Brief 10 - A ist systemischer als B - von Oliver

Liebe Andrea,


Du hast ja so einige Fäden aufgenommen und weitergesponnen, und dabei viele neue Fragen aufgeworfen. In meinem Bemühen um einen roten Faden greife ich erst mal Deine Geschichte auf. Die Struktur, die Du mir da lieferst, entspricht natürlich exakt dem von Dir schon zitierten Tetralemma, und zwar dem nicht negierten. Der Vater auf dem Esel (das Eine), der Junge auf dem Esel (das Andere), Vater und Sohn auf dem Esel (Beides) und die beiden tragen zusammen den Esel (Keines von Beidem). Wäre es nun das Anliegen, eine Lösung zu finden, bei der keine Passanten sich mehr das Maul zerreissen über die drei Gestalten, würde die SySt-Idee des negierten Tetralemmas einen Schritt weiterhelfen. Denn über die sogenannte fünfte Position (all dies nicht, und selbst das nicht), die keine Position ist, soll ja im Bateson’schen Sinne ein Lernen höherer Ebene ermöglicht werden. Dieses könnte beispielsweise in der Einsicht von Vater und Sohn bestehen, dass es gar nicht möglich und wohl auch nicht wichtig ist, EINE Lösung zu finden, die allen entspricht, sondern dass es vielmehr darum gehen könnte, eine für die drei Beteiligten – Vater, Sohn, Esel – stimmige Balancierung verschiedener Lösungen auszuprobieren – unabhängig davon, was das Publikum dazu meint. Dadurch würde im Sinne höheren Lernens die Autonomie von Vater und Sohn gefördert. Dies wiederum entspricht, wenn ich Deine Ausführungen richtig verstehe, genau Watzlawicks Sichtweise, dass die Aufgabe der Wissenschaft (und der Beratung?) darin besteht, für Fragestellungen zumindest vorübergehend wirkungsvolle Antworten zu finden, die womöglich morgen – wenn Vater und Sohn Waren heimtransportieren müssen, die sehr schwer zu tragen sind (also ein neuer Kontext) – schon wieder neue Fragestellungen aufwerfen. Natürlich ist diese Anwendung des schon mehrfach zitierten (negierten) Tetralemmas keinerlei Beweis dafür, dass es grundlegende Wahrheiten oder Prinzipien gäbe. Das ist aus meiner Sicht auch nicht der Punkt. Wie Watzlawick auch sehe ich die Aufgabe der Wissenschaft oder anderer Disziplinen darin, Methoden zu entwickeln, die für bestimmte Fragestellungen hilfreich sind.


Und hier kommt wieder meine Frage herein, die uns unter anderem in unserem Gespräch beschäftigt: Wenn es gelänge, die Struktur von Fragestellungen zu verstehen und methodisch über syntaktisch anwendbare Schemata und Modelle so zu erfassen, dass jeglicher Inhalt darin sortiert werden und überdies Orientierung für weitere Schritte entstehen kann, würde dadurch nicht die Wahrheit erkannt oder gefunden werden. Jedoch würden Unterschiedsbildungen ermöglicht werden, die einen Unterschied machen, und so sehe ich das Streben nach Schemata und Modellen, die mit den Strukturen des menschlichen Bewusstseins zu tun haben, nicht als Versuch, die Wahrheit zu erkennen, sondern Menschen und Kollektive darin zu unterstützen, mithilfe dieser ganzheitlichen Landkarten ihre für sie gerade hilfreiche Wahrheit zu finden.


Dass es im Bestreben, diese Strukturen zu finden, unterschiedliche Versuche von Landkarten gibt, liegt wohl in der Natur der Sache. Auch die Frage, welche davon wie hilfreich sind und wenn ja, für welches Anliegen, ist natürlich berechtigt und wichtig. Ich vermute, dass verschiedene Menschen hier zu unterschiedlichen Antworten kämen.


Für mich sind Landkarten (Modelle, Schemata ...) je nützlicher, je weniger Inhalte sie brauchen, um für die Bearbeitung eines Anliegens hilfreich zu sein, weil sie stärker auf Strukturen von Themen und Fragestellungen blicken.


Um dies näher zu erläutern bitte ich Dich, mir einen kurzen Exkurs zu erlauben zur Frage, was denn eigentlich «systemisch» heisst. Zu dieser Frage gefällt mir eine Idee von Matthias Varga von Kibéd am besten, der sagt:
„Eine Erklärung (Theorie, Methodologie, Vorgehensweise, Begriffsbildung, Hypothese, Denkweise, Idee, Therapieform, Intervention...) A ist systemischer als eine Erklärung (Theorie...) B per definitionem genau dann, wenn A in höherem Maße als B erlaubt, von der Zuschreibung von Eigenschaften an Systemelemente abzusehen (zugunsten der Betrachtung von Relationen, Strukturen, Kontexten, Dynamiken und Choreographien).“
(Varga von Kibéd 2005, S. 229)


A ist systemischer als B


Der Vorteil dieser Idee liegt darin, dass man «systemisch» nicht versucht als fixe Zustandsbeschreibung zu definieren, sondern nur komparativ zu verwenden, was stärker auf Unterschiedsbildung hinweist als auf Verfestigung von Beschreibungen. So dass man sagen könnte, A ist systemischer als B weil ...., während die Aussage: Systemisch ist ... bereits schon relativ unsystemisch wäre.


In dieser Idee enthalten ist ja nun die Formulierung, dass eine Erklärung, ein Vorgehen etc. umso systemischer ist, je weniger Zuschreibungen darin enthalten sind und je mehr auf Wechselwirkungen usw. geachtet wird. Nun komme ich zurück zu unserem Thema der syntaktischeren bzw. strukturelleren Betrachtung von Fragen und Anliegen (auch hier: besser im Komparativ zu verwenden) und meiner Aussage, dass Schemata und Modelle besonders geeignete Landkarten darstellen, wenn sie ein relativ inhaltsfreies Arbeiten ermöglichen.


Wenn wir Schemata und Modelle zur Verfügung haben, die Fragen ermöglichen, ohne dass wir die Inhalte des Anliegens kennen oder verstehen müssen, arbeiten wir systemischer, als wenn wir die Inhalte brauchen, um ein Anliegen bearbeiten zu können. Man könnte sagen: Wenn wir nur die Struktur eines Themas oder einer Frage kennen, nicht aber den Inhalt, und wir diese mit einem syntaktisch anwendbaren Schema oder Modell hilfreich bearbeiten können, ist das eine Landkarte, die nützlicher ist, als wenn wir dafür viele Inhalte kennen müssten. Und das ist aus meiner Sicht deshalb so, weil sie näher an den Strukturen des Bewusstseins ist, je weniger wir die einzelnen Inhalte kennen müssen, um hilfreich wirken zu können.


Dies wiederum lässt mich die Brücke schlagen zu Krishnamurti´s «Never second hand»-Axiom, das du mit Bezug zu Watzlawick nennst. Ich stimme vollkommen damit überein, dass niemand für jemand anderen die Wahrheit postulieren kann und diese nur aus der unmittelbaren Erfahrung kommen kann. Und Du schreibst, dass wir Menschen in Beziehungen existieren, die nur harmonisch und kreativ sein können, wenn wir mit uns selbst in Einklang stehen und unserer Selbst jederzeit bewusst sind. In meinem Verständnis können wir das niemals zu 100% sein, auch wenn ich mit der Aussage übereinstimme, dass in jenen Momenten, in denen wir das sind, wir wirklich wahrhaftig sind. Um uns besser zu verstehen und unserer selbst bewusster zu werden, um unsere Probleme zu lösen und uns neu zu erschaffen, ist es deshalb notwendig, unsere zwangsläufig beschränkten Sichtweisen immer wieder von neuem zu erweitern – und dabei helfen diese von mir postulierten ganzheitlich-syntaktischen Landkarten, weil sie eben durch ihren universellen Charakter zwar nicht die Wahrheit erkennen können, jedoch uns heilsame Impulse geben können, unsere Wahrheit immer mehr und mehr zu finden.


Welche Rolle in dem ganzen Themenkomplex Sprache und ihr wirkungsbewusster Gebrauch spielt, wäre nochmals eine andere – allerdings damit zusammenhängende – Auseinandersetzung, auf die ich mich jetzt schon freue!