W A H R N E H M E N - T U N - D E N K E N - G E S T A L T E N > W I R K E N ?

Stefan Braun

Wirklichkeit kommt aus Spielarten des Wirkens. Wie – im Einzelnen – geht das vor sich? Wirkt die Welt – oder bin ich es selbst, der sie wirken / sich brechen lässt in meinem Wahrnehmen / Tun / Denken / Gestalten?

Wirklichkeit, ist das nicht – zumindest auch – unabhängiges Vorhandensein? --- Es gibt sie doch, die Dinge der Welt. Wir haben sie uns nicht ausgedacht. Die Welt korreliert ja nicht mit dem, was wir erträumen. Vielmehr fordert sie unsere Anerkennung – das mag auch heißen: unsere Unterwerfung. --- „Nimm an, was ist – denn dessen Tatsächlichkeit impliziert: Es ist nicht zu ändern.“

Dieser Impetus der Faktizität / des Feststellbaren in dem Sinne, dass es – vor allem Fest-Stellen – immer schon fest steht, hat etwas Metaphysisches. Er rückt Welt von uns weg als etwas in-sich / auf-sich-selbst Ruhendes – als ein An-sich.

Und selbst, wenn es nicht die Dinge sein sollten, die fest stehen, so dann doch die natürlichen Gesetze backstage, die sie arrangieren. Natur als Transmission: indiskutabel.

Wirklich? Ist das so mit der Wirklichkeit?

Also: „Ist das wahr?“

In solchem Fragen nach der Wahrheit von Wirklichkeit wird angeblich Indiskutables dann doch besprechbar. Tatsächlich Wirkliches – also doch nicht ganz so erratisch, sondern – zumindest – Teil des Spiels von Gedanken und Worten.

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Lösen wir den Komplex „Wirklichkeit – Wirken – Wahrheit“ ab von „Vorhandensein – Tatsächlichkeit“. Die Anmutung eines Erratisch-Metaphysisch-Alternativlos-Gebieterischen – sie inszeniert nur das letztgenannte Konzept. Das der Realität. Wirklichkeit hingegen lässt Raum. --- Was spielt sich aktuell – in unserer derzeitigen Gegenwart – in jenem Raum des Wirkens ab?

Die immensen Kräfte, die in heutigen Zivilisationen – weit ausgreifend – am Werk sind, lassen alle Versuche, in ihren Wirkfeldern so etwas wie Ordnung und Übersicht zu erlangen, aussichtslos erscheinen. Neoliberal „befreite“ Märkte beispielsweise wirken inmitten eines Auseinanderdriftens von Real- und Finanzwirtschaft, das kein Außenbeobachter mehr – mittels Vernunft – rahmen könnte. Prozesse folgen hier mathematisch-kalkulatorischen Spielregeln, die Vernunft vielleicht als „unvernünftig“ deklarieren könnte, womit aber nichts gewonnen wäre.

Die in dieses gespenstische Spiel involvierten Investment-Banker und Hedgefonds-Manager werden von einem Arbeits- und Lebensstil absorbiert, der ihnen ein Dasein in Kontexten menschlichen Maßes unmöglich machen dürfte. Eine menschlich-maßvolle Beheimatung in Zeit und Raum lässt ihr rastloses Tun kaum zu. Ihr mit Geld überhäuftes Leben ist eine Wohlstands-Obdachlosigkeit und mag hier und da auch regressive Sehnsüchte nach einfachem Leben, nach Verwurzelung in Heimat / Sicherheit / Lebenswelt erzeugen.

Krisen, angefacht durch ein überreiztes Wirken, das sich permanent in Selbstüberbietungen entlädt, sickern heute ein in kleinste Ritzen des Alltäglichen: Klima / Migration / Pandemie … Wo einst Vernunft und Moral ihr Feld zu bestellen suchten, bestimmen nun Macht / Geld / algorithmische Interdependenzen die Regeln. Selbst Intelligenz lernte, durch technische Vervielfachung ihre Wirkmacht ins Maßlose zu steigern und kommt nun hochenergetisch auf ihre Erzeuger zurück, die sich – als Zauberlehrlinge – die Augen reiben.

