Ich beschäftige mich jetzt schon seit einigen Jahren intensiv mit der Behandlung von Traumata. Gestern erlebte ich etwas in meiner Praxis, mit dem ich heute gern etwas „rumkehren“ möchte, da vieles dort so verkehrt war.

Eine Frau, die vor einigen Jahren in einer meiner Aufstellungsgruppen teilgenommen hatte und anschliessend für einige Einzelstunden in meine Praxis kam, hatte mir damals auch ihre etwa sechzehnjährige Tochter geschickt.
Sie sollte eine Traumabehandlung von mir bekommen, da sie Alpträume hatte und die Mutter war der festen Überzeugung, dass es in der frühen Kindheit der Tochter eine Vergewaltigung gegeben haben musste. Ein Nachbar oder Freund der Familie wurde von der Mutter als Täter angegeben. Meine Arbeit mit der Tochter bestätigte die Dramatik, die die Mutter in die „Vergewaltigung“ hineinlegte, nicht. Sie zeigte viel eher, dass die Tochter Probleme der Mutter auszutragen hatte. Die Alpträume konnten mit Hilfe dieser Sichtweise aufgelöst werden.
In der letzten Woche rief die Mutter wieder aufgeregt an und wollte einen dringenden Termin für die Tochter, weil eine „Gewalttat“ in der Familie passiert sei und „alles von der Vergewaltigung wieder hochgekommen sei“. Die Tochter brauche wieder eine Traumabehandlung.

Ich wusste aber durch andere Systemangehörige ohne dass sie wussste, dass ich es wusste, dass diese Mutter seit einiger Zeit eine Beziehung zu einem anderen Mann hatte, der ebenfalls verheiratet war und Kinder hatte.
Als die Tochter dann in die Praxis kam, schilderte sie eindringlich, dass jetzt endlich klar sei, dass damals der eigene Vater der war, der sie vergewaltigt hatte und er deshalb der schlimmste Mensch auf Erden sei usw. usw.
Mit meinen Hintergrundinformationen, die ich sicherlich auch direkt hätte erfragen können im Sinne von: „was ist jetzt gerade in der Familie los?“, konnte diese Schreckensvision des Vaters demontiert werden. Sie war ein Produkt der Mutter, um deren jetzige Beziehungssituation zu legitimieren und noch einiges mehr.

Die Fragen, die mir dann durch den Kopf gehen sind: was wäre passiert, wenn ich alles vordergründig für bare Münze genommen hätte, was Klienten mir anbieten? Ist jedes Trauma wirklich ein Trauma? Oder wird dieses „Modewort“ systemisch benutzt, um eigene im schlimmsten Fall aggressive und destruktive Impulse zu kaschieren, indem man anderen ein Trauma anhängt? Wie gut, dass Therapeuten für einen Blick für die Hintergründe und Untergründe ausgebildet sind (im besten Fall sollte es ja so sein, denke ich) und nicht alles vom Klienten Angebotene sofort ergreifen und damit arbeiten.

So viel für heute. Jetzt muss ich mich beeilen, um in die Praxis zu kommen. Es hat Glatteis.