Helm Stierlin – oder: Individuum und System

Helm Stierlin wäre heute, am 12. März 2026, 100 Jahre alt geworden.

Helm Stierlins Bedeutung für die Entwicklung des sogenannten „systemischen Feldes“ und darüber hinaus kann gar nicht überschätzt werden. Auch dort, wo sein Name in Vorträgen, Artikeln oder Büchern nicht explizit genannt wird, tönt für alle, die es hören können, durch, dass sein Denken und Wirken mitschwingt. Man denke lediglich etwa an seine dialektische Formel der „bezogenen Individuation“.

In der von Michael Reitz verfassten Biographie Helm Stierlin – Zeitzeuge und Pionier der systemischen Therapie ist der bedeutsame und wirkungsreiche Lebens-, Denk- und Arbeitsweg Helm Stierlins spannend erzählt. Es ist auch eine epistemologische Biographie, paradigmatisch verbunden mit denen anderer, die Helm Stierlin beeinflussten und die er beeinflusste.

Helm Stierlin immatrikulierte sich 1945 an der Universität Heidelberg für das Studium der Medizin. So oft es möglich war, besuchte er philosophische Vorlesungen, u. a. von Karl Jaspers, was ihm hin und wieder einen Spagat abverlangte, da die Vorlesungsorte der medizinischen Fakultät, wo Pflichtvorlesungen und Seminare stattfanden, und der philosophischen Fakultät entfernt voneinander lagen. Hegels Dialektik blieb darüber hinaus für Stierlin ein lebenslang leitende Denkfigur.

Ab 1957 arbeitete und forschte Helm Stierlin insbesondere über die Psychopathologie der Schizophrenie, psychotische und psychosomatische Erkrankungen, den Ablösungsprozess in der Adoleszenz und die jüngsten therapeutischen Erfahrungen in der Familientherapie mit den erweiternden therapeutischen Konzepten im Rahmen systemtheoretischer Denkansätze.

Von 1965 bis 1973 leitete Stierlin am National Institute of Mental Health in Bethesda, Maryland, die Abteilung für Familientherapie. Während seiner Jahre in Nordamerika wurde er weltweit zu Gastdozenturen, Gastprofessuren und Gastvorlesungen eingeladen.

Stierlin lernte in den USA viele der wichtigsten Pioniere auf dem Praxis- und Forschungsgebiet der Familientherapie kennen, darunter Gregory Batesen, Milton H. Erickson, Jay Haley, Margaret Mead, Salvador Minuchin, Virginia Satir, Paul Watzlawick und John Weakland.

1974 erhielt Helm Stierlin den Ruf auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie in Heidelberg. Helm Stierlin und sein Team mit Gunther Schmidt, Fritz B. Simon und Gunthard Weber sowie später Arnold Retzer, Jochen Schweitzer, Hans-Rudi Fischer und anderen organisierten in Heidelberg immer wieder besondere Forschungsformate sowie große und vielbeachtete interdisziplinäre Forschungs- und Praxiskongresse, zu denen Mediziner, Psychologen, Neurobiologen, Molekularbiologen, Soziologen, Kybernetiker, Informatiker, Kommunikationswissenschaftler, Linguisten und weitere interdisziplinär forschende Wissenschaftler kamen und sich mit Kollegen und Studierenden austauschten und auseinandersetzten. Darunter auch neben vielen anderen Humberto Maturana, Monica McGoldrick, Niklas Luhmann, Mara Selvini Palazzoli, Nelson Goodman, Evan Imber-Black, Peggy Penn, Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Francisco Varela, Gerhard Roth oder Joseph Weizenbaum. Eine Tradition, die die Carl-Auer Akademie wieder aufnimmt und mit ihren Tagungen und Kongressen weiterzuführen versucht. Stierlin ist Mitgründer der Zeitschrift Familiendynamik und war bis 1995 auch deren Herausgeber, gemeinsam mit Joseph Duss-von Werdt.

Im Jahr 1989 gehörte Helm Stierlin auch zu den Gründer:innen des Carl-Auer Verlages; ohne sein Zutun wäre es eher unwahrscheinlich gewesen, dass es den Carl-Auer Verlag je gegeben hätte. Für die Unterstützung, die wir von ihm erfahren durften, sind wir ihm genauso dankbar wie für seine Bücher – die von ihm selbst geschriebenen wie die anderer großartiger Autor:innen, die von ihm ins Verlagshaus gebracht wurden. Seine Besuche in den Räumen des Verlages, angefangen in der Neuenheimer Kußmaulstraße bis zum jetzigen Standort in der Vangerowstraße, wirkten immer ermutigend, erheiternd, erhellend. In diesem Sinne denken wir an seinem heutigen 100. Geburtstag sehr gerne an Helm Stierlin und erzählen einander von ihm.