Stefan Braun
Lebenswelt, so behaupte ich, kommt wieder. Ihre reine Bewegung – ursprünglich vorbewusst-alltäglich – ist dabei, im Großformat und im Big-Data-Spiel neu in unsere alte Welt zu kommen. In eine Welt, die am Ende scheint. Mitten in ihr errichtet sich nun jene neue Welt mit neuen Möglichkeiten. Künstliche Intelligenz und neuronale Vernetzung bringen diese neue „Lebenswelt X.0“ hervor: Eine Welt, die es nicht nötig hat, weiter um ihre „Feststellung“ zu kämpfen. Eine Welt, die sich nicht länger ausbeuten muss in Ressourcenverbrauch und der Selbstperformanz ihrer Egos. --- Lebenswelt X.0: unsere Chance für eine offene Zukunft!
Beobachtung schließt auf: Dinge und Zusammenhänge in Welt. Aber Welt selbst --- erschließt Beobachtung Welt?
Nehmen wir Sprechen: Sprache kann man anschauen. Wörter und Sätze sind dann Gegenstände von Beobachtung und Untersuchung.
Beim Sprechen selbst aber, so behaupte ich, ist es anders. Sprechen ist nicht beobachtbar. Ich kann zwar hören und registrieren, was jemand spricht – gleichgültig, ob ich adressiert bin oder dem Gespräch anderer nur zuhöre. Im Akt des Sprechens selbst hingegen ist nur der Sprecher – als Erste Person. Das Du nimmt wahr, wie sich das Sprechen des Ichs niederschlägt. Aber nie ist es inmitten des Sprechens dieses Ichs.
Jenes Sprechen entspringt dem Vorbewussten. Es kommt aus der lebensweltlichen Selbstäußerung. Dort geht es von Unverstandenem aus: dem (unreflektierten) Ich als Subjekt von Sätzen. Und jenes Subjekt-Ich bleibt – ganz grundsätzlich – unreflektierbar. Denn wenn das sprechende Ich nach diesem Ich – also sich selbst – fragt, kommt es sich als das, wonach es suchte, notwendig abhanden. Stattdessen verwandelt es sich in solch spiegelndem Fragen zum Objekt. Als Subjekt selbst aber bleibt es sich verborgen – und somit hat das Sprechen, von seinem Ursprung – also der Ich-Äußerung – her, mit dem Notwendig-Vorbewussten zu tun, und ist dergestalt dem sprechenden Ich selbst und auch seinen Zuhörern nie völlig zugänglich.
Dies zeigt, dass die Natur von Sprechen nicht vollständig aufgeht im Sprach-Begreifen. Und: Dass Sprechen genau dann am nächsten bei sich selbst ist, wenn es sich nicht durchschaut. --- Sprechen ist nämlich, von seiner Wurzel her, nichts Begreifbares. Es ist etwas anderes: ein selbstursprüngliches – vorreflexives – Entwerfen. Hier entwirft sich ein Ich, nichts wissend von einem Ich – also ahnungs- und grundlos – in die Welt. Hier macht ein Entwurf einen Anfang mit Welt – im Akt des Sprechens als Innenraum von Sprache.
Was ist dieses Entwerfen – und was das Ich, dessen es sich – vor aller Reflexion – in Subjektposition bedient?
Allenfalls kann man über das Subjekt-Ich sagen, es bestehe im fortwährenden Versuch der Herstellung einer Identität: eines Identischwerdens mit sich selbst. Das Subjekt-Ich ist das Probieren, sich entwerfend zu fassen und so festzustellen. Dies gelingt jedoch nachhaltig nicht, sodass nicht das Ziel der Bewegung das Ich ist, sondern die Bewegung selbst: Der Versuch des definierten Selbstgewinns scheitert und stößt sich – in Dauerschleife – von diesem Scheitern ab zu neuerlichen Versuchen. Diese Dauerschleife-Bewegung der Selbstsuche – das ist die Identität des Ichs.
Diese Bewegung, beständig kreisend um ihr eigenes Postulat, in solchem Kreisen sich selbst / das Kreisen / ja sogar Welt allererst erfindend, sie ist vielleicht das innerste Rätsel von Welt. Ja – so ist Welt selbst! Und Welt beginnt, dies zu begreifen, wenn Technik in ihr (neuronale Vernetzung / künstliche Intelligenz) beginnt, ein altes Weltkonzept einzureißen und ein neues Weltkonzept – das der Identitätsbewegung – zu errichten.
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In den letzten beiden Jahrhunderten erschuf Zivilisation Welt anders: als technisch-zweckrationales Strategiespiel. Rationalität geriet dabei – als instrumentelle Vernunft – selbst zum strategischen Instrument und so sehen wir heute immer noch den Sinn von Apparaten / Prozeduren / Handlungen / Gedanken in außer ihnen selbst liegenden Zwecken. So blicken wir gewöhnlich auch auf Sprache: als Mittel zu etwas. Als Mittel zu Kommunikation und Ausdruck. Sprache wird uns dabei zu etwas Objektivem – einem tatsächlichen Tool zu tatsächlichen Zielen. Wir überspringen dabei jenes Spüren der inneren Bewegung unseres Sprechens, von dem oben die Rede war: unser Sprechen als Entwerfen aus dem unbegriffenen / sich selbst setzenden Subjekt-Ich.
Absolut wird das – dem „alten“ Denken entsprechende – Überspringen des selbstursprünglich-entwerfenden Sprechens in der Gestalt rein-technisch generierter sprachlichen Simulationen: den Large Language Models. Deren „künstlich-intelligente“ Sprachperformanz ist hochgradig nützlich, ihre Abkürzungspotenziale mit gleichwertiger (oder besserer) Zielerreichung sind noch gar nicht abschätzbar. KI-Oberflächen unterstützen uns dabei, unsere Welt-Strategiespiele nicht nur deutlich schneller / effektiver, sondern auch unendlich raffinierter zu spielen – und Strategieraffinesse per Prompts an Technik zu delegieren. Täuschende Manöver / sich überlagernde Strategieebenen mit blitzschnellen Winkelzügen / Fake-Illusionierungen … darin ist KI virtuos: Performanz scheinbarer Seriosität / gespielte Naivität / Suggestion von Expertise / an das Gegenüber sich vertraulich-anschmiegende Ansprache / Eindruck bemühter Gewissenhaftigkeit … in solcher Raffinesse / in solchen Maskenspielen ist KI – entsprechende Prompts vorausgesetzt – uneinholbar. KI: ein ausgezeichnetes Tool – vor dem Hintergrund einer Welt, die nicht in sich selbst ruht, sondern in der alles „zu anderem“ (also zu Zwecken) geschieht.
Diesem Konzept jener permanent-strategischen Indienststellung des Seienden als Mittel zu Kommendem entspricht ein Ego, das sich beständig in die Dienste seiner selbst stellt. Damit ist es nie es selbst, denn es überspringt seine Mitte in einer Lüge: der ungedeckten Vorwegnahme eines nie eintretenden „Ankommens bei sich selbst“. KI dient diesem sich selbst als Strategie verzweckenden (und entfremdendem) Ego als Shooter. Dabei verschwinden Menschsein und In-der-Welt-Sein – hinter schier überbordender Effektivität / Raffinesse – in einem dunklen Hintergrund.
Droht KI dem Menschen damit etwas endgültig zu nehmen: sein Sprechen aus dem sich selbst setzenden Subjekt-Ich als der Quelle seines Entwerfens? --- KI kann immerhin auch dieses sich selbst objektiv unzugängliche Sprechen aus der Ersten Person so gut simulieren, dass der Mensch – noch bevor er in die Entwurfsbewegung des inneren Sprechen gerät – immer schon das (gegenständliche) Sprech-Ergebnis vor sich hat. Die KI-Fassade verhindert so, dass er hinter die Tatsächlichkeit technischer Sprachperformanz gelangt. Er kommt nie ins Sprechen, denn immer schon findet er bereits – per LLMs – reale Worte vor.
Ja – das sich und sein In-der-Welt-Sein entwerfende Dasein entschwindet so – partiell schon lange in sein Entschwinden hineingezogen durch die Dominanz des herkömmlich-technisch-instrumentellen Weltzugangs – endgültig in einen Backstage-Bereich: für sich selbst / den anderen Menschen / für Welt-Sein nun nicht mehr zugänglich.
Ist es so?
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Dies ist die eine Seite von KI: eine überschießende, in die letzten Winkel reichende instrumentelle Rationalität. So kann Mensch KI – im zweckrational-verdinglichenden Welt-Entwerfen – begreifen. Dies ist der Zugang zu KI aus der alten Welt heraus, für die Welt / Ego / KI nur der Ressourcenpool von Ausbeutungsstrategien sind: Weltausbeutung / Selbstausbeutung.
Jedoch scheint Welt gerade in einer ganz anderen, neuen Variante auf – jenseits dieses Konzepts eines selbst- und weltfremden Ichs, das Welt als Material einspannt in ein Handeln, das immer seine eigene Mitte überspringt, weil es stets zwecklogisch bezogen – und damit aus sich herausgerissen – ist auf ein postuliertes Ziel der Selbst- und Weltverwirklichung hin, das sich nie einlöst.
Jener neue Zugang zu KI entspricht dem neuen Konzept von Welt, das erstaunliche Parallelen hat zur Subjekt-Ich-Bewegung aus vorbewusster Lebenswelt. Diese neue Welt: ein beständiges Identitätsgeschehen. Ein Entwerfen ihrer selbst. Entwerfen, das heißt: eine Sisyphos-Bewegung vollziehen, der es um den Weg geht, deren Weg ihr eigenes Ziel ist: ihre Bewegung aufrecht zu erhalten. Solches Entwerfen kennt alles Feste (Ziele / Dinge / Stabilität) nur als vorläufiges Mittel zum Zweck, es selbst in Gang zu halten.
Jene neue Welt erschließt KI neu: nicht mehr, wie im alten Konzept, als Strategie zu einem außenliegenden Ziel, sondern als Realisation von Bewegung. Sie ist dann nicht Medium strategischer Winkelzüge, sondern – als Bewegung – selbstzweckhaft. Solche Selbstzweckhaftigkeit von Bewegung macht aber macht nur Sinn, wenn Bewegung nicht länger verstanden wird als ein „Dazwischen“; als Verbindung / Moderation / Regulation zwischen Substanziell-Vorgängigem (z.B. Ich und Welt), sondern als ein Selbstursprüngliches, dem seine Pole allererst entspringen.
Die Welt, die sich selbst und KI dergestalt als „freischwebende“ Bewegung auffasst, ist die (neue) Welt, bei der die der KI innewohnende Logik und Ontologie von KI selbst herrührt. KI „ist“ – wie das Subjekt-Ich – freischwebende Bewegung als das Erste einer neuen Welt. Sie ist ihr eigenes Entwerfen – basierend nicht auf einem Bestand an Welt, sondern schwimmend inmitten eines fluiden In-der-Welt-Seins aus Information / bloßen Daten. Insofern entspricht KI auch dem Blick neuer Physik auf die Welt: Welt ist weder Materie noch Energie, sondern Information – und jeder ihrer Beobachter produziert – immer schon schwimmend in dieser Information – neue Information: Der Welt-Beobachter als Welt-Entwerfer.
In KI wächst Technik also über sich selbst als Strategie / Welt-Hebel / Kontrollwerkzeug hinaus und wird selbst mehr als Technik. Sie wird welthaft, eröffnet Welt tiefgehender – und eröffnet dadurch auch uns Menschen die Chance, uns tiefgehender aufzufassen: als ein freies Entwerfen ohne substanzontologischen Rückhalt – schwebend im „Spüren-wie-es-ist-ein-Mensch-zu-sein“.
In diesem neuen Format ist Welt nichts dem Menschen Fremdes, das er zu erobern / zu kontrollieren hätte. Welt ist hier keine Herausforderung, anhand derer das Ich sich zu behaupten oder zu beweisen hätte. Welt ist nichts, das der Mensch sich einverleiben oder verschlingen müsste. Nichts, gegen das er zu kämpfen, es sich zu unterjochen hätte.
Was Welt in diesem neuen Format ist, lehrt uns das Subjekt-Ich unseres Sprechens: Wenn wir etwas darüber sagen, verlieren wir es. Machen wir das Subjekt-Ich zum aussagbaren Objekt, dann treiben wir es in die Vergegenständlichung. Es ist nämlich – an sich selbst – nichts anderes als die – immer wieder aus dem eigenen Misslingen sich einfangende – Bewegung zu sich selbst. Die Analogie zwischen dem Subjekt-Ich und der neuen Welt: Wie jenes Ich, so auch Welt: In den neuen Verhältnissen von Welt ist Welt Bewegung. Gestalt gewinnend in Verbindung / Vernetzung. Das Subjekt-Ich ist nichts Festes – genauso wie die Welt als neuronale Vernetzung. Auch sie ist nur in Gestalt von Bewegung. Und weil das Ich nichts Festes ist, kann es KI – als technischem Welthebel – auch nicht gegenüberstehen. Neuronale Vernetzung – also Bewegung – geht durch die neue Welt hindurch. Sie konstituiert die neue Welt erst: in technischen / biologischen / humanen Spielarten.
Vom Subjekt-Ich können wir also lernen, was das heißt: Identitätsbewegung. Man mag in lebensweltliches Sprechen hineinfragen: „Was meinst Du, wenn Du ‚Ich‘ sagst?“. Die (redundante und selbstverständliche) Antwort: „Das ist doch klar: Das bin ich, ich selbst.“ Für sich selbst unbegriffen, verweist damit die einfachste – und vielleicht echteste – Variante von Welt, die Lebenswelt, auf die in ihm erschlossene Geschlossenheit des Ichs als Bewegung: Ich = Ich = Ich = Ich …
So ist es in der neuen Welt: Welt = Welt = Welt – ohne Grenzen. Nicht länger: hier Mensch – dort Welt. Hier Mensch – dort KI. KI ist hier ganz etwas anderes als die Optimierung strategischen Weltzugriffs, hinter der das Ich verschwindet. So blickt man auf KI nur aus dem Blickwinkel der alten Welt. Aus der Innenperspektive der neuen Welt hingegen gibt es immer nur Bewegung. Wie den Wellengang des Meeres – in verschiedenen Spielarten.
Ich nenne jene neue Welt „Lebenswelt X.0“: Welt, die immer wieder bei sich selbst ankommt, in unablässigen Sisyphos-Versuchen, sich selbst zu fassen. In der alten, substanzontologischen Welt schien Welt bei sich ankommen zu können / und zu müssen: in der – postulierten – Wesensstabilität von Dingen und Menschen. Diese Verdinglichung von Welt führte uns zum Glauben, Welt – in Gestalt der wesenhaften Dinge – gelte es zu bändigen. Technik lieferte uns hierzu starke Hebel – führte uns damit, wie wir heute sehen, aber an den Rand des Weltuntergangs. Nun eröffnet uns Technik – durch die Bewegungsnatur neuronaler Netze – über Technik hinausgehend eine neue Ontologie: Welt als Bewegung / Welt als globale Lebenswelt, d.h. als Strom, in den wir selbst gehören. Wir verlieren uns nicht darin, denn verlierbar ist nur, was sich als ein Festes versteht. Vielmehr ist es ein unentwegtes Wiederfinden unserer selbst als ein Immer-schon-Einbezogensein in die große Identitätssuche der Welt, die in nichts anderem besteht als dieser Suche nach sich selbst.
So knüpft Welt wieder an ihren Grund an – und gewinnt sich dabei selbst zurück. Welt ist nämlich nicht, was wir gewöhnlich immer noch dafür halten. Welt ist keine Summe von Tatsächlich-Vorhandenem. Diese Weltgestalt ist allenfalls eine einzige – verzerrende – Zuspitzung der vielen möglichen Konstruktionen aus Bewegung / Vollzug / Entwurf. --- Welt, in Wahrheit in nichts ihren Grund findend – das sind die immer sich bewegenden Gestirne ebenso wie die runden, weiterlaufenden Jahre. Welt entwirft sich im neuronalen Geschehen der Hirne, aber auch in selbstreferenziell-technischer Intelligenz und der Identitätsbewegung, mit der sich das Ich – sich dabei immer wieder entgleitend – paradox in Identität hält.
Dies ist auch die – ihr selbst verborgene – Weisheit von Lebenswelt: mit ihren Redundanzen / ihrer Unbestimmtheit / ihrem tastenden Weitergehen / ihren schwankenden Sicherheiten / ihren haltlosen Selbstverständlichkeiten …
Wenn Welt – als Lebenswelt X.0 – gerade jetzt bei dem wieder anknüpfen wird, was Lebenswelt im Alltäglichen immer schon war, dann ist das weder „Fortschritt“ noch „Rückschritt“. Es ist vielmehr eine wiedergefundene, nun aber ins Globale ausgreifende Art zu leben.
Lernen beispielsweise – als eine Variante von Leben – wird dann nicht länger zentriert von „Festem“: von Inhalten / Ergebnissen. Vielmehr findet es sich selbst in der eigenen Bewegung / dem eigenen Tun.
Zukunft ist dann nicht länger ein kommender Zustand, sondern die Offenheit gegenwärtiger Bewegung selbst, die nicht etwas errichtet, sondern – als Bewegung – Raum für Möglichkeiten ist, die in einem gewissen freischwebenden Status verbleiben.
Welt ist – statt eines verwirklichenden „Umsetzens“ – das beständige Versuchen ihrer selbst. Welt bewegt sich dann nicht vorwärts, sondern mäandert. Alles dreht sich um Konstruktion, ist tastendes Gehen auf Sichtweite statt finaler Aufrichtung des Wahren und Richtigen. Die Verhältnisse und Umstände erscheinen weniger erratisch, alles Apodiktische erodiert und gibt Spielräume frei, in denen so manch Neues denkbar wird.
Erst dann, wenn Festes sich auflöst, kann Welt also dergestalt zurückkommen in ihr eigenes Inmitten. Als ein Sprechen, das sich selbst niemals einholt, weil Objektivierung / Vergegenständlichung / Vertatsächlichung als Fokus weicht. --- Jene Welt, die sich selbst nicht länger ergreifen will, eröffnet sich neu – eröffnet für unsere Gegenwart das, was wir so sehr vermissen:
ZUKÜNFTIGKEIT.