autobahnuniversität / Gunthard Weber - Supervision durch die Klienten und Selbstsupervision

Gunthard Weber, im wahrsten Sinne des Wortes Urgestein systemischer Therapie und Beratung und mit bald 80 Lebensjahren so frisch und präsent wie eh und je, hielt 1994 einen Vortrag, dem – anders, als der Titel vielleicht vermuten ließe – die Fragen zu Grunde liegen: Wie komme ich als Therapeut in die Klemme? Oder wie bringe ich meine Klienten in die Klemme?


Dieser Workshop-Vortrag gibt einen Einblick in Grundprinzipien einer systemischen Sicht auf Psychotherapie, insbesondere die therapeutische Beziehung, wie sie zur damaligen Zeit in der Heidelberger Gruppe entwickelt wurden und für viele sehr neu, ja provokant waren. Wer über gute Maßstäbe, Fokusse und Skalen verfügt, die therapeutische Beziehung in sortierter Beobachtung zu halten, betreibt nützliche und zieldienliche Selbstsupervision. Man kann so die drohenden Klemmen erkennen, sie vermeiden oder aus ihnen wieder herauskommen. Die therapeutische Beziehung wurde in Supervisionsprozessen lange zu wenig fokussiert.


Es geht zuerst um Aktivitäts-Niveaus und deren Verteilung bei Klienten bzw. Therapeuten. Sind beide hyperaktiv, kommt es zu Atmosphären von Kampf und Gereiztheit. Bei starker Inaktivität versandet alles im leeren Raum. Besonders gefahrvoll sind ungleiche Aktivitätsverteilungen, besonders dann, wenn Therapeuten ins „Ackern“ kommen und Klienten in der Erwartung des Frager-Services verharren.


Das Maß der Spannung in einer Therapie, so Weber, sei ein guter Fokus für Selbstsupervision. Hohe Spannung kann zur Grenze der Nehmbarkeit von Unterschiedsangeboten führen, die aber so wichtig sind für Chancen auf Veränderung.


Ein weiterer Fokus: Zeit und Zeitgefühl. Sind wir in gutem Fluss, oder hektisch? Ist zu wenig Zeit oder zieht sich die Zeit?


Besonders wichtig: Neutralität, z.B. bezüglich Veränderung oder Nicht-Veränderung bzw. Stabilität. Eine entscheidende Kompetenz liegt hier in der Respektlosigkeit gegenüber dem, was man bisher für unbezweifelbar hielt. Rosmarie Welter-Enderlin und Gunthard Weber machten Übungen in Kursen zur Nutzung der eigenen Ressourcen von Therapeuten. Was fällt Therapeuten zu einer spezifischen therapeutischen Situation ein mit Bezug auf die eigene therapeutische Schule? Und was fällt ihnen ein, wenn sie diese Schulenorientierung bei Seite lassen und die eigene Kreativität und Intuition die Führung übernehmen dürfen? Es entstehen Unterschiede, die Unterschiede machen.


Gunthard Webers „Heidelberger Klemmentest“ (seinerzeit gemeinsam mit Fritz B. Simon) bedeutet: In welcher Klemme stecke ich fest? Tipp: Wann immer man über eine bestimmte Grenze komme, schaue man auf die therapeutische Beziehung und bspw. darauf, ob man zu viel Verantwortung übernommen hat.


Wenn man sich Selbstsupervision als imaginierten aufklappbaren Hochsitz vorstellt, der erlaubt, Abstand zu nehmen und sich wie von außen zu betrachten, schlägt Weber eine Checkliste vor:



  • Bin ich hinreichend ortskundig bei und mit den Klienten? Bleibe ich neugierig?

  • Folge ich einer (systemischen) Hypnothese, die mich „klemmt“? Und wessen Tanz tanze ich: den eigenen oder den des Klientensystems? (Wer ist der Autor der Geschichte, die gerade läuft?)

  • Bin ich zu compliant? Zu wenig compliant? Wo spüre ich Widerstand bei mir?

  • Wie ist das Timing und das Maß der Unterschiede, die ich mache oder anbiete? Stimmt das Tempo? Stimmt die Relevanz? Und was folgt daraus für die Irritation der therapeutischen Beziehung? (Fragen Sie die Klienten …)

  • Was geschieht häufiger: Beschreibungen oder Bewertungen?

  • Letzte Chance: Habe ich einen Kontext übersehen? Im Überweisungskontext? Im Kontext anderer Beteiligter? Um was ginge es, wenn es hier eigentlich gar nicht um Therapie ginge?


Gunthard Weber ist Arzt für Psychiatrie/Psychotherapie und systemischer Berater und Therapeut. Langjährige Tätigkeit an der Universität Heidelberg, u.a. an der Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie bei Helm Stierlin; Gründer des Wieslocher Instituts für systemische Lösungen (WISL); Mitbegründer der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF), der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie (IGST), der systemischen Gesellschaft (SG), des Heidelberger Instituts für systemische Forschung und des Helm-Stierlin-Instituts (hsi).Geschäftsführender Gesellschafter des Carl-Auer Verlages und von Simon, Weber & Friends.


Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderen Zweierlei Glück (übersetzt in 18 Sprachen), Praxis des Familienstellens, Derselbe Wind lässt viele Drachen steigen, Aufstellungsarbeit revisited (mit Fritz B. Simon und Gunther Schmidt)Vom Navigieren beim Driften (mit Fritz B. Simon), Organisationsaufstellungen. Grundlagen, Settings, Anwendungsfelder (mit Claude Rosselet)


Schwerpunkte seiner Arbeit: Familien- und Organisationsaufstellungen, Systemische Konsultationen, Organisationsberatung, Supervision, Bildungsarbeit in Afrika (haeuser-der-hoffnung.org)


Beim Mund-Nasen-Schutz bleiben die Ohren frei! Also: Ob im Auto oder mit der Maske in den Warteschlangen: Kopfhörer auf und Autobahnuniversität hören! Jeder Stau bringt Sie weiter …