Wie viel Angst ist normal?

Autor Wilhelm Rotthaus im Interview zu Ängsten bei Kindern und Jugendlichen

Warum haben Sie ein Buch geschrieben für Eltern, deren Kinder unter heftigen Ängsten leiden?

Wilhelm Rotthaus: Wenn ein Kind ein ausgeprägtes Angstverhalten zeigt, haben Eltern viele Möglichkeiten, ihr Kind dabei zu unterstützen, seine Angst zu bewältigen. Auch in den Fällen, in denen professionelle Hilfe notwendig ist, sind die Eltern immer ein wichtiger Teil der Lösung. Denn sie sind für ihr Kind bedeutsam und bleiben das auch ein Leben lang – selbst, wenn im Augenblick die Beziehung sehr belastet sein sollte. Das Buch soll Eltern die Chance eröffnen, das Problem ihres Kindes eigenständig zu lösen, oder ihnen Unterstützung bieten, wenn professionelle Hilfe angesagt ist, beispielsweise während der Therapie und auch zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz.

Welche Ängste eines Kindes sind ganz normal?

Wilhelm Rotthaus: Gibt es Ängste, die nur in bestimmten Lebensabschnitten auftreten und dann in der Regel wieder verschwinden? In der Kindheit gibt es alterstypische Ängste, beispielsweise im ersten Lebensjahr die Angst vor Unbekanntem, vor fremden Menschen und die Angst vor der Trennung von den Bezugspersonen. Im Kindergartenalter tritt häufig eine Angst vor Tieren, Angst vor Dunkelheit oder Angst vor bedrohlichen Fantasiegestalten auf. Im Schulalter ist es dann die Angst vor dem Alleinsein und vor Donner und Blitz, später die Angst vor Prüfungen in der Schule und soziale Ängste in Form von Angst vor der Zurückweisung durch Gleichaltrige.

Und welche Ängste müssen zur Sorge Anlass geben?

Wilhelm Rotthaus: Von Besorgnis erregenden Ängsten und sogenannten Angststörungen kann erst dann gesprochen werden, wenn Angst in einem so hohen Maße und über längere Zeit so häufig auftritt, dass das Kind oder die Jugendliche die Aufgaben, die sich in diesem Lebensalter stellen, nicht zu bewältigen vermag. Es nimmt zu anderen Kindern keinen Kontakt auf, schließt keine Freundschaften, weigert sich, in den Kindergarten zu gehen, geht möglicherweise nicht alleine aus dem Haus, scheut davor zurück, selbstständig kleine Aufgaben zu übernehmen, bekommt als Schulkind morgens heftige Bauchschmerzen, sodass es nicht zur Schule geht, und vieles andere mehr. In seiner Entwicklung und seinen Lernfortschritten droht es ernsthaft Schaden zu nehmen. Dass sich solche Ängste „von alleine auswachsen“, sollte man nicht erwarten.

Was können Eltern tun, um die Ängste Ihres Kindes besser zu verstehen?

Wilhelm Rotthaus: Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass Angst für alle Menschen ein normaler und notwendiger Teil des Lebens ist. Sie tritt in Situationen auf, die als bedrohlich, als ungewiss und vor allem als unkontrollierbar eingeschätzt werden. Sie ist sinnvoll als Alarmsignal und als Vorbereitung des Körpers auf schnelles Handeln. Angst schützt aber nicht nur, sondern sorgt auch für Entwicklung. Sie tritt auf, wenn sich einem Kind neue Aufgaben stellen, die seine Fähigkeiten herausfordern oder aber die Weiterentwicklung vorhandener Fähigkeiten verlangen. Das Kind erlebt dann Stress und Anspannung, was sich in dem Augenblick möglicherweise nicht angenehm anfühlt. Aber wenn die Herausforderung bewältigt wird, sind die Zufriedenheit und der Stolz umso größer.

Wie helfen Eltern ihrem Kind am besten?

Wilhelm Rotthaus: Eltern erweisen ihrem Kind keinen Gefallen, wenn sie ihm Angst um jeden Preis ersparen wollen. „Angstfrei“ aufgewachsene Kinder werden nicht lebenstüchtig. Oft ist das Gegenteil der Fall. Kinder profitieren davon, wenn sie erleben und erlebt haben, dass Ängste zu verkraften und durchzustehen sind, und wenn sie lernen und gelernt haben, wie man mit Angst umgeht. Auf diese Erfahrungen können sie in späteren Angstsituationen zurückgreifen und daraus Zuversicht und Verhaltenssicherheit ableiten. Darüber hinaus gibt es für Eltern viele Möglichkeiten, das eigene Verhalten zu ändern und damit auch auf das Verhalten der Kinder Einfluss zu nehmen. Diese Möglichkeiten werden in dem Elternbuch vorgestellt, und die Eltern können selbst entscheiden, welches Vorgehen ihnen für sie und in ihrer Familie am geeignetsten erscheint.

 

Das Buch "Ängste von Kindern und Jugendlichen. Das Elternbuch" von Wilhelm Rotthaus erscheint im März 2020 im Carl-Auer Verlag.