Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser!

Wer von Ihnen hat sich noch nicht mit Fragen rund um das Thema „Gender“ auseinandergesetzt? Alte Fragen, neue Antworten, alte Antworten, neue Fragen? Ich stelle mich ihnen gerne, mit steigender Neugier und lange gewachsenem inneren Commitment einerseits, spüre aber auch immer wieder erhebliche Widerstände und Grenzen aufgrund bestimmter gut gelernter Muster, andererseits. Zu eng verwoben sind mir da manchmal individuelle, meist als gefühlsmäßige Betroffenheit auftauchende, interaktionelle, strukturelle und symbolische Ebene.

Gerade in den Bereichen, mit denen wir uns im Forschungsfeld Palliative Care und OrganisationsEthik beschäftigen, ist die Perspektive auf Geschlechterverhältnisse eine hoch spannende Aufgabe. In Palliative Care, einem WHO – Konzept zur interdisziplinären, an höchstmöglicher Lebensqualität orientierten Betreuung von schwerkranken und sterbenden Menschen, sind Strukturdaten (beginnend mit „sex-counting“), wie ich letzte Woche bei Irene Berlach-Pobitzer und Erich Lehner gelernt habe, schwer auffindbar. Beobachtungen aus Projekten und Lehrgängen lassen auf eine klassische Aufgabenteilung auch in der Betreuung am Lebensende schließen: Pflege, Kommunikation und Koordination als „weiblicher“ Beitrag, medizinische Betreuung und Leitung als „männliche“ Domäne.

Die Anführungsstriche verwende ich, da natürlich durch diese Art der Beschreibung gleichzeitig eine Zuschreibung erfolgt, die als „Doing Gender“ verstärkt, was eigentlich aufzulösen gilt: Strukturelle Ungleichheiten. Der mögliche Ausweg im „doppelten Blick“ von Carol Hagemann-White ist mir im Tun noch nicht geläufig. Darin soll einerseits die Geschlechtszugehörigkeit als Alltagswirklichkeit regelmäßig konstruiert werden. Andererseits soll dann in der Reflexion verstehende Distanz geschaffen werden. Durch diese zweifache Beschreibung werden Geschlechtsdifferenzen abwechselnd ernst genommen und außer Kraft gesetzt.

Bleibe ich also im ersten Beschreibungsmodus, in dem ich die, in der sozialen Realität wirksame Dichotomisierung „Frau“ - „Mann“ übernehme und schaue mir darüber Altenpflege, als einen Bereich für den Palliative Care immer wichtiger wird, an, so komme ich zu dem Schluss: Wir bewegen uns in Frauenwelten. Diese sind gekennzeichnet durch einen hohen Anteil an zu betreuenden Frauen und einen hohen Anteil an weiblichen Pflegenden, sowohl als professionelle Pflegerinnen als auch als weibliche Angehörige.

Nun, der folgende zweite, distanzierende Reflexionsblick gelingt mir nur schwer. Könnte er sein: *Aufgrund der historisch gewachsenen Arbeitsteilung und Definition von Pflege als zur Frauenrolle zugehörig, übernimmt die Beibehaltung dieser Konstruktion eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft der „hegemonialen Männlichkeit“?* Oder: *Die Lebenslagen aller Männer und Frauen ergeben sich aus ihren unterschiedlichen „Normalbiografien“, die das Armutsrisiko von alten Frauen und damit ihre Angewiesenheit auf solidarische Unterstützung erhöhen?* Oder auch simpel: *Die Lebenserwartung von Frauen übersteigt die der Männer, weshalb innerfamiliäre männliche Pflege weniger wahrscheinlich ist (von welchem Familienbild allerdings wird dabei ausgegangen!)?* Entscheidungen für die gewählten Reflexionskontexte wären wohl angesagt. Über die Dichotomisierung bin ich leider noch in keinem dieser Denkansätze innerhalb des gewählten Feldes hinaus gekommen. – Für Anregungen wäre ich hier dankbar!

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich jedenfalls auch, dass die Geschlechterperspektive in der als „Pflegenotstand“ geführten Diskussion in Österreichs Medien kaum berücksichtigt wird. Hierbei geht es um die Betreuung zu Hause, die über offizielle Angebote nicht in der Form (24-Stunden-rund- um die Uhr Betreuung) übernommen und finanziert werden kann, wie es nötig ist. Daher leben pflegende Frauen aus der Slowakei, Tschechien oder andern östlichen Nachbarinnenländern illegal, für ein geringes Taschengeld, mit den zu pflegenden alten Menschen unter einem Dach. Die vordringlich zu lösende Frage in diesem Zusammenhang ist zunächst die, wie dies alles Rechtens und unter zumutbaren Bedingungen geschehen kann. Das ist wichtig, denn aktuell können sie und auch die Familien, die Hilfe und Unterstützung benötigen in eine problematische Illegalisierungsfalle tappen.

Gleichzeitig bleibt aber die Notwendigkeit zu Überlegungen und Entwicklungen längerfristiger Perspektiven und struktureller Veränderungen gerade im Bereich der Begleitung, Betreuung und Pflege hochbetagter, oft demenziell veränderter, meist multimorbider Menschen offen. Und spätestens hier, so meine ich, ist es wieder lohnend, die Geschlechterbrille aufzusetzen: Welche Maßnahmen haben welche Effekte auf die Geschlechter? Wie viel sind uns als Gesellschaft die alten, pflegebedürftigen (vorwiegend weiblichen) Menschen und ihre (vorwiegend weibliche) Betreuung wert? Wer übernimmt Fürsprecherinnenrollen für einen in der Öffentlichkeit meist unterbelichteten Versorgungsbereich?