Gestern habe ich ein Seminar in Mailand gegeben. Es haben etwa 100 Personen teilgenommen (was den Seminarcharakter ein wenig beeinträchtigte), unter denen - wenn ich richtig gezählt habe - sich fünf Männer befanden. Einer war der Leiter des einladenden Instituts (Luigi Boscolo), ein zweiter war Trainer des Instituts, ein dritter werdender Trainer. Bleiben also noch zwei männliche Teilnehmer auf etwa 98 weibliche Teilnehmerinnen.
Es gibt ja Studien, die besagen, dass das öffentliche Ansehen einer Profession mit dem Prozentsatz der Frauen, die ihn ausüben, sinkt. Es scheint also nicht so sehr gut um die Repution der Familientherapie in Italien zu stehen.
Die hundert Leute sind nicht etwa gekommen, weil ich so bekannt in Mailand bin (ganz im Gegenteil, ich vermute: Kein Schwein kennt mich), sondern weil es sich um eine Pflichtveranstaltung im Rahmen des hoch durchstrukturierten und formalisierten Ausbildungsgangs zum Familientherapeuten handelte.
Italien ist ja überreguliert (dazu habe ich schon früher mal an dieser Stelle geschrieben). Das führte dann gestern zu solchen bei uns wenig vorstellbaren - aber hier vorgeschriebenen - Auswüchsen wie Anwesenheitslisten, in die sich die Teilnehmer am Anfang und am Ende der Veranstaltung eintragen mußten. Ein Festival der Kontrollidee.
Was mich auch noch wunderte, war die Zahl der Ausbildungsteilnehmer. Das Boscolo-Institut hat diverse Dependencen in Italien und insgesamt ca. 700 Ausbildungsteilnehmer italienweit. Wenn man dann noch all die anderen Institute hinzurechnet, die privaten wie die universitären, dann kann man die Hoffnung/Befürchtung hegen, dass in absehbarer Zeit für jede italienische Familie ein eigener Familientherapeut zur Verfügung steht - einer dessen Anwesenheit bei den 500 vorgeschriebenen Lehrstunden (vier Jahre) auf jeden Fall sorgfältig kontrolliert wurde... Aber einer, dessen Ansehen - und damit wohl auch Wirkung - nicht sehr groß sein dürfte.