"In der Tat gibt es zum Beispiel nichts Fataleres, als Geld zu haben, aus guter Familie, von angenehmem Äußerem, nicht ungebildet, nicht dumm, ja sogar ein guter Mensch zu sein und zugleich keinerlei Talent, keinerlei Eigenart, keinerlei Marotte, sogar keinerlei eigene Idee zu besitzen und ganz und gar zu sein »wie alle«. Man hat Geld, aber weniger als Rothschild, einen ehrlichen Namen, der sich aber nie ausgezeichnet hat; ein ansehnliches Äußeres, das aber wenig ausdrückt; eine ganz ordentliche Bildung, mit der man aber nichts anzufangen weiß; einen Kopf, aber ohne eigene Ideen, ein Herz, aber ohne Großmut, und so weiter, in jeder Hinsicht. Solche Menschen bevölkern die Welt in ungeheurer Anzahl, es sind ihrer sogar viel mehr, als man glaubt; sie lassen sich, wie die Menschen überhaupt, in zwei Kategorien einteilen: die Beschränkten und die »viel Klügeren«. Die ersten sind sind die Glücklicheren. Dem beschränkten »gewöhnlichen« Menschen fällt nichts leichter, als sich für einen ungewöhnlichen, originellen Menschen zu halten und sich jenseits aller Zweifel daran zu delektieren.[...] So brauchten einige in ihrem Herzen auch nur den Hauch einer allgemein menschlichen positiven Empfindung zu verspüren, um augenblicklich davon überzeugt zu sein, daß niemend sonst so zu empfinden imstande sei und daß sie die Spitze des allgemeinen Fortschritts bildeten. So brauchte mancher nur einen fremden Gedanken aufs Wort zu übernehmen oder irgendwo mitten heraus eine Seite zu überfliegen, um sofort zu meinen, dies seien seine »eigenen Gedanken«, seinem eigenen Gehirn entsprossen. Die Impertinenz der Naivität, wenn man diesen Ausdruck gestattet, grenzt in solchen Fällen ans Wunderbare; all das scheint unglaubwürdig, kommt aber jeden Augenblick vor.
[...]
Aus Sucht nach Originalität bringt mancher Ehrenmann es über sich, sogar eine unehrenhafte Handlung zu begehen; es kommt sogar vor, daß einer dieser Unglücklichen nicht nur ein Ehrenmann ist, sondern sogar herzensgut, für seine Familien die Vorsehung selbst, und mit seiner Hände Arbeit sogar Fremde unterstützt und ernährt, nicht nur die eigenen Angehörigen - und weiter? Sein ganzes Leben lang finder er keine Ruhe!"
F. Dostojewski: Der Idiot
(in der Übersetzung von Swetlana Geyer, Fischer Taschenbuch Verlag, 2009,
S. 637ff.