Heute vor zwanzig Jahren, am 11. September 2005, verstarb Steve de Shazer in Wien, wo er sich im Rahmen einer seiner vielen Vortrags- und Seminarreisen aufhielt, plötzlich und unerwartet an einer Lungenentzündung. Was durch ihn in die Welt kam, lebt nicht nur in seinen in immer neuen Auflagen erscheinenden Büchern weiter, sondern auch in der Arbeit vieler TherapeutInnen und BeraterInnen – und natürlich bei den KlientInnen, die sich wieder als wirksam erfahren können und erleben, wie Glück sein kann.
Helm Stierlin schließt in seinem Vorwort zu Das Spiel mit Unterschieden, dem vielleicht philosophischsten Werk Steve de Shazers, mit den Worten: „Am Ende des Buches macht sich Steve de Shazer Gedanken darüber, ob das darin von ihm vorgestellte Modell eines interaktionellen Konstruktivismus für einige Leser nicht zu radikal oder zu schockierend sein könnte. (..) Mich ließ es indessen an einen Tagebucheintragung Nietzsches denken, die mich zeitlebens beeindruckt hat: ‚Ein sehr verbreiteter Irrtum: Den Mut der Überzeugung haben; es kommt vielmehr auf den Mut zum Angriff auf die eigene Überzeugung an.‘ Ich halte es für ein großes Verdienst dieses Buches, dass es uns einlädt, den Mut zum Angriff auf eigene Überzeugungen aufzubringen.“ Ohne zu übertreiben darf man sagen: Das ist gelungen.
Der Einfluss des lösungs- und ressourcenorientierten Ansatzes von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg wirkt bis heute und wird das sicher weiter tun. Allein die vielzitierte „Wunderfrage,“ ein Herzstück lösungsorientierten und systemischen Arbeitens, ist in unzählige Ansätze hinein integriert worden, zählt zu deren zentralen Arbeitsbeschreibungen und ist in therapeutischen Ausbildungen omnipräsent. Paul Watzlawick, bei dem Steve de Shazer unter anderen gelernt hat, hatte diese Frage in anderer Form bereits verwendet. Sie erfährt immer neue und kreative Modifizierungen und Konkretisierungen, etwa in der Arbeit mit Systemaufstellungen, wie sie von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd entwickelt wurde.
Auf den Ansatz, der vom Brief Therapy Center in Milwaukee, das Insoo Kim Berg und Steve de Shazer gegründet hatten, seinen Ausgang nahm, beziehen sich heute ganze Weiterbildungs-Curricula. Das gilt für das Ich-schaffs!-Programm von Ben Furman genauso wie für das hypnosystemische Modell von Gunther Schmidt, die beide lösungsorientierten Ideen verpflichtet sind und gleichfalls viele erfolgreiche Anwender:innen gefunden haben.
Steve de Shazers Bezüge zu bedeutenden Philosophen des 20. Jahrhunderts – Gregory Bateson, Jaques Derrida, Ernst von Glasersfeld, George H. Mead, Thomas S. Kuhn, Jean-Francois Lyotard, Bertrand Russell, George Spencer Brown, Alfred North Whitehead, Ludwig Wittgenstein u. v. a. – wie auch die wichtigen Einflüsse von Milton H. Erickson bezeichnen die enorme Reflexionstiefe seines Arbeitens. Der Leichtigkeit, mit der de Shazer und Kim Berg ihren Ansatz umgesetzt haben, hat das keinen Abbruch getan – ganz im Gegenteil.