Es ist nicht schlimm, wenn man rote Ohren bekommt.

Die dänische Erfolgsautorin Karina Kehlet Lins erklärt, weshalb es wichtig ist, über Sexualität zu sprechen

Es gibt keinen triftigen Grund, weshalb in Therapie oder Beratung das Thema Sex nicht angesprochen werden sollte. Es ist ein Bereich, der nicht vom restlichen Leben des Klienten abgetrennt ist, sondern ganz natürlich dazugehört. Weshalb fällt es vielen Therapeuten dennoch schwer?

Karina Kehlet Lins: Die meisten haben weder in ihrer Herkunftsfamilie noch im Studium gelernt, darüber zu sprechen. In der Schule legt der Sexualkundeunterricht noch immer die meiste Aufmerksamkeit auf reproduktiven Sex und darauf, wie man sich am besten vor Krankheiten und Schwangerschaft schützt. Verblüffend wenig wird uns über die positiven Seiten von Sexualität beigebracht. So gut wie gar nicht lernt man, wie man über sexuelle Wünsche oder Präferenzen kommuniziert. Verbreitet ist die Annahme, dass nur in Sexualwissenschaft ausgebildete Therapeuten das Thema Sex ansprechen sollten. Aber das stimmt nicht, jeder kann das Thema in einer Therapiesitzung versuchsweise und sachte ansprechen. Aus der Forschung weiß man, dass es den meisten Klienten schon weiterhilft, wenn sie spüren, dass ein Gespräch über Sex erlaubt ist.

Mit Klienten über Sex zu sprechen, erfordert ein wenig Mut. Wie schafft man es, das Gefühl der Grenzüberschreitung abzulegen und sich daran zu gewöhnen, das Thema in das professionelle Gespräch einzubeziehen?

Karina Kehlet Lins: Ich empfehle, im Kollegenkreis oder mit Bekannten zu üben, über Sex zu sprechen, damit es sich nicht mehr ungewöhnlich anfühlt. So lassen sich auch verschiedene Wörter ausprobieren, die für einen angenehm und authentisch sind. Und: Haben Sie Geduld! Es ist nicht schlimm, wenn man rote Ohren bekommt. Mit ein wenig Übung klappt es ganz schnell und man verliert die Unsicherheit. Sobald man als Therapeut das Thema Sex anspricht, wird es legitim, darüber zu sprechen, und das ist für den Klienten oft schon ausreichend, um darauf eingehen zu können. Der Therapeut bricht das Schweigen und der Klient fühlt sich angenommen. Spürt man die Dankbarkeit des Klienten, kommt das Thema nächstes Mal dann fast von selbst auf!

Sie schreiben: Bei einer Berücksichtigung des Themas Sexualität gibt es viel zu gewinnen und nichts zu verlieren. Was genau kann gewonnen werden, wenn man auch in anderen Beratungssituationen als der Paar- oder Sexualtherapie das Thema anspricht?

Karina Kehlet Lins: Schon das Thema anzusprechen stärkt die Allianz. Die Offenheit seitens des professionellen Helfers wird deutlicher, also können Klienten leichter auch über andere für sie schamhafte Themen sprechen, wodurch eine Beratung auf eine tiefere Ebene gelangen kann. Ein Profi sollte nicht vor schwierigen oder vermeintlich unangenehmen Themen Halt machen!

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht das Sexualleben im Hinblick auf die selbsterlebte Gesundheit und das eigene Wohlbefinden?

Karina Kehlet Lins: Sehr wichtig! Und das sage nicht nur ich, sondern die Forschung hat es belegt: Die Mehrheit der Menschen ist der Meinung, dass ein gut funktionierendes Sexualleben von sehr großer Bedeutung für sie ist. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sexuelle, körperliche und mentale Gesundheit sowie allgemeines Wohlbefinden positiv mit sexueller Befriedigung, sexuellem Selbstwertgefühl und sexueller Lust assoziiert sind. Wichtig für die Gesundheit ist allerdings, dass es genussvolle sexuelle Erlebnisse sind. Viele Menschen haben leider unangenehme Erfahrungen in Bezug auf Sexualität, andere haben Fragen, inwiefern sie normal sind, haben Angst, dass ihre Vorlieben abnormal sein könnten. Und auch das Gegenteil höre ich in meiner Praxis: Klienten, die glauben, ihr Sexualleben sei zu langweilig, nicht „kinky“ oder frech genug.

Eine verbesserte Paarbeziehung bedeutet nicht automatisch ein besseres Sexualleben, aber umgekehrt hat ein verbessertes Sexualleben stets Einfluss auf die Beziehung. Wie kann man für neue sexuelle Dynamik sorgen? 

Karina Kehlet Lins: Indem man auch mit dem Partner über Sex spricht, statt zu denken, dass es von alleine funktionieren sollte. Michael Lukas Möller bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt, dass die Erotik der meisten Menschen eine karge Existenz im inneren Exil fristet. Aber wenn man sich traut, über die eigenen Sehnsüchte oder Unsicherheiten zu sprechen, und es vom Partner angenommen wird, dann passiert immer etwas.

 

Das Buch "Sprechen über Sex" von Karina Kehlet Lins erscheint im März 2020 im Carl-Auer Verlag.