Stefan Braun
NASSE ERDE
Die Bewegungen meiner Finger über den Touchscreen korrelieren mit meinem Atem. Ich scrolle in dem Rhythmus, der mich Luft holen, der mich leben lässt. Die Vielzahl an Eindrücken, die mich so – ein- und ausatmend – erreichen, fügen sich in meine innere Verfassung wie Stücke nassen Erdreichs ein – ein verbackenes Durcheinander – unauflösbar.
Ein unablässiges Flackern von Sicht- / Hör- und Lesbarem geht ein in meine vegetative Kreatürlichkeit: Was kommt da auf mich zu – warum diese dichte Taktung von Scroll-Input? Ich könnte doch langsamer scrollen ... ja, könnte ich? --- So einfach ist es nicht. Der Feed selbst untertunnelt prinzipieller – in Verschwisterung mit meinem Atem – jedes Feststellen-Können. Alle Einzelinputs kippen dabei – einatmend – ins Kontingente und entziehen sich ihrer Zufälligkeit dann gleichzeitig durch Überlagerung. Jeder Impuls: nur Anlauf des nächsten. Der atmende Feed wird – weil Atmen mein Leben ist – mein Leben.
Nie hole ich TikTok scrollend ein. TikTok war – wenn ich einstieg – immer schon da. Ich hole Instagram nicht ein – oder Snapchat. Und KI erst recht nicht. Neuronale Vernetzung kommt von sich aus auf mich zu: ein neues Apriori meines Seins. Die Daten: unhintergehbar stets vor mir am Start.
Die Daten: eine unendliche Oberfläche – ohne Echo / ohne Schatten. Verbacken mit unseren Seelen, unseren Körpern / mit Glaube und Gefühl baut der Filz uns selbst zu Oberflächenphänomenen um. Mathematik / Algorithmen / binäre Codes öffnen – nach dreitausend Jahren – dabei wieder die Tore für Geschichten. Mythen im Sekunden-Digitalformat generieren ihre eigenen Wahrheiten.
Deren Gültigkeit resultiert aus inflationärer Repetition immer desselben: Dinge schöpfen ihr Gewicht aus dem Maß ihrer Bekanntheit und der Rate ihrer Wiederholungen. In sozialen Medien – den neuen Mythos-Wahrheits-Fabriken – geht es um Klicks. Die Raten von Abrufen ziehen ihre Furchen.
Und nun: Philosophie.
Logos statt Mythos: erneut das Mittel der Wahl – nun auch gegen die Wahrheitsfabriken des Social-Media-Content?
ENTKERNUNG
Gewinnen, woran man sich halten kann.
Das verspricht Philosophie.
Zunächst ist es so: Ich gewinne Halt am festen Lebensplatz. Zwischen vertrauten Menschen niste ich mich ein. Ich sinke ab in den Halbschlaf meines day by day, komme zur Ruhe inmitten meiner Tage: nicht perfekt – aber verlässlich.
Anders draufschauend verbringe ich dabei meine Tage allerdings zwischen Kulissen. --- Und hier setzt Philosophie ein. Sie öffnet den Blick für die Hohlräume meines Lebens. Lotet sie aus. Philosophie hinterfragt – mit höheren Ansprüchen an Festigkeit. Sie schlägt Haken in die Welt – wider fraglich-kontingente Existenz. Sie sucht nach Wesentlichem, nach „Was?“
Aber jene Was-Fragen – sie verblassen derzeit. Foucaults berühmtes Diktum, der Mensch verschwinde wie ein Gesicht im Sand, bewahrheitet sich, indem die Evidenz versandet, der Mensch sei überhaupt „etwas“ – z.B. ein herausgehobenes Gebilde aus Vernunft / Freiheit / Selbstwirksamkeit / Verantwortung.
Die Menschenfrage wird heute statt als Was- eher als Wie-Frage gestellt: Wie funktionieren menschliche Bio- oder Psychosysteme --- operativ-selbstreferenziell und strukturell gekoppelt mit ihren Umwelten? Die Psyche unterhalte – indeterminiert – ihren eigenen Haushalt und habe – als ihre Umwelt – den Körper, mit dem sie sich punktuell verbinde. Der Körper wiederum gehe nicht auf in Kausalitäten „äußerer“ Natur, sondern sei weitgehend mit sich selbst beschäftigt – nur partiell und spezifisch umweltoffen.
Im Wie-Fragen tritt das Konzept menschlicher Identität in den Hintergrund: Nun interessiert – statt dem Was eines Wesens – die Interaktion von Teilsystemen. Wesensidentität rückt damit ins Rein-Spekulative und traditionell-philosophisches Fragen kommt an ein Ende: Das „Was-Konzept“ als Idee, es gebe „Essenz-Haken“, an denen die Welt aufgehängt sei, und diese Haken seien philosophisch freilegbar, stellte sich als Illusion heraus.
Nun entglitt also der Philosophie dieses Hauptwerkzeug: das Fragen nach dem „Was?“. Auch das Fragen nach „dem Menschen“ ist damit an ein Ende gekommen. „Der Mensch“, will man noch von ihm reden, zeigt sich entkernt.
Ein Indiz für das Voranschreiten dieser Entwicklung sind die Reaktionen auf Künstliche Intelligenz. Gleichgültig, wie man sich zu ihr stellt und wie man konkret ihr Verhältnis zum „Menschen“ auslotet, scheint eines klar: Künstliche Intelligenz ist eine gewichtige, für den Menschen möglicherweise schicksalsentscheidende Angelegenheit. – Für „den Menschen“? --- Wir fallen – erschreckt und erstarrt – in unser eigentlich überwundenes Was-Fragen zurück, wenn wir – angesichts von KI – wieder „den Menschen“ anschauen wollen.
Die allgemeine Akzeptanz Künstlicher Intelligenz, die ihr zugebilligte hohe Relevanz spiegelt, dass wir bereits vorher verloren und nun notvoll zu sichern suchen: „den Menschen“. Stünden wir nach wie vor in der vitalen Selbstgewissheit, Wesen aus Vernunft und Freiheit zu sein, hätten Strategien rekurrenter Datenverarbeitung, mathematische Wahrscheinlichkeitsspiele, Transformer-Architekturen mit Attention-Mechanismen wohl kaum eine Chance gehabt, ihrerseits als „Intelligenz“ aufzutreten. Die Bereitschaft, technisch generierte Intelligenz-Simulation als „Intelligenz“ anzuerkennen, legt eines offen: Wir sind dazu bereit, uns selbst als – in ihrer Weise – „intelligent“ anzusehen. Im Sinne technischen Funktionierens. Unsere Hoffnungen ruhen auf technischer Intelligenz – statt auf dem Urteil aus Vernunft / Erfahrung / gereiftem Maß: Instanzen, die wir einst unverbrüchlich und einzig beheimatet sahen in unserem Innern. Von diesen Prämissen aus dann – nachträglich – „den Menschen“ – wie auch immer – zu rehabilitieren, ist unmöglich.
So steht er nun da in der Welt: der entkernte Mensch. Er kennt „sich selbst“ nicht, denn er gab auf, danach zu fragen – weil er Wesensfragen grundsätzlich an den Haken hing. An jenen Haken, mit dem sich einst Menschliches mit seinen Wesenserkundungen philosophisch in der Welt befestigen wollte.
Darauf als Antwort dann doch wieder: Philosophie?
Vielleicht jenseits dieser Verwerfungen immer noch: Ur-Logos?
FUNKTIONIEREN
Was wissen wir – unzweifelhaft? Vielleicht nicht, was / wer wir sind, nichts über Gestalt von Wirklichkeit, nichts über unbedingte Werte. …
Wir wissen: Wir sind inmitten von Umwelten – und genau dort muss es für uns weitergehen. Ein Schüler beispielsweise weiß: Schule mag sein, wie sie will – darüber lässt sich endlos nachdenken. Am Ende ist sie genauso, wie sie ist, und ich habe damit zurechtzukommen. Also checke ich, wie das System so läuft – und passe mich da so gut ein wie möglich: bis zur eigenen Unsichtbarkeit. Bin ich vollkommen systemkompatibel, schließe ich sehr gut ab, denn ich bewies: Ich bin imstande, in der Dynamik eines Systems mitzuschwimmen. Außerhalb dieses Systems wird es dann – unentwegt – weitere Systeme geben. Kommt jemand im einen klar, findet er sich auch in anderen zurecht. Immer geht es darum – so die Logik des entkernten Menschen – : Wie tickt das System? Meine Ideen oder Ziele – die gibt es nicht. Was übereinstimmt mit meinem Innern – keine Ahnung. Passung statt Entfaltung. Ist tatsächlich mal „mein“ Urteil gefragt, so denke ich mir eins aus. Nicht die Was-Frage: „Was ist der Mensch in Gestalt meiner Person – wer bin ich?“ Sondern: Wer soll ich sein – wie will das System mich haben – wie komme ich zurecht?
Für das System meines psychischen Haushalts ist das eine Zumutung. Ein gewisses Selbsterleben – eine Identitätsbildung – ist psychisch wohl erforderlich. Kreist meine Selbstwahrnehmung hingegen nur um „Wie?“, dann wird das Wie zum Was: So verschwimme ich mit meinem Funktionieren / meiner Kompatibilität. Damit kommt Welt auf mich zu – ich bin in der reaktiven Position. Kein Gestalter, sondern einer, der zurechtzukommen hat mit dem, was vorliegt.
Welt ist damit – wie bereits oben, als es um den Umgang mit sozialen Medien ging – stets das Erste, das auf mich zukommt. Mein Agieren: Antizipation und Verhinderung von Kollisionen. Das zwingt mir – statt dem Glückserleben von Selbstwirksamkeit – eine unendliche Schleppe an Angst und Bedenken auf.
Das Ich unserer Tage: entkernt und von Welt bedrängt. Vertraut damit / trainiert darin, sich unsichtbar zu machen. Trainiert im (ausschließlich) strategischen Agieren. Darin, Zusammenstößen auszuweichen, statt möglichkeitsstark selbst in Zukunft hineinzugehen. Wer sich im Funktionieren erschöpft, hat Angst einmal nicht mehr zu funktionieren. Dieses antizipierte Versagen ist selbstprophezeiend.
Und nun: Philosophie.
Vielleicht doch das Mittel der Wahl, Welt – wieder einmal – neu zu denken und so Zukunft zu lichten? --- Nein, so einfach ist es nicht. Philosophieren ist keine Selbsttherapie. Philosophie unterläuft ihre eigene Instrumentalisierung. Sie unterläuft – insofern ist der Titel dieses Textes irreführend – ihr eigenes „Wozu?“ Sie unterläuft die Logik von Mittel und Zweck / von Plan und Umsetzung.
UNGLAUBLICHE WELT
Täglich führt uns Welt ihre Unverfügbarkeit vor Augen – in Gestalt katastrophaler Szenarien. Täglich geschieht diese Vorführung paradoxerweise mitten in Verhältnissen, die nie so sicher waren wie heute. Wir fliegen mit fast hundertprozentiger Sicherheit des Ankommens durch die Luft – rund um den Erdball. Wir erreichten – z.B. bei Wetter und Klima – ein unglaubliches prognostisches Niveau. Wir leben im Durchschnitt so lange wie nie und die Erde wurde für eine nie erreichte Menschensumme habitable Heimat. Wir fluten Welt mit Verlängerungen unseres eigenen Denkens – KI. Das eröffnet uns Chancen, die jetzt noch nicht absehbar sind. Es ermöglicht uns nicht nur extrem-wirkmächtige Unterstützung in der Bündelung / Fokussierung von Wissensbeständen oder Differenzierung unseres Nachdenkens und Urteilens. KI wird zunehmend kreativ sein und von sich aus neue Welten erstehen lassen. --- Uns stehen damit Möglichkeiten zur Verfügung, die für andere Generationen selbst in kühnsten Träumen nicht zugänglich waren. Wir verdanken dies den Höhenflügen von Technik.
Wir verdanken ihr womöglich sogar, dass Welt sich in neuen Konstellationen der Vernetzung – den Menschen einbeziehend – in einer Gestalt ihrer Ursprünglichkeit wiederfindet – in dem, was sich in den schattigeren Regionen vorbewusster Lebenswelten bis heute erhielt: Welt als Wind / als sich drehend stets neues Anfangen / Welt als Bewegung – nicht als Bestand von Seiendem, sondern als Sein. --- Lernen wir dies begreifen. Machen wir uns auf zu verstehen, in welche Welt wir hineingehen.
Dass diese Welt unabschätzbare Gefahren in sich trägt, ist richtig. --- Doch trotzdem: Wir dürfen beim Hineingehen in diese Welt auch loslassen. Wir dürfen den Menschen – als jenes „Was?“ – loslassen. Wir dürfen das Bild, das sich Menschen einst von „dem Menschen“ machten, fahren lassen – und uns dann neu ergreifen lassen von Welt.
Wer bin ich?
Vom alten Ufer aus gesehen: entkernt. Ich werde erstickt von nassen Stücken Erdreichs, die mich absorbieren in Gestalt der Verfilzungen übereinander und durcheinander sich lagernder Mini-Mythen / kurzzeitiger Eruptionen sinnfreier Moden und Gewohnheiten. Aus der neuen Welt heraus aber sieht das anders aus: Hier gibt es keine Kerne, deren Verlust zu bedauern wäre. Hier gibt es nur Welt – webend und schwebend in sich vernetzenden System-Umwelt-Szenarien.
DER HAKEN
Loslassen heißt, den Menschen als ein „Was?“ loslassen. Es heißt nicht, die Idee des philosophischen Hakens aufgeben.
Wir sollten unterscheiden lernen: die phänotypische Intelligenz – die Versprachlichung unseres Denkens und dessen logisches Taktieren auf der einen Seite und unsere Fähigkeit zum philosophischen Apriori auf der anderen. Künstliche Intelligenz beherrscht die phänotypische Ebene – bald in einer Brillanz, die unsere eigene Performanz übersteigt. Dies macht sie – in den falschen Händen – brandgefährlich. Die genotypische Intelligenz behält dagegen ihren Ort. Auch, wenn „der Mensch“ als Phänomen verschwindet und einer neuronalen Bewegung weicht, die alles durchdringt, bleibt die lebendige Zellteilung einer Tiefenlogik bestehen, die nicht von Performanz absorbiert werden kann. Denn zwischen allen Verfilzungen und Vernetzungen / zwischen allem Aufgehen des Menschen in einer Welt, bei der nicht mehr trennscharf gemacht werden kann, was in ihm und was außer ihm vorgeht, bleibt – im Nukleus des Philosophierens – der Welt immer diese Möglichkeit: Denkend neu zu beginnen.
Dies ist die Zuflucht, die nicht dadurch verschwindet, dass ich Texten nicht mehr ansehe, ob sie mit biologischer oder technischer Intelligenz verfasst wurden. Diese Zuflucht – das ist der Haken der Philosophie. Mit ihrer Hilfe wird „der Mensch“ sich zwar nicht länger als ein „Was?“ / als Seiender finden, wohl aber als Teil des Seins / der Entwurfsbewegung von Welt.
Philosophie gerät so nie ins Geschirr von KI, sondern bleibt frei durch ihre Selbsterlaubnis des Apriori. Ihre Selbsterlaubnis, immer neu zu beginnen. Sie kommt – als Haken in der Welt – dahinter. Hinter TikTok. Und auch hinter KI.
WOZU HEUTE PHILOSOPHIE?
Über den Filz der Welt, über die Aushöhlungen humaner Innenwelten schwingt Philosophie sich – als eine Gestalt des Entwerfens von Welt – hinaus mit der Beharrlichkeit ihrer Suche nach Wahrheit im Sinne einer regulativen Idee – ohne ihrerseits auf einem Boden außerhalb dieser Wahrheit zu stehen. So erschafft sie sich eine unverzichtbare Position – unverzichtbar Orientierung gebend in Begleitung des derzeit Geschehenden: des Paradigmenwechsels hin zu einer neuen Welt.