Am letzten Freitag habe ich von Hannover nach Berlin 4,5 Stunden mit dem ICE gebraucht. Das ist neuer Rekord.
Aber irgendwie hat es mich nicht aufgeregt. Es war anders als fast alles, was mir die Bahn sonst antut. Denn ich bin ein großer Anhänger des Streikrechts. Dass es eine kleine, elitäre Gewerkschaft war, die da ihre Ansprüche durchzusetzen versuchte, mag ein wenig problematisch sein, aber die Tatsache, dass gestreikt wird, beweist: die Idee gewerkschaftlicher Organisation funktioniert noch.
In Wisconsin, einem nicht sehr bekannten Bundesstaat der USA, wird zur Zeit ein Kampf um ein Gesetz ausgefochten, das die Rechte der Angestellten im öffentlichen Dienst, gemeinschaftlich Tarifverträge auszuhandeln, beschneidet.
Dies scheint mir ein Beleg dafür, dass in weiten Kreisen der politischen Klasse der USA immer noch nicht gesehen wird, wozu Gewerkschaften gut sind: ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herzustellen. Der Einzelne, der in einer Organisation arbeitet, ist austauschbar (= machtlos), das Kollektiv derer, die da arbeiten aber nicht.
Checks und Balances ist eine der Grundideen, auf denen der Erfolg des amerikanischen Systems beruhte. Keine absoluten Herrscher, sondern Macht und Gegenmacht in der Balance. Doch diese Idee hat immer weniger Anhänger, sowohl in der US-Politik als auch in der US-Wirtschaft.
Das Erfolgsmodell Europas nach dem Zweiten Weltkrieg war der soziale Ausgleich. In Deutschland war dies besonders gut zu beobachten. Dieses Modell sollten wir pflegen und hegen...
Und dafür ist es auch okay, mal ein paar Stunden länger auf dem Bahnhof zu stehen...