Netzwerk

engl. network, franz. réseau m; besteht aus miteinander verbundenen Elementen. Es kann formal beschrieben werden als eine Menge von Knoten (engl. nodes oder vertices) und den zwischen diesen verlaufenden Kanten (engl. edges oder arcs). Unter sozialen Netzwerken versteht man üblicherweise interpersonale Netzwerke, das heißt soziale Beziehungen zwischen Personen; im weiteren Sinne zählen jedoch auch Beziehungen zwischen Organisationen, Staaten o. Ä. zu den sozialen Netzwerken.

Soziale Beziehungen sind ein klassischer Gegenstand der Soziologie. Der Netzwerkbegriff wird im 20. Jh. populär, was allerdings erst relativ spät mit seiner Verwendung im Bereich der Informationsverarbeitung und Computertechnik zu tun hat. Zunächst geht die Entwicklung und Popularisierung des Begriffs auf Bemühungen der Sozialanthropologie zurück, kleinere Gruppen und Gemeinden im Hinblick auf die Beziehungen ihrer Mitglieder zu beschreiben und zu analysieren. In dieser Richtung wegweisend waren die Arbeit von Bavelas (1950) zu den Kommunikationsmustern aufgabenorientierter Gruppen sowie die Studien von Barnes (1954), der eine norwegische Gemeinde unter- suchte, und die von Bott (1957), die sich mit den sozialen Netzwerken englischer Ehepaare (Paar) beschäftigte. Der Netzwerkbegriff wurde in diesen und anderen Studien als Alternative zum Begriff des Systems verstanden, insofern dieser, zum Beispiel bei Talcott Parsons, auf starken Ordnungs- und Gleichgewichtsannahmen beruhte. Das Netzwerk- konzept bot demgegenüber eine offene und empirienahe Möglichkeit, soziale Beziehungen zu beschreiben und relativ direkt in die formale Sprache der Graphentheorie zu übersetzen. So konnten auch komplexe (Komplexität) Beziehungsmuster in größeren Gruppen mathematisch und visuell repräsentiert und analysiert werden. Diese Verbindung von Netzwerkanalyse und Graphentheorie bot zugleich die Grundlage für die aktuelle Entwicklung einer interdisziplinären »Netzwerkwissenschaft«, die Struktureigenschaften unterschiedlichster Formen von Netzwerken – sozialen ebenso wie biologischen und physikalischen – untersucht (Barabási 2002; Watts 2003).

Sowohl der Netzwerk- als auch der Systembegriff beziehen sich auf den Sachverhalt, dass Elemente in selektiver Weise miteinander verknüpft werden, und zwar so, dass die Realisierung einiger – und das Ausbleiben anderer – Verknüpfungen einem bestimmten Muster oder Strukturierungsprinzip folgt. In dieser Hinsicht erscheinen der System- und der Netzwerkbegriff äquivalent: Sie sind Begriffe für »organisierte« Komplexität, das heißt für selektive Beziehungsmuster zwischen Elementen. Doch Sozialsysteme werden in der modernen Systemtheorie nicht begriffen als Mengen von miteinander »verbundenen« Menschen, sondern als Zusammenhang aufeinander folgender und aufeinander bezogener Kommunikationen. Ein soziales System ist demnach keine Menge von Personen, sondern ein Kommunikationsgeschehen, dessen Ordnung darin besteht, dass Kommunikationen selektiv – und nicht zu- fällig – aufeinander Bezug nehmen und sich dadurch von einer Umwelt abgrenzen: Die einzelne Kommunikation bestimmt sich »als Kommunikation im Netzwerk systemeigener Operationen« (Luhmann 1997, S. 76). Sozialsysteme sind also in einem allgemeinen Sinne auch immer Netzwerke, weil sie aus der Relationierung von Kommunikationen entstehen.

Einen spezifischeren Begriff des Netzwerks gewinnt man, wenn man es von anderen Typen sozialer Systeme unterscheidet, z. B. von Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Netzwerke können mit keinem dieser Typen gleichgesetzt bzw. auf einen von ihnen reduziert werden: Interaktionen sind Systeme der Kommunikation unter Anwesenden, doch Netzwerke können auch unter Abwesenden gepflegt und über längere Zeitspannen latent gehalten werden. Organisationen beruhen auf formaler Mitgliedschaft per Entscheidung, während die Inklusion in Netzwerke auf reiner Bekanntschaft oder der Erwartung unbestimmter, also diffuser statt spezifischer Leistungen beruhen kann. Die Gesellschaft schließlich umfasst sämtliche Kommunikationen und ist daher sozial inklusiv, wohingegen Netzwerke durchaus selektive Inklusionskriterien kennen. Netzwerke sind daher weder Interaktionen noch Organisationen noch gar die Gesellschaft schlechthin (Holzer 2011). Sie sind vielmehr spezifische soziale Strukturen, die auf der »Kommunikation reziproker Leistungserwartungen« beruhen (Bommes u. Tacke 2006). Nicht die komplementären Erwartungen universalistischer Rollenzusammenhänge sind typisch für Netzwerke, sondern partikularistische, auf Tauschbeziehungen aufbauende Vertrauensbeziehungen, die sich an konkreten Personen und nicht an sachlich verallgemeinerten Regeln festmachen.

