Geschlecht und System
Erickson, Stierlin, Minuchin.
Ihnen werden die drei und ihre Forschung sicherlich bekannt sein. Doch hätten Sie gedacht, dass ich mich auf drei bedeutende Systemiker beziehe, aber gar nicht Milton Erickson, Helm Stierlin und Salvador Minuchin meine?
Alice Betty Erickson, Satuila Stierlin, Patrica Minuchin – alle schnell vergessen in Anbetracht ihrer „großen“ Ehemänner bzw. Väter. Dabei sind diese Frauen ebenfalls bedeutende Systemiker!
Ich könnte noch viel mehr Frauen aufzählen, Mara Selvini, Insoo Kim Berg, Insa Sparrer …jedoch bringt es wenig, nur einzelne Namen hervorzuheben, denn:
• Mehr als 75% der Psychologiestudierenden und psychologischen Psychotherapeuten sind Frauen (Arztzahlstatistik der KBV, Hochschuldaten WS 2023/24)
• 54% der Psychiater:innen sind Frauen, bei den Kinder- und Jugendpsychiatern sind es sogar 66,1% (Arztzahlstatistik der KBV)
• 58% der Coaches sind Frauen (Coaching Magazin 2020)
• Die ärztliche Psychotherapie hat einen Frauenanteil von 66,6% (Arztzahlstatistik der KBV).
Das Feld war und ist weiblich. Und trotzdem – wir denken bei berühmten Psychologen und Psychiatern zuerst an Männer.
Unser patriarchalisch geprägtes Denken hat auch Folgen in der Therapie. Bereits Ende der 1970er Jahre beforschten vier Pionierinnen der feministischen systemischen Therapie dieses Thema: Marianne Walters, Peggy Papp, Betty Carter und Olga Silverstein (allesamt Familientherapeutinnen, Sozialarbeiterinnen, Forscherinnen).
Sie gründeten das „Women’s Project in Family Therapy“, dessen Ergebnisse sie in ihrem Buch „Unsichtbare Schlingen. Die Bedeutung der Geschlechterrollen in der Familientherapie. Eine feministische Perspektive“ und zahlreichen Workshops bekannt machten. Sie untersuchten sexistische Theorien und Betrachtungsweisen, die in der klinischen Praxis verbreitet waren, und versuchten, feministische Alternativen zu finden.
Viele ihrer Erkenntnisse sollten weiterhin beachtet werden, da die zugrundeliegenden Strukturen seit den 70ern kaum bzw. nicht hinreichend verändert worden sind:
• Frauen und Männer haben unterschiedliche Sozialisationsprozesse bzw. Konditionierungen, es werden unterschiedliche gesellschaftliche Erwartungen an sie geknüpft – das bedingt, oft unbewusst, ihr Verhalten und ihre Rolle (z. B. in der Familie).
• Bereits die Begriffe „Mutter“, „Vater“, „Tochter“ oder „Sohn“ werden mit bestimmten geschlechtsspezifischen Erwartungen verknüpft und sind nicht bewertungsfrei.
• Frauen werden immer noch dazu erzogen, die Hauptverantwortung im familiären Bereich und anderen Kontexten von Care-Arbeit zu übernehmen – dementsprechend tendieren Frauen schneller dazu, die „Schuld“ für Probleme zu übernehmen oder es „allen recht zu machen“.
• Perfekte Mutter oder Rabenmutter: Entweder frau gibt sich auf für ein unrealistisches Idealbild oder wird kritisiert als „Mutter aller Probleme“ der Kinder, die hochgradig pathologisch ist – so oder so, frau kann bei der Mystifizierung der Mutterrolle nicht gewinnen!
• Eine Intervention kann, aufgrund der geschlechtsspezifischen Unterschiede, für einen Mann funktionieren, aber für eine Frau nicht – und umgekehrt.
• Kulturelle Klischees bestimmen unterbewusst die Sicht der Therapeut:innen und ihrer Klient:innen. (Beispiel: Frauen sind von Natur aus rätselhafte Wesen für Männer, ein Vater kann seine Teenagertochter gar nicht verstehen, eine Mutter weiß immer, was das Beste für ihr Kind ist …)
• Jede Familientherapie ist auch ein politischer Akt. Familie ist immer Teil des gesellschaftlichen Systems!
Es wäre an der Zeit, die Arbeit der Frauen im systemischen Feld zu würdigen und vor allem in der Praxis anzuwenden – für das Wohl von Klient:innen.
Zur Autorin:
Julia Lang studierte Geschichte und Germanistik, engagiert sich für gesellschaftliche Gleichstellung und politische Bildung. Sie arbeitet heute für einen Wiesbadener Verlag und hat sich im Rahmen eines Praktikums mit den publizistischen Möglichkeiten auf dem systemischen Feld auseinandergesetzt.