Bauhaus macht Schule

Wie Reallabore im Bauhaus-Geist die Entwicklung von Schule voranbringen können

Nicht nur die gegenwärtige Lage, in der sich Schule befindet, kann mutlos machen. Nachdenken über Schule, so scheint es, dreht sich mittlerweile im Kreis. Die einen fordern Konsolidierung schulischer Kernbestände, etwa die Sicherung von Kulturtechniken: Schreiben, Rechnen, Lesen, Verstehen. Andere zielen auf Befreiung der Schule aus überlebter Enge ihrer gängigen Routinen. Immer wieder geht es – in mannigfaltigen Varianten – um „Reform“ … All das ist nicht neu – und so verdeckt viel gut Gemeintes kaum eine allgemein-verdrossene Ratlosigkeit. 

Schule – mit ihren vielen Dimensionen – ist Spiegel der Gesellschaft als ganzer. Schule wird zum Spielball von Ideologien. Kopfüber steht sie nun inmitten des Missklangs bodenloser Aufgeregtheiten. Wohin um alles in der Welt soll sie sich noch wenden: nach links, nach rechts, nach vorn oder zurück? Soll sie auf Erhaltung zielen – braucht sie einen Refresh – oder sollte sie sich gar ganz neu erfinden? Wird sie sich – als Schule, als zentrale Bündelungsinstitution von „Bildung“ – überhaupt halten? Derzeit weiß niemand, wohin die Reise geht.

Nun, aufgeheizte Verhältnisse wie die, inmitten derer derzeit auch Schule steht – sie sind der Moderne nicht fremd: Schwüle Luft scheint sich von Zeit zu Zeit fast zwangsläufig anzusammeln unter Bedingungen, die auf unentwegte Überproduktion zielen. Überproduktion an Wissen, an Gütern, an Meinungen, an Geschwindigkeit … Eskalationsatmosphäre! Manchmal genügt ein Funke und alles bricht los. Im vergangenen Jahrhundert gleich mehrfach. So nun – hoffentlich nicht! – auch heute wieder? --- Um Abkühlung könnte es gehen.

Abkühlung – ein Gebot der Stunde? Analog etwa zur Abkühlung jener expressionistischen Hitze der Jahrzehnte nach 1900 – Abkühlung in Gestalt des Bauhauses nach dem Ersten Weltkrieg.

Komplexitätsreduktion – aber nicht als das populistische Hochfahren von Wut, Revanche und Gebrüll, nicht als ein Dreinschlagen, sondern als leise Entrümpelung.

Heute provozieren mancherorts Initiativen solchen Herunterfahrens. Gerade auch das aus Mitteldeutschland stammende Bauhaus – zum Beispiel – provoziert in gewissen Kreisen. Mit seiner vornehmen Konsequenz gerader Linien und lichtoffener Räume. Mit seiner großen Ruhe. Zum Anstoß wird es – für Nebelmaschinen-Aktionismus. Bauhaus distanziert sich von Gebrüll, Wahn, Hass und Revanche. Gerade das weckt Gebrüll.

Räume mit Aussicht

Solche Räume „oberhalb“ des überhitzten schulideologischen Irrgartens braucht Schule, um wieder zu sich selbst zurückzufinden. Zu sich selbst als einem Ort des Lernens – statt eines Labyrinths ideologischer Grabenkämpfe. Michael Schratz spricht da von einer „lernseitigen Pädagogik“. Hierbei stehen die Schüler/innen selbst – mit ihrer Potenzialentfaltung – im Blick.

Um sie, die Schüler, wieder ins Zentrum zu rücken, brauchen wir Ent-Emotionalisierung in Sachfragen und Re-Emotionalisierung im Zusammensein aller an Schule beteiligten Menschen.

Wir brauchen somit Plattformen / Räume, wo sich Beteiligte treffen, um Brücken zu schlagen. Und Beteiligte, das sind auch jene, die ihren Nachwuchs aus der Schule rekrutieren: Handwerksbetriebe und Hochschulen. Schulpolitik und -administration finden sich dort ebenso ein wie Vertreter/innen aus Kommunen als den infrastrukturellen Träger/inne/n von Schule. 

In solchen Räumen „über“ der Schul-Kakofonie kommen auch Eltern zu Wort: unersetzbare Erfahrungen und Blicke aus der Praxis. Schulleitungen sind mit dabei – und vielleicht auch philosophisch-systemische Beobachter und Prozessbegleiter. Aber bevor Schule selbst dort zum Thema werden kann, geht es – noch einmal ganz von vorne – um Grundsätzlicheres: um ihr zukünftiges Zielszenario. Oder gar um die Frage des zukünftigen Menschen.

Die Plateaus über den Labyrinthen – ich nenne sie: neue Bauhäuser. Viel Raum und Licht – und wohltuender Abstand, der frische Selbstwirksamkeit möglich macht. Einige dieser Bauhäuser gibt es schon: in Leipzig, in Göttingen, in Erfurt, bald in Jena und anderen Orten: „Reallabore für Bildung“ heißen sie. Da wächst Mut. Da geschieht Vernetzung – auch untereinander.

Reallabore für Bildung: Bauhäuser für neue Schule anstelle eines wirr-populistisch-vorschnellen Aktionismus. Statt Aufheizung brauchen wir Abkühlung. Und Tools unterstützen uns dabei, derzeit sehr stark in Gestalt Künstlicher Intelligenz. Die INTUS3-KI der Helga-Breuniger-Stiftung etwa geht da in großen Schritten voran. Oder die von der Universität Siegen koordinierte KIMADU-Forschung rund um den Einsatz generativer KI an Schulen.

Niemand wird bestreiten: In den Schulen sitzen die Potenziale unserer Zukunft. Das ist so. Also muss frischer Möglichkeitssinn in den Schuldiskurs. In einen Diskurs, in dem niemand schon weiß, wie es geht.

Das heißt aber nicht, wir stünden im Feld Schule vor Dantes Höllentor: „Lass alle Hoffnung fahren!“ – Nein, denn: Wenn Menschen überhaupt etwas sind, sind sie Hoffende. Und diejenigen, von denen wir das Hoffen neu lernen können, sie sitzen in den Bänken unserer Schulen. Lassen wir sie nicht allein.