Eine der interessanten Wirkungen des Falls Guttenberg ist, dass in Deutschland, wo elitäres Bewußtsein bei Intellektuellen eher verpönt erscheint, sich auf einmal so etwas wie ein Standesbewußtsein derer, die sich den Wissenschaften zurechnen oder bestimmten Ansprüchen an Wahrhaftigkeit und Originaltität von Ideen verpflichtet fühlen, aber auch von durchschnittlichen "Bildungsbürgern", zeigt.

Es sind Leute, die offensichtlich nicht zu den 75% gehören, die der Meinung sind, Guttenberg solle im Amt bleiben. Und es macht ihnen auch offenbar gar nichts aus, in der Minderheit zu sein. "Fresst Scheiße, Millionen von Fliegen können sich nicht irren."

Was mich erstaunt - aber auch rührt - ist die starke emotionale Reaktion auf die "Schummeleien" Guttenbergs. Solche Reaktionen sind immer dann zu beobachten, wenn elementare, mit der Identität der betroffenen Personen verbundene, kulturelle Regeln verletzt werden ("grammatische Regeln"). Auf einmal wird bei Menschen, die sich nie und nimmer zu irgendwelchem elitärem Bewußtsein bekannt hätten, deutlich, dass sie mit solchen Leuten wie Guttenberg nichts zu tun haben wollen. Er wird zum Outcast. Die Reaktion ist eine - mir (und jedem Außenstehenden) teilweise in ihrer Stärke unangemessen erscheinende - Verachtung für diesen Menschen: "Loser", "nicht satisfaktionsfähig", sind private Äußerungen, die ich schon gehört habe.

Und in gutbürgerlichen Zeitungen wie der FAZ, der Süddeutschen, dem Tagesspiegel, der Financial Times Deutschland etc. wird deutlich, dass da Menschen sitzen, für die diese Angelegenheit noch lange nicht zu Ende ist (und die sich auch nicht abfinden werden, mit solch einem Minister).

Die Aufregung ist weit größer als bei Roland Kochs oder Helmut Kohls Parteispenden- oder sonstigen Schmiergeldaffären. Es geht offensichtlich um etwas anderes.

Moral, so hat Niklas Luhmann überzeugend dargestellt, regelt die Achtung zwischen Menschen. Wer gegen elementare moralische Erwartungen verstößt - wie Guttenberg - wird mit Verachtung bestraft. Und es sind so antiquiert erscheinende Werte wie "Ehre", die über die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft sich gegenseitig achtender Menschen entscheidet. Wer sich unehrenhaft verhält, wer seine Ehre verliert, wird nicht mehr geachtet - und wenn er noch dazugehören will, dann muß er etwas tun, um sich die Achtung seiner "Standesgenossen" wieder zu erwerben.

Üblicherweise werden solche Regeln dadurch aufrechterhalten, dass die Beteiligten sich einem Verhaltenskodex unterwerfen, der ihre Selbstachtung sichert. Wer nicht genug Selbstachtung (Anstand) besitzt, um nach solch einem "Fehler" zurückzutreten, wird auch von anderen nicht geachtet, weil er sich als "unanständig" demaskiert hat.

Mich würde ja interessieren, wie Guttenbergs Eltern damit umgehen, solche einen "Lügner", "Betrüger", "Täuscher", "Blender" (nicht gerügte Bezeichnungen aus der Bundestagsdebatte) groß gezogen zu haben...

Es fällt ja immer auf die Eltern zurück, wenn man solch einen unaständigen "Karrieristen" herangezogen hat. Oder?