Soziale Netzwerke wurden von Beginn an auch aus der Perspektive sozialpsychologischer Interessen analysiert. Als Methode der systematischen Erfassung von Gruppenstrukturen entwickelte Jacob Levy Moreno die »Soziometrie«, die Beziehungen innerhalb kleiner Gruppen deskriptiv erfasste, zum Beispiel in Form von Sympathiewerten (Moreno 1934). Auf solche Einstellungen zu anderen Personen konzentrierte sich auch Fritz Heiders »Balancetheorie« (Heider 1946). Seine Idee, dass Beziehungen innerhalb einer Triade kognitiv balanciert sein müssen, also eine positive Beziehung zwischen A und B sowie B und C auch eine positive Beziehung zwischen B und C bedingt, wurde graphentheoretisch weiter- entwickelt und vielfältig angewandt, zum Beispiel bei der Formulierung der These von der »Stärke schwacher Bindungen« (Granovetter 1973): Sie besagt, dass schwache, d. h. gelegentliche und emotional wenig intensive Beziehungen oft bessere Chancen auf neue und interessante Informationen eröffnen. Dahinter steht die aus der Balancetheorie abgeleitete Idee, dass starke Beziehungen »transitiv« sind, d. h., die Verbindungen A–B und A–C implizieren die Beziehung B–C: »Der Freund meines Freundes ist auch mein Freund.« Dies gilt jedoch nicht, wenn es sich – zum Beispiel zwischen A und C – lediglich um eine schwache Beziehung handelt. Die Chance, dass es, vermittelt über A, zur Begegnung und zur Bekanntschaft zwischen B und C kommt, ist dann geringer. In den weak ties liegt deshalb der Schlüssel zu nicht redundanten, überraschenden und häufig auch wertvollen Informationen. Im Unterschied zu sozialpsychologischen Vorläufern werden Gruppenstrukturen in der von Granovetter und anderen entwickelten Netzwerkforschung nicht psychologisch (als Einstellung oder Meinung), sondern soziologisch konzipiert, also im Sinne beobachtbarer Transaktionen (wie Tausch oder Kommunikation). Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass Netzwerke bereits auf der Ebene einzelner sozialer Beziehungen eine emergente soziale Realität sind, die nicht auf die Wahrnehmung einzelner Individuen ( Individuum) reduzierbar ist.

Verwendete Literatur

Barabási, Albert-László (2002): Linked. The new science of networks. Cambridge, MA (Perseus).

Barnes, John A. (1954): Class and committees in a Norwegian island parish. Human Relations 7: 39–58.

Bavelas, Alex (1950): Communication patterns in task-oriented groups. Journal of the Acoustical Society of America 22: 725–730.

Bommes, Michael u. Veronika Tacke (2006): Das Allgemeine und das Besondere des Netzwerkes. In: Betina Hollstein u. Florian Straus (Hrsg.): Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen. Wiesbaden (VS), S. 37–62.

Bott, Elizabeth (1957): Family and social network. London (Tavistock).

Granovetter, Mark (1973): The strength of weak ties. American Journal of Sociology 78 (6): 1360–1380.

Heider, Fritz (1946). Attitudes and Cognitive Organization. Journal of Psychology, 21, S. 107-112.

Holzer, Boris (2011): Die Differenzierung von Netzwerk, Interaktion und Gesellschaft. In: Michael Bommes u. Veronika Tacke (Hrsg.): Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft. Wiesbaden (VS), S. 51–66.

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Moreno, Jacob Levy (1934): Who shall survive? A new approach to the problem of human interrelations. Washington (Nervous and Mental Disease Publ. Co.).

Watts, Duncan J. (2003): Six degrees. The science of a connected age. New York (Norton).

Weiterführende Literatur

Bommes, Michael u. Veronika Tacke (Hrsg.) (2011): Netzwerke in der funktional differenzierten Gesellschaft. Wiesbaden (VS).

Fuhse, Jan u. Sophie Mützel (Hrsg.) (2010): Relationale Soziologie. Zur kulturellen Wende der Netzwerkforschung. Wiesbaden (VS).

Holzer, Boris (2006): Netzwerke. Bielefeld (Transcript), 2. Aufl. 2010.

Stegbauer, Christian (Hrsg.) (2008): Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden (VS).

White, Harrison C. (2008): Identity and control. How social formations emerge. Princeton, NJ (Princeton University Press), 2. ed.