Welt scheint sich in ihren über- und durcheinanderschießenden Wirkkaskaden selbst zum Opfer zu fallen. Wer glaubt, hier Richtungen zu erkennen, denen er entgegensteuern kann, verkennt die Komplexität der Lage. Ruft Greta Thunberg der UN-Versammlung empört „How dare you?“ entgegen, so verraucht selbst diese ultimative Emphase schnell: „Yes, you’re right – but what should we do?“

Inmitten dieses Durcheinanders lebt es sich für die Sonnenseiten-Bewohner unserer Welt einstweilen noch komfortabel. --- Aber: Der ihnen selbstverständlich gewordene Wohlstand ist auf lange Sicht nicht durchsetzbar, denn die natürlichen Ressourcen sind und bleiben nun einmal beschränkt.

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In solcher Limitierung kehrt sie durch die Hintertür zurück: die unverhandelbare Tatsächlichkeit einer Welt, deren so-und-nicht-anders beschaffener Bestand indiskutabel ist. Aber dennoch und erneut wird uns diese Unverrückbarkeit selbst zum bloßen Konzept: als (eine mögliche) Sicht auf Welt / als Ansichtssache. --- Wie soll Zukunft sein: vielleicht doch – so eine Möglichkeit – immer noch in Anteilen fossil? Thunbergs Mär von der bestohlenen nächsten Generation sickert in Gesellschaft ein als (bloße) Erzählung – eine von vielen.

Und in der Tat: Welt – paradoxerweise auch im Konzept ihrer Unverhandelbarkeit – bleibt verhandelbar. Man kann eben auch anders auf sie schauen als auf den limitierten Ressourcenpool, in dessen Gestalt wir sie „vor uns“ sehen. --- Unser Blick auf die Welt ist, welche Konstellation wir auch wählen, stets konstruiert. Das resultiert daraus, dass wir Welt gegenüber niemals festen Boden gewinnen können, da wir selbst Teil von ihr sind. Deshalb müssen wir uns – von ihr selbst aus auf sie blickend – provisorische Beobachtungsstationen in ihr basteln, die immer dadurch relativiert bleiben, dass ihr Grund (welt-bewegt) schwimmt.  So gehören wir – als Welt-Beobachter – mit zum Entwurf der Welt selbst – und entwerfen daran in der Weise, wie wir unsere Beobachtungsstationen bauen, mit.

Und deshalb: So evident und dringlich Welt das in einem bestimmten unserer Konzepte über sie selbst auch anmahnen mag: Sie ist dies nicht in einer letztbegründeten Weise: eine Menge von Sachen, zu denen unser Intellekt in Entsprechung zu kommen hätte. Die Adaequatio von Dingen und Intellekt bei Thomas von Aquin hat ein Einfallstor: die Vorstellung der Adaequatio selbst – als ein Gleichheitszeichen, zu dem sich – wenn überhaupt – bei seiner Einlösung der Intellekt selbst entscheidet.

Was bedeutet dies nun – für unser wirkendes Wahrnehmen / Tun / Denken / Gestalten – inmitten verstrickter und verstrickender Wirk-Kontexte? Können wir am Ende nicht doch – irgendwie – wirkend Welt freiräumen / Luft und Licht einlassen, unseren Beitrag leisten zu einer – wie auch immer – guten Welt?

Wir stehen derzeit in einer herausfordernden Konstellation, die – zusätzlich zur generell und stets schwankenden Lage aller Dinge – gekennzeichnet ist durch eine große Transformation, einen tiefgreifenden Wechsel zwischen zwei Weltkonzepten. Wir verlassen ein Konzept, das – seinerseits Resultat durchgreifender Säkularisierung – vor Jahrhunderten in Vernunft und Freiheit sich seinen Boden schuf. Der Mensch glaubte, in aufklärerischer Ermächtigung selbst die Geschicke der Welt in die Hand nehmen zu können. Dieser Boden bricht gerade weg – zugunsten einer Welt aus Bewegung – in Gestalt einer Nichtunterscheidbarkeit zwischen menschlichem Innen und Außen als neuronaler Vernetzung. Gehirn + Internet + Künstliche Intelligenz – das ist die neue Weltgestalt, die momentan – im Umbruch – in temporär-zeitliche Parallele kommt zum untergehenden Konzept einer Welt aus Subjekten + Objekten.

Hinzu kommt – verwirrenderweise – zur momentanen Parallele beider Weltparadigmata im Übergang, dass im neuen „neuronalen“ Paradigma aus Bewegung und Vernetzung ohnehin alles ganz anderes werden wird: eine Koinzidenz verschiedener Zeitkonstrukte / ein Parallelgeschehen unterschiedlicher Zeiten / eine Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem zieht herauf.

Ein lineares Weitergehen in Richtung einer guten Welt entstammt dem gerade versinkenden Paradigma – und ist derzeit aus zwei Gründen nicht lebbar: Erstens verhindert die strukturschwache paradigmatische Übergangssituation mit ihrer Wirklichkeitsfragmentierung, ihren harten Brüchen zwischen verschiedenen Welten, dieses Weitergehen. Zweitens passt die Vorstellung eines Weges, der zu gehen sei, selbst nicht mehr in das neue Weltkonzept, in dem man vernetzt-flächig statt linear navigiert.

In einer solchen Gemengelage – also inmitten eines Welt-Paradigmenwechsels – werden alle Wirk-Initiativen, aus so gutem Willen heraus sie im Einzelnen auch starten, zwangsläufig verfälscht. Wo beispielsweise Klärung intendiert ist, treten unversehens Komplikationen auf. Oder Datenschutz – Freiheit – Kontrolle – Bürokratie – unregulierter Datenhandel … vieles in diesem Feld stellt sich quer zueinander, weil sich dahinter – im Grundgefüge von Welt – Entscheidendes dermaßen verschiebt, dass es bei diesen Punkten um mehr geht als einfach nur um die Frage: Ja oder Nein?

Die paradigmatische Gestalt, zu der Welt sich heute latent bereits konfigurierte, ist – als Welt-Kontext – weiter (sozusagen „weiser“) als überkommene Handlungsmuster es sind, die im Innenraum dieser Gestalt konkretem Tun weiterhin unterlegt werden. Somit laufen wir den Verhältnissen hinterher und treffen allerorten überrascht auf unerwartete und unerklärliche Stockungen, mit denen wir nicht rechneten. Dies geht einher mit Irritation und eine letzte Frage taucht dann auf: Was ist das eigentlich für eine Art von Wirklichkeit, in der wir hier stehen?

So lange kommen wir – im neuen Weltkontext – nicht nach, bis wir dies begriffen haben: Darum – um das Hinterherkommen auf einer Rennstrecke – wird es gar nicht mehr gehen. Stattdessen um ein Inmitten. Ein flächig-vernetztes Inmitten von Welt, aus dem es grundsätzlich nicht mehr herausgeht. Das ist anzunehmen. Das ist – wenn man so will – die neue Faktizität. Der neue Stand der Dinge.

Immer schon waren wir – schwimmend – inmitten des Wirklichen, aber der Reim, den wir uns in vergangenen Jahrhunderten über die Wirklichkeit / unser Wirken in Wirklichkeit machten, stabilisierte uns in der Illusion, das Weltkonzept aus Subjekten + Objekten sei mehr als ein schwankendes Boot. Neue Entwicklungen und Erkenntnisse lassen uns nun insofern tiefer blicken, als wir bemerken, dass wir jenes Schwanken – als eine allem Festen vorgängige Beweglichkeit von Welt – niemals loswerden. Wir haben uns darauf einzulassen. Das heißt: „Vorangehen in offene Zukunft“ – so einfach wird es nie mehr sein.

Stattdessen: Den Wirkfeldern multidimensionaler Wirklichkeiten sich vorbehaltlos öffnen – darum könnte es gehen. --- Oder anders: Mitschwimmen ist nun gefragt – wie einst in der vorbewussten Ur-Lebenswelt, wo das Ich beständig in sein Wir hineindiffundierte. „Mitschwimmen“, das heißt: Vernunft und Kritik hinter sich lassen im Vertrauen auf ein elastisches Jetzt mit seiner eigenen Gestalt von Zukunft: der ihm selbst innewohnenden Zukünftigkeit.

Aber Mitschwimmen – ist das nicht das genaue Gegenteil von Wirken, ist das nicht Mitläufertum? --- Mitläufertum gar in einer Zeit, die aus den Fugen geriet? Plädiere ich hier dafür?

Mitnichten! --- Wirken heißt heute: Inmitten von Netzen Maschen verschieben: quer auf Dinge schauen / eine Initiative starten … ohne zu ahnen, was dies vorne / hinten / rechts / links verschiebt. Mitschwimmen heißt: sich offenhalten gegenüber Netzeffekten. Ihrer Unberechenbarkeit. Darauf improvisierend reagieren – oder sich bewusst heraushalten. Synchronisieren mit dem Netz – oder Entkoppeln. Beides ist möglich. Mitschwimmen heißt: bewusst und „schwimmend“ mit der Lage umgehen.

Wirken muss sich heute von Richtungspfeilen verabschieden. Vom Konzept der Agenda: Ich starte so und mache dann so weiter … In dieser Weise lässt sich nichts mehr „voran“ bringen.  In dieser Weise lässt sich auch nichts mehr verhindern. Denn das, was sich aus dem Netz „zwischendurch“ immer aufs Neue von allen Seiten dazwischenschiebt, verwickelt alle Fäden und lässt das Intendierte zwischen die Netzmaschen rutschen. Es bleibt: ein ungerichteter Wellengang. Ihm das Wirken zu überlassen – um diese Offenheit geht es.

Das setzt Vertrauen voraus. Und tatsächlich: dass Vertrauen wachsen müsse, ist in aller Munde. Die Logik der linearen Agenda war die Logik des Misstrauens: die Schritte nahtlos ineinander übergehen lassen / keine Eventualitäten zulassen. Nur die Richtung nicht verlieren / das Ziel fest vor Augen. Freiheit und Würde im Blick – koste es, was es wolle. --- Welt selbst hingegen ist anders: immer ein Ganzes.

Mitschwimmendes Wirken schwingt im PRESENCING der Theorie U von Otto Scharmer: Im Jetzt sein / mit allen Sinnen wahrnehmen. Achtsam sich alles vergegenwärtigen – und so wirkend sich beheimaten in einer neuen Wirklichkeit, in Lebenswelt X.0, wo Wahrnehmen / Tun / Denken / Gestalten sich mit neuer Welt arrangiert.

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Eine neue Wirklichkeitsdynamik also.

Zum Schluss: Wie kam es dazu?

Eine Leerraum kam einst in die Welt: zwischen dem Ich und den Dingen. Diese Lücke wurde im 17. Jahrhundert erfunden. Und sie begleitete uns bis in die „Fernseh-Konstellation“: Hier der Zuschauer / dort die „Welt“.

Diese Kluft verschwindet nun. Denn sie ermöglichte einem neuen Weltkonzept Einlass: Alles, eben weil es getrennt sei, solle sich fortan verbinden. Darüber – über die Idee umgreifender Verbindung / Vernetzung von Welt – installiert sich gerade das neue Seins-Apriori aus Bewegung als einem Ersten / einem Urprinzip von Welt. Dieses Konzept rekonstruiert Lebenswelt: als Lebenswelt X.0. Nun, statt vorbewusst, allerdings mathematisch-algorithmisch-tiefenscharf. Eine neue, granulare Lebenswelt aus lauter Information – aus Bits.

Wirklichkeit wird somit also gerade: Bewegung. Wirken wird zu: Bewegen aus der Weltmitte heraus. Diese Weltmitte ist überall. Lebenswelt X.0: frei von „Domino-Denken“. Frei von eindimensionalen Richtungskämpfen. Welt vielmehr als bewegtes Hin-und-Her von Infrastruktur, als Ko-Existenz des Disparaten.

Und der Mensch? Er geht auf im Ausleben seiner Ersten Person, mitten aus seinem Spüren heraus, wie sich Menschsein anfühlt: in Wirkzusammenhängen zukünftiger Wirklichkeit.