Nun ist er doch schneller gekommen, als vermutet. Aber unvermeidbar war er: der Rücktritt von Guttenberg.

Einer der Gründe, warum er unvermeidbar war, den diejenigen, die ihn im Amt halten wollten, nicht gesehen haben, war der Unterschied zwischen Inhalts-/Sachdimension und Beziehungs-/Sozialdimension der Kommunikation.

Es ging eigentlich nie um die Inhalte. Es geht bei Promotionen (wie der Name sagt) nie um irgendeine Sache (wissenschaftliche Bücher kann man immer schreiben, aber das ist was Anderes), sondern um die Veränderung des Status des Schreibers.

Promotionen sind Initiationsrituale. Die muss man durchlaufen, wenn man die Grenze (=Aufstieg) zu einem neuen sozialen Status überschreiten will. Wenn diese Grenze zu leicht zu überschreiten ist, dann ist die Zugehörigkeit (dieser kleine Unterschied) nichts mehr wert. Und wenn man jemanden bei diesem Ritual betrügen lässt und ihn nach Aufdeckung ungeschoren davon kommen läßt, dann disqualifiziert man sich als jemand, der zu dieser abgegrenzten Klasse oder Kaste gehört, ebenfalls. Die eigene Ehre wird verletzt.

Ehre ist an Zugehörigkeit zu einem solchen sozialen Subsystem gebunden ist. Wer vor hundert Jahren einen anderen "Arschloch" nannte, hatte ihn nur dann beleidigt, wenn beide demselben sozialen Stand angehörten. Wer niedriger gestellt war, konnte einen Höhergestellten nicht einmal beleidigen (="nicht satisfaktionsfähig").

Das Duell im Morgengrauen war nicht der Versuch, den anderen umzubringen, sondern ein Ritual, um die Ungleichheit zwischen Beleidiger und Beleidigtem zu heilen, indem beide sich derselben (!) Gefahr aussetzten. Auf diese Weise konnte die Beziehung zwischen Ehrenmännern wieder resymmetrisiert werden.

All das haben diejenigen nicht verstanden, die dachten oder denken, es ginge um die Bedeutung von "Abschreiben".

Dass Karl-Theordor das verstanden hat, scheint mir ebenfalls zweifelhaft, wenn ich mir die Art seines Rücktritts anschaue. Denn da war nichts drin, was auf seinen Wunsch nach Resymmetrisierung deutete. Denn die wollte er ja wahrscheinlich auch nicht.

Er hat bis dato immer nur die Asymmetrie zwischen Schloßherrn und Gesinde angeboten. Die vielen Leute (z.B. Soldaten), die ihn toll fanden, waren dankbar dafür, dass ein hoher Herr ganz wie ein normaler Mensch mit ihnen redete.

Diejenigen, die ihn fallen sehen wollten, gehörten nie zu dieser Klasse von Untertanen. Sie haben gemerkt - spätestens anhand der Doktorarbeit -, dass er nur so getan hat, als wolle er zu ihnen (den guten alten Bildungsbürgern) gehören. Wer adlig geboren wird, macht sich letztlich ja mit dem Mann von der Straße gemein, wenn er promoviert - wenn man das mal nüchtern betrachtet.

Jetzt stimmt für alle Beteiliten die Ordnung der Welt wieder...

Bleibt noch die dritte Sinndimension der Kommunikation: die Zeit. Das Timing war auch nicht besonders gut. Eigentlich war der Rücktritt zu spät. Wenn man jemanden aus dem Amt tragen muss, dann ist die Rückkehrmöglichkeit begrenzt. Allerdings ist dies ein Punkt, der wahrscheinlich am schnellsten vergessen wird. Deswegen ist die Rückkehr des Herrn zu Guttenberg in die Politik nicht vollkommen ausgeschlossen.

Er könnte die Zeit ja nutzen, um zu promovieren....