu war, ist die Produktion eines Prototyps ("Prototyping"). Nach einer Phase der Beobachtung und Analyse ("strenges Denken") und einer des freien Assoziierens ("loses Denken") wird ein Objekt erstellt, an dem überprüft wird, ob die phantasierten Funktionen auch erfüllt werden, welche nicht-beabsichtigten Nebenwirkungen auftreten usw., damit dieser Prototyp verändert bzw. zum Gegenstand des Lernens werden kann. Hier wird die in den systemischen Beratungsmethoden geforderte Konkretisierung von Lösungsideen und -bildern noch einen Schritt weiter getrieben. Aus der Externalisierung wird eine Materialisierung.

Da das Ganze ein kollektiver Kreationsprozess ist, ist es meist auch lustvoll, so zu arbeiteten.

So weit, so gut.

Problematisch wird die Angelegenheit m.E. erst dann, wenn - wie es Amerikaner oder diejenigen, die sich vorwiegend an ihnen orientieren, gerne tun - solch eine pragmatisch nützliche Methode aus ihrem Kontext lösen und auf andere Bereiche anwenden. Zum Beispiel: Design Thinking als eine Methode des Managements...

Auch hier bin ich noch einverstanden, wenn es z.B. darum geht, in einem Leitungsteam Entscheidungen zu finden, wie mit der Unberechnbarkeit der Zukunft umgegangen werden soll, wie die Märkte der Zukunft phantasiert und bearbeitet werden etc. Nicht die Vergangenheit ist der Maßstab, sondern die - noch zu beeinflussende - Zukunft.

Aber - und da fängt es an schwierig zu werden mit solchen pragmatisch nützlichen Methoden - dieses Verfahren, das eher darauf setzt, Unberechenbarkeit (=Kreativität) frei zu setzen, ist nicht ohne weiteres in den Kontext von Organisationen zu übertragen. Denn die bzw. deren Rationalität setzen auf Absorption von Unsicherheit, auf Routinen, auf Wiederholung und Re-Inszenierung des Alten und Bewährten.

Das macht Organisationen erfolgreich und daran scheitern sie auch. Deswegen gibt es hier eine basale Paradoxie, die m.E. zu wenig reflektiert wird von den Designern. Sie verfügen (abgesehen von wenigen Ausnahmen) über keine Organisationstheorie, die ihnen einen Reflexionsrahmen zur Verfügung stellen würde und z.B. erklären könnte, warum manche Projekte erfolgreich sind und andere scheitern.

Obwohl im Prozess des Design Thinkings - sehr erfolgreich - soziale (=Kommunikationsprozesse) designet werden, ist den Beteiligten kaum klar, was sie da tun. Sie konzeptualisieren ihre Methoden individuumzentriert, sehen nur die Addition von Menschen, sehen aber nicht die sie verbindenden Muster der Kommunikation (kaum im jeweiligen Projekt, gar nicht in der Organisation).

Wie gesagt: Es gibt ein paar Ausnahmen, und ich bin sicher, dass der eine oder andere von ihnen demnächst ein Buch über Design Thinking aus systemischer Perspektive schreiben wird.

Die anderen - die Mehrheit - erinnert mich an das von mir ja so gern zitierte Statement Marcel Reich-Ranickis zu einem Roman von Anna Seghers: "Und dann merkte ich: Sie hat ihren Roman nicht verstanden!"

Design Thinker: Viele sehr kreative Leute, die Sinnvolles tun, aber nicht wissen, was sie da eigentlich tun. Das ist natürlich nur ein Problem, wenn man das Ganze weiterentwickeln oder eine Lehre betreiben will, die über reine Imitation hinaus geht.