Organisation

engl. organization, franz. organisation f, von griech. órganon = »Werkzeug«; bezeichnete seit dem 14. Jh. in der medizinisch-naturwissenschaftlichen Fachsprache die Beschaffenheit oder Herstellung von natürlichen Körpern. In der Übertragung auf den »Staatskörper« und seine »Organe« behielt der Begriff zunächst den Sinn eines lebensfähigen Organismus, dessen Teile und Ganzes in geordneter Wechselwirkung stehen, ohne dass dies der Zweitbedeutung als Wirkungsverhältnis von Zwecken und Mitteln (Instrumenten) bereits widersprochen hätte. Seit dem 19. Jh. wurde als Organisation vor allem die instrumentell-rationale Ordnung (Binnenstruktur) der Verwaltung oder des Betriebs bezeichnet. Im 20. Jh. entwickelt sich ein allgemeiner soziologischer Begriff der Organisation, der nun auch Schulen, Krankenhäuser, Parteien usw. einschließt. In Anwendung des allgemeinen Systembegriffs bezeichnet Organisation nun u. a. ein System mit variablen Strukturen, das sich in seiner Umwelt erhält. Konnotationen von Ordnung und Rationalität, die der Begriff »Organisation« weiter mitführte (z. B. Thompson 1967), wurden in der Soziologie der Organisation zunehmend relativiert und in der modernen Systemtheorie der Organisation aufgegeben.

Der Organisationsbegriff bezeichnet in der soziologischen Systemtheorie ein Sozialsystem besonderen Typs. Im Unterschied zu Interaktionssystemen (die wahrnehmbare Anwesenheit voraussetzen) und Funktionssystemen der Gesellschaft (gekennzeichnet durch binäre Codes; vgl. Luhmann 1975) beruht die sinnhafte Grenzziehung von Organisation auf Mitgliedschaft (Luhmann 1964). Jede Entscheidung zur Mitgliedschaft (Eintritt) wird im System als eine generalisierte Bereitschaft und Motivation verstanden, Systemerwartungen (Erwartung) anzuerkennen – oder anderenfalls nicht Mitglied werden oder weiter sein zu können (Austritt). Die Konditionierung der Mitgliedschaft transformiert alle weiteren Kommunikationen in systemeigene Kommunikationen und verschafft der Organisation so die Kapazität, nahezu beliebige sachliche Problemstellungen durch eigene Entscheidungen zu bearbeiten und sich dabei an ausgewählten Umwelten von Nichtmitgliedern auszurichten (z. B. Klienten, anderen Organisationen). Während Niklas Luhmann Organisationssysteme zunächst anhand der Verbindung und Trennung formaler und informaler Strukturen beschrieb (Luhmann 1964), fokussiert die jüngere Theorie auf die elementare und temporalisierte Reproduktion der Organisation durch Entscheidungen (Autopoiesis). Sie schließt dabei v. a. an die entscheidungstheoretische Tradition in der Organisationsforschung an (March a. Simon 1958; March 1988), radikalisiert sie aber, indem sie Entscheidungen nicht als individuelle (Individuum) Akte der Wahl auffasst, sondern als sinnhaft-kommunikative, mithin paradoxe Systemereignisse (Luhmann 1988, 2000). Jedes solche Ereignis teilt eine Festlegung kommunikativ mit, die als Entscheidung zugerechnet und verstanden wird, soweit auch ihre Kontingenz mitbeobachtet wird. Sofern Entscheidungen Schlussfolgerungen (inferences), nicht aber ihre unsicheren Grundlagen (evidences) mitteilen, dienen sie in ihrer wechselseitigen Verkettung der »Absorption von Unsicherheit« (vgl. March a. Simon 1958, p. 165). Von Strukturen der Organisation ist die Rede, wo eine Entscheidung nicht nur als Prämisse für eine weitere, sondern für zahlreiche Entscheidungen dient. Drei Formen »entschiedener Entscheidungsprämissen« werden unterschieden:

1) Entscheidungsprogramme bezeichnen Regulative richtigen Entscheidens und nehmen die Form inputorientierter Konditionalprogramme oder outputorientierter Zweckprogramme an.

2) Kommunikationswege regulieren, wer mit wem aus Anlass welcher Entscheidungen kommuniziert.

3) Das Personal hat per Wissen und Können der rekrutierten Mitglieder, aber auch im Sinne der beteiligten Personen Strukturwert für organisatorische Entscheidungen.

Für Organisationen ist kennzeichnend, dass sie auch über ihre eigenen Strukturen entscheiden können, wobei jede Entscheidung Element in einem Netzwerk aus Entscheidungen ist. Von »unentscheidbaren Entscheidungsprämissen« (Luhmann 2000, S. 241) ist darüber hinaus mit Bezug auf Phänomene der Organisationskultur die Rede. Die neuere Systemtheorie betont die über selbstreferenzielle (Selbstreferenz) Entscheidungsverkettung erzeugte Autonomie von Organisationen. Sie schließt als Gesellschaftstheorie aber nicht aus, strukturelle Einschränkungsbedingungen in der Umwelt, etwa für spezifische Organisationstypen wie Schulen, Krankenhäuser usw., zu beschreiben. Sie vermag zum anderen auch gesellschaftliche Ermöglichungsbedingungen der Bildung und Verbreitung von Organisationen allgemein und im Einzelnen zu rekonstruieren, darunter die wirtschaftliche Institutionalisierung von Arbeitsmärkten (Mitgliedschaft als generalisierte Zustimmung gegen Geldzahlung), Erziehung (Ausbildung) und Recht (u. a. Vertragsrecht). Die Hinsichten, in denen ein Verständnis von Organisationen als besonderen Sozialsystemen für die systemische Praxis von Bedeutung ist, dürften mithin davon abhängen, ob das Bezugsproblem der systemischen Praxis in Zusammenhang steht mit psychischen (Psyche) Systemen bzw. Personen im Kontext von Organisationen (personenzentrierte Beratung oder Therapie), mit der Interaktion im Rahmen von Organisationen (einschließlich der Reflexion von Beratung als Fall »organisierter Interaktion«) oder mit dem Organisationssystem selbst (systemische Organisationsberatung). Gelten dabei einerseits allgemeine Bedingungen für systemische Intervention, wie sie mit den Begriffen »Kommunikation« und »System« formuliert sind, liegt zum anderen der Gewinn für die systemische Praxis im Verständnis der spezifisch organisationsförmigen Inklusion und Kommunikation. Während dabei die neuere Systemtheorie vor allem Gesichtspunkte der Selbststeuerung und Strukturbildung des Systems durch Entscheidungen erhellen kann (Luhmann 1988, 2000), ist das organisationstheoretische Frühwerk Luhmanns (1964) unüberboten darin, die Typiken des Verhaltens im organisatorischen Kontext soziologisch zu rekonstruieren (Rollentrennung, indirekte Kommunikation, Kollegialität, Takt etc.).

Verwendete Literatur

Luhmann, Niklas (1964): Funktionen und Folgen formaler Organisation. Berlin (Duncker & Humblot).

Luhmann, Niklas (1973): Zweckbegriff und Systemrationalität. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Luhmann, Niklas (1975): Interaktion, Organisation, