Stefan Braun
Von Welt anzunehmen, sie sei so gebaut, dass inmitten ihres Tatsächlichseins dessen Negation in sie selbst mit hineinkonstruiert ist, dass sie also selbst – in paradoxer Weise – das inkludiert, was sie eben nicht ist --- das ist, bei Lichte betrachtet, eine steile Hypothese! In Welt selbst eine Öffnung über sie hinaus zu sehen, die nicht in ihren eigenen Bestand gehört: eine an sich unwahrscheinliche und widervernünftige Variante, auf sie zu blicken.
Und doch sind wir uns ziemlich sicher, dass das so ist, und dass zusätzlich zu all dem, was es gibt, innerhalb dessen auch das Tor zu demjenigen offen ist, was es nicht gibt. Der Moment, wo wir in uns selbst bewusst und ausdrücklich auf diese im Wortsinn verrückende Annahme stoßen, mag einhergehen mit dem Erlebnis elektrisierender Begeisterung.
Aber ja! --- So ist es: Welt ist offen – über sie selbst hinaus!
Erleben lässt sich dies an einem konkreten Ort mitten in Frankreich. Beim Blick nach oben. Dem Blick in die Dachlandschaft des Loire-Schlosses Chambord.
Ein Blick aus neuer Perspektive – er bringt mitunter mehr in Gang als tausend Worte. Etwa jener Blick von unten nach hoch oben kann es sein, in die überbordende Kaminlandschaft auf Chambords Dächern. Ein Blick, der – als visuelles Echo – dann jahrelang nachhallt als Frage im Innern dessen, der da schaut: „Musst Du Neues in Dein Leben lassen? Musst Du Dein Leben ändern?“
Der diese Dachlandschaft tragende formstrenge Renaissance-Bau scheint das, was sich da oben abspielt, von vornherein auszuschließen. Dass die Baulust himmelwärts, oberhalb des eigentlichen Gebäudes, noch einmal ganz von vorn ansetzt, indem sich dort – in fast verbotener Ausgelassenheit – so etwas wie eine ganz neue Stadt errichtet – ein kurioser Einfall! Doch genau das ist der Fall: Ein Gewirr. Überreich, skurril-widervernünftig verziert; Ausdruck einer Lebensfreude, die sich nicht mehr zu halten weiß und folglich ausartet in Überbietungen ihrer selbst, in ein – fast wahnsinniges – helles Lachen aus Stein.
Diese Dachlandschaft wirkt so erstaunlich, dass sie sich in eben demselben Moment zu errichten scheint, in dem ich sie sehe. Ein kurzer Reflex an Verunsicherung: „Bin nur ich es, der das da oben alles sieht?“ Das Gewühl an Kaminen wirkt so eigentümlich – und dabei doch so real und präsent –, dass es ganz eins zu sein scheint mit der Realität meines Blickes, dass es übergeht in meine eigene, sich nach oben richtende Gestalt und aus nichts zu bestehen scheint als aus meiner frischen Begeisterung: Ich bin es wohl, dem sich – in einem Moment ergriffener Überraschung – die Kamine von Chambord zum ersten Mal zeigen. Sie sind eins mit dem Offensein meiner Zukunft, der ich mich nun – in ihrer Gestalt – wie zum ersten Mal öffne.
Das Gebäude erwächst den Schatten des gotisch-mystischen „Schwunges nach oben“, empor ins Transzendente. Vornehm-sublimierte Vertikalität. Es wächst empor aus kühn-beherrschtem, bis ins Himmlische hinaufreichendem Gestus. Re-interpretiert dann als präsente Renaissance-Klarheit und Strenge. Und dahinter am Ende dieses Lachen, das Licht eines Neuen, unbemerkt zunächst, um dann doch, sich nicht mehr halten könnend, oben ganz ins Freie auszubrechen. Chambord leuchtet. Chambord: gleißende Offenheit, die in die Welt kommt als ein Möglichkeitssinn mit der Kraft für Jahrhunderte.
Und darin enden dann Vergangenheit und Zukunft, mündend in eine einzige Gegenwart hinein, die immerfort sich selbst neu entwirft – als mit Händen zu greifende Realität des Unfasslichen. Eine umgreifende Sinnekstase: Welt ist offen. Für mein Leben. Für unsere Gesellschaft. Ja, der Himmel selbst – von den Kaminen gerahmt – enthüllt sich nun in seiner überwältigend-tief befahrbaren Unendlichkeit.
So erlebt es – an anderem Ort – Musils Törleß: „Etwas über den Verstand Gehendes, Wildes … war … plötzlich aufgewacht … in diesem Himmel stand es nun lebendig über ihm ...“
Die Kamine. Die Laternen und Gauben: in ihrer Gestaltungsbesessenheit preschen sie über die hoch aufragenden Dächer hinaus und brechen auf zur Feier des lodernden Feuers, dem sich der Erbauer Chambords, der französische König Franz I., verschrieb: In Gestalt eines, wie er dachte, feuerfesten Salamanders sah er sich im Dienste des guten Feuers – der Liebe und Leidenschaft – und stellte sich damit dem bösen Kriegsfeuer entgegen.
Leonardo da Vinci war am Bau beteiligt. Immer schon ließ er sich hinreißen von strudelndem Fließen als inkarnierter Bewegung. Und diese seine Begeisterung, so wird vermutet, führte dann in Chambord zur Idee eines auf den Kopf gestellten, in den Himmel sich hochdrehenden Strudels: jener doppelläufigen Wendeltreppe im Zentrum des Baus als eines frühen Spiels mit Konstellationen wechselseitigen Beobachtens. Aus miteinander verschlungenen, dabei aber separat bleibenden Umgebungen heraus begegnen sich hier Hinauf- und Hinabschreitende, ohne direkt aufeinander zu treffen.
Die Zukunft, so lässt es Chambord durch unsere Sinne, durch unsere Körper, durch unser Selbst-Spüren zucken, ist also emporsprudelnd-offen: eine von Formstrenge am Ende einerseits nicht zu bändigende, andererseits aber ohne Formsinn wiederum nicht denkbare Unendlichkeit an Möglichkeiten, in die wir – nicht erst „bald“, nicht erst „in der nahen Zukunft“, sondern heute schon, inmitten der Zukünftigkeit des Jetzt – hineingehen. Diese Zukünftigkeit ist der Motor unseres Jetzt-Seins, unseres Da-Seins: ein sich „in den Himmel“ – das kann auch heißen: in sich überbietende neuronale Vernetzungen hinein –schraubender Strudel gemeinsamer Bewegung.
Die Zukunft ist – auch heute – offen. Und alle Versuche, Vertrautes festzuhalten, werden scheitern. Die Architekten der Dachlandschaft Chambords trauten ihrer selbstreferenziell werdenden Ekstase: das in den Himmel Ragende baute sich – ganz irdisch – immer weiter und schuf aus sich heraus dabei so viel Sinn, dass die Forderung nach einem Grund verblasste. Und doch blieb im vornehmen Halbdunkel die ruhige Raffinesse des aus der Gotik heraufgekommenen Menschen, sich transformierend und neu ergreifend in Renaissance-Mathematik.
Chambord feiert Mathematik. Ohne sie gäbe es die Doppelwendeltreppe Leonardos nicht. Chambord zelebriert Mathematik in geometrischer Harmonie des Bauwerks – und lässt sie dann in den freien Raum hinein explodieren. In den Raum einer Bewegung von Sich-Auftürmendem, in nicht enden wollende Ausgestaltungen, die jeden Zweck hinter sich lassen, um sich ganz und gar ihrem tanzenden Eigensinn zu überlassen.
Die Kamine von Chambord lassen uns spüren: Die Welt ist gut. Nicht als ein Versprechen „für die Zukunft“. Und auch nicht als etwas, das verloren gehen kann. Ihre Offenheit ist es, die sie gut macht. Dass ihr Da-Sein im Jetzt Zukünftigkeit einbezieht – und die Möglichkeiten dieser Zukünftigkeit Sinn schaffen. Dass Welt gestaltbar bleibt und stets mehr dabei ist zu werden, als zu sein.
Die Dächer von Chambord lassen uns spüren: Mehr als um Substanz geht es um Bewegung. Mehr als ums Bauen selbst geht es ums Denken und Fühlen. Und umgekehrt: Denken / Berechnen bleiben nicht abstrakt, sondern spielen sich in und inmitten von Körpern ab – und in und inmitten wahrer Träume. Es geht um halluzinierend-erfinderische Begeisterung – allein oder in Gruppen, die – gemeinsam entfacht – abheben. Um die ganze Welt geht es; um Welt-Sein, um In-Welt-Sein.
Von den Dächern Chambords können wir lernen: Welt ist transparenter und flüssiger, als es zunächst scheint. Nicht: Ich bin hier und dort ist die Welt, sondern: Alles ist immerfort in beständigem Übergang begriffen. Innen und Außen / Erde und Himmel / Gegenwart und Zukunft …
Schauen wir also – am Beispiel von Chambord – Gebautes so an, als wäre es Ausgedachtes. Steine: in Dreidimensionalität aufgefaltete Philosophie. Und umgekehrt: Denken selbst einmal skulptural betrachten. Es eröffnet Räume im Zeichenspiel von Begriffen, Metaphern und Formen.
Dieser Übergang von Faktischem und Erdachtem ist das vielleicht kennzeichnendste Spezifikum unserer heutigen Zeit: Das Denken mit seinen Zeichenspielen kommt uns heute als ein Tatsächliches in Gestalt Künstlicher Intelligenz aus der Welt wieder entgegen, sich vermischend mit den Nervenspielen unserer Großhirnrinde. Hier von Interaktion zu sprechen, suggeriert – unzutreffend – die Selbstständigkeit deren beider Pole. In Wahrheit ist es anders: KI entspringt menschlicher Ingenieurskunst – ist also die nach außen gestülpte Simulation von Humankognition – und kommt von dort aus in einer Weise zum Menschen zurück, die die Grenzziehung zwischen Menschengedachtem und Maschinengedachtem ad absurdum führen wird. KI führt vor, dass Bewusstsein – zumindest in seiner Performance – materiell nicht fixiert ist.
So ist es die Luft selbst, die voll ist von Denk-Möglichem. Und das Denk-Mögliche ist nicht mehr trennbar von Faktischem. Diese eingerissene Grenze scheint – wie elektrische Ladung – auf den Dächern von Chambord zu schwirren. Diese eingerissene Grenze eröffnete nach dem Mittelalter den Weg in die Moderne. Und heute eröffnet sie wiederum ein neues Paradigma von Welt-Sein, in dem Vernetzung nur als die Außengestalt eines Weltmodus fungiert, bei dem das Erste, also das Apriorische, Bewegung ist – und nicht mehr Substanz.
Ist Bewegung vorgängig vor allem Festen, dann öffnet sich die ganze Welt neu: als Entwurfsgeschehen. Dann ist alles, was in sich stabil erschien und uns nach seinem Was fragen ließ, statt eines Was ein temporäres Kristallisationsgeschehen in einem umfassenden großen Fluss. Alles fließt – im Technischen merken wir es an schrumpfenden Halbwertzeiten von Hard- und Software, im eigenen Identitätserleben merken wir es an sich immer schneller ablösenden Episoden von Entwürfen des eigenen Selbst. Wirkliches fließt beständig über in Ungeahnt-Mögliches und Mögliches ist ebenso wirkmächtig wie Wirkliches. Die Grenze zwischen beidem fällt …
Sind wir hochgestiegen auf die Dächer Chambords, dann zeigt sich uns die Szene verändert: Zwischen Kaminen, Gauben und Laternen tut sich direkt vor unseren Füßen nun eine geordnete Stadt auf. Mitten im energetisch-aufgeladenen Gewirr der Aufbauten öffnet sich nun erstaunlich viel Raum für Ruhe und Gelassenheit. Man steht fest und bequem auf angenehmem Tuffstein und schreitet – hoch oben – auf ebenen Straßen. In der Luft – und doch auf dem Boden. Ausklingendes Mittelalter und vitale Renaissance als Wurzelwerk. Berührbare Zukünftigkeit – direkt unter offenem Himmel – als Gesellschafterin eines neu erstarkenden Menschen. Neue Perspektiven in neue Zeiten hinein. Ein neues Verständnis von Mensch- und Weltsein, sich hoch oben nur ganz im Geheimen noch rückkoppelnd an die – beim Bau des Schlosses kaum vergangene – französische Gotik mit ihrer Utopie des himmlischen Jerusalem.
Zwischen den Kaminen von Chambord scheint in den 500 Jahren, seit das Gebäude steht, keine Zeit vergangen zu sein. Chambord verweigert sich der Zeitschnur. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft implodieren hier ins Jetzt: in ein Jetzt unglaublicher Lebendigkeit. Orte wie Chambord sind Zeitportale. Halten wir uns ihnen gegenüber offen, dann nehmen sie uns mit. Orte wie Chambord erinnern und mahnen uns: Immer beginnt alles gerade jetzt. Nicht erst morgen. Die aus solch stehendem Jetzt heraus neu aufbrechende Dachlandschaft Chambords lässt auch uns Aufbruch spüren. Heute wieder wie selten zuvor.
Die alte Welt mag sich derzeit aufbäumen in autokratischen Schauerstücken. --- Schauen wir – auch – darüber hinaus! Wandeln wir, innerlich gelöst, auf Chambords Dächern. Fassen wir Vertrauen angesichts jener neuen Welt, in die wir heute hineingehen. Schauen wir von den Dächern aus hinüber in unendliches Land, das uns erwartet. Lassen wir uns, ohne die richtigen und allzu verständlichen Ängste vorschnell abzutun, ein auf Otto Scharmers U-Prozess – im Vertrauen auf ein neues Kapitel der Ur-Bewegung von Welt: viel mehr als bloß-vernünftig / immer noch tragend, aber – wie immer – auch: ohne doppelten Boden / und stets: ausufernd und enthusiastisch!
