Die Kraft des Zweifels?

... so lautete der Titel eines Kongresses in Heidelberg in der vergangenen Woche - allerdings ohne Fragezeichen.

Mir schien (und scheint), dass das ein Thema aus den 70er/80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist. Denn im Moment haben wir ja gesellschaftlich keinen Mangel an Zweifel. Alles wird angezweifelt: Die Kompetenz der Experten, die Wahrhaftigkeit der Presse, die Statistiken über die Wirtschaftsentwicklung, die Schuld Putins am Elend der Welt, die Schuld der USA am Elend der Welt, und gewählt wird nur noch, wer beweisen kann, dass er von nix die geringste Ahnung hat, usw.

Wir leben offensichtlich in Zeiten, die als unsicher erlebt werden (obwohl es in der Geschichte wohl kaum Zeiten gab, die behaglicher und mummeliger waren...).

Die Erklärung liegt nahe: Jeder redet über jeden Scheiß mit, es gibt Daten en masse, das Internet gibt jedem wild gewordenen Freak die Chance "Wahrheiten" zu verbreiten und sich auszutoben, die Grenzen sind weit offener als jemals zuvor... die Berechenbarkeit scheint dahin (das war sie zwar vorher auch schon, aber es hat keiner gemerkt).

In diesen Zeiten scheint es mir nicht angebracht, mehr Zweifel für den Umgang mit "sicherem Wissen" zu fordern, sondern eher zu reflektieren, wie versucht wird, diese Zweifel und die mit ihnen verbundene Unsicherheit los zu werden.

Und da fallen einem natürlich die Mechanismen ein, die auch in anderen sozialen Systemen für Unsicherheitsabsorption sorgen:

Als erstes sind da Programme: Strenge Regeln, die genau vorschreiben, wer was wann tun muss, darf oder auf jeden Fall zu unterlassen hat. Das zeigt sich zur Zeit in hektischen Gesetzesinitiativen, die Massnahmen anpreisen, die meist eh nicht umzusetzen sind...

Das Zweite ist die Forderung nach klaren Hierarchien - Recht und Ordnung, Polizei. In Polen und Ungarn kann man beobachten, dass zunehmend autoritäre Strukturen akzeptiert werden, in Frankreich ist der Ausnahmezustand fast schon Dauerzustand...

Die dritte Methode besteht in der Hoffnung auf starke Personen, die es richten, die versprechen, die guten alten Zeiten wieder zu bringen (Orban, Putin, Trump usw.).

Viertens: Es ist die vertraute Kultur, die Sicherheit gibt. Es ist zweifellos eine der bewährtesten Methoden, Unsicherheit zu bewältigen, sich an den tradierten Lösungsmöglichkeiten, Konventionen, Sitten, Bräuchen und Normen zu orientieren. Daher dürfte die Bedrohung durch Menschen aus anderen kulturellen Kontexten als so dramatisch von etlichen Leuten erlebt werden und das Anzünden von Asylantenheimen als legitim erscheinen lassen.

Das sind zwar alles Konzepte der Unsicherheitsabsorption, die im Rahmen der Organisationstheorie entwickelt wurden, aber sie scheinen mir ganz passend, was die Analyse angeht. Wie man verhindert, dass sie im skizzierten - wie ich finde - problematischen Sinn genutzt werden, ist damit allerdings noch nicht gesagt. Aber man könnte zumindest diese vier Dimensionen als Rahmen nutzen, um alternative Ideen der Unsicherheitsreduktion zu entwickeln.

Angemerkt sollte allerdings noch werden, dass die beschriebene Unsicherheit ja nicht generalisiert ist. Sie betrifft eine Minderheit, und die Mehrheit sollte sich nicht verrückt machen lassen...