Sie haben sich mit Kaffee und Wasser versorgt und sind zum Gespräch in sein Arbeitszimmer gegangen. Sie stehen ein wenig fröstelnd herum. Herr S. hat die Balkontür weit aufgemacht, um frische Luft und klare Gedanken hereinzulassen. Sie wissen: Gleich wird Tacheles geredet. Gleich geht es ans Eingemachte. Unangenehmes können wir nicht aussparen, dafür sind wir nicht den weiten Weg gekommen.
Vielleicht muss ich noch einmal zur Toilette? Aber nein, Herr S. schließt die Balkontüre und spricht wärmende Worte. Wir setzen uns.
Die Sitzfläche des Ledersessels ist kalt und glatt. Die Kälte kriecht in meinem Unterleib herum.
Vielleicht sollte ich lieber doch noch mal schnell rausgehen?
Herr S. schiebt die große, weiße Schiebetür mit den geschliffenen Scheiben zu.
Die Tür ist etwas widerständig. Sie quietscht und rumpelt wie eine alte Straßenbahn, die gleich aus den Gleisen springt.
Zu. Jetzt ist sie zu.
Herr S. schaut mich an.
Nein, Danke, kein Wasser für mich, auch keinen Kaffee. Eine Decke würde ich gern um mich legen, aber darum bitte ich jetzt natürlich nicht. Das wäre vollkommen unpassend. Sonst ist es ja ein schönes Zimmer. Ein bisschen verstaubt mit all den Büchern und Blättern und Umschlägen. Ob da niemand saubermacht? Ob der hier alleine lebt? Oder ob der eine Frau hat? Vielleicht ist sie ihm schon weggestorben. Sicher hat er jemanden, der ab und zu mal saubermacht und jetzt ist das gerade lange her und nächste Woche erst wieder dran.
Wie bitte? Wann dieser Streit um das Erbe, um die Führung in der Firma, dieser Zwist zwischen meinen Brüdern angefangen hat?
Na, ja, eigentlich ist das kein richtiger Streit, mehr dass es verschiedene Meinungen gibt. Eigentlich wollen beide dasselbe, dass es der Firma gut geht, dass sie gut geführt wird im Sinne meines verstorbenen Vaters.
Seit wann er tot ist?
Eigentlich ist er nicht tot. Er lebt ja weiter durch die Firma und durch uns, die Familie. Es ist nur im Moment schwierig zu wissen, wie er sich verhalten hätte.
Na, gut, er hätte gesagt, der ältere, also der Jens, hat das Sagen.
Mädchen haben ja nichts zu sagen. Die heiraten ja sowieso, und haben dann Männer, die was zu sagen haben oder auch nicht, aber dann sind es keine richtigen Männer und die Frauen sind dann auch keine richtigen Frauen.
Ich nehme mir mal einen von den Schokoladenkeksen, obwohl die auch etwas verstaubt aussehen.
Gut, Jens hat ja viele Interessen und eigentlich keine Lust auf die Firma...
Ja, aber einer musste sich ja kümmern, und dass der Hans es nicht bringt, liegt ja auf der Hand. Ehe alles den Bach runter geht... Also bitte, was denn?!
Ja, fragen Sie ihn doch mal! Da können wir ja gleich alles verschenken. Wäre vielleicht eh’ das Beste.
Hör doch auf zu heulen, Mutti! Wir streiten doch gar nicht! Aber wir sind hier, um eine Lösung zu finden. Was meinst du denn zu dem Ganzen? Auf welcher Seite stehst du denn eigentlich?
Ach, sei still, ich weiß schon. Du willst Frieden in der Familie, und dass es nicht ums Geld geht, sondern um das Lebenswerk, eine Idee, die Arbeitsplätze, die Verantwortung, die wir schuldig sind!
Wer hat eigentlich mir gegenüber Verantwortung gezeigt, als ich jahrelang in diesem Scheiß-Internat verrotten musste?
Ja, war teuer, und ich war nicht gut in der Schule, ich weiß schon.
Aber vielleicht kann Hans ja auch mal was sagen und nicht nur blöd grinsen!?
Ach, nein, er sagt nichts! Natürlich, er drückt sich ja anders aus! Was denn? Wo denn? Auf dem Klo? Oder Pickel vor dem Spiegel? Ach nein, wirklich, im Atelier, mit Farben und Bildern. Na, super, schon mal was verkauft?
He, he, hee, nicht so stürmisch. Kannst wohl die Wahrheit nicht vertragen.
O.K. ich bin schon still.
Ja, wenn er nicht will, meinetwegen soll doch Ilona für ihn sprechen. Die beiden hängen ja schon immer zusammen.
Hans hat eigentlich gerade eine gute Phase. Er ist sehr kreativ und produktiv und hat Anschluss an einen Künstlerkreis gefunden, wo er sehr geschätzt wird. Das sah schon einmal alles viel schlechter aus, damals, als er aus der Lehre rausgeflogen war. Und aus der zweiten auch, und ich weiß nicht, wie viele noch danach kamen. Und als er dann schließlich zu Papa in die Firma kam, da ging es ihm wirklich nicht besonders. Alle waren skeptisch, keiner hat ihm mehr groß was zugetraut. Doch dann hat er Mara kennen gelernt...
Ach, Gott ja, die kleine Schlampe! – Hey hey, bleib cool, John Boy!
Da hat er alles hingeschmissen und ist weg mit ihr. Gut, wir haben gedacht, das war’s jetzt. Nun ist alles zu spät. Wir geben auf. Keine Ahnung, dem ist nicht mehr zu helfen. Mutter hat nur noch geheult. Und dann haben wir ja lange nichts gehört oder nur sehr wenig...
Geld haben wir aber schicken dürfen, und nicht nur sehr wenig, nach Südfrankreich oder Gomera oder wohin auch immer...
Ach, halt doch die Klappe! Und du? Du hast kein Geld gekostet in der Zwischenzeit oder was? Studium, kleiner Sportflitzer, natürlich nur gebraucht, Papa! Und die angesagte Bude in Mitte! Muss sein, wir haben’s ja!
Pass auf, du! Du bist ja nur neidisch, weil du immer nur zu Hause rumgehockt hast! Auf dem Schatz der Nibelungen, sozusagen.
Na, klar, das hat mir ja auch solchen Spaß gemacht! Sonntags in die Kirche mit Mutti, abends die Bratkartoffeln für den Papa, und mittwochs die Omi besuchen, und zwischendurch mit dem Hund raus und, und, und. Hab ich alles gern gemacht!!
Hast du das denn nicht gern gemacht? Du hast nie was gesagt... Ich hätte mir doch Hilfe holen können!
Doch, doch, doch, ich habe es gern gemacht, Mama! Ich lasse dich doch nicht im Stich! So eine bin ich nicht. Könnte mir ja nicht mehr ins Gesicht sehen im Spiegel!
Ja, Herr S., jetzt sagen Sie doch auch mal was und nicht nur immer: Pssst! Bitte ausreden lassen!“ Jetzt wollen wir mal konkrete Vorschläge hören, Anregungen! Wo können wir ansetzen? Wie ist der Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen?
Hm? Teuer genug ist der Termin bei Ihnen ja. Also los, was geht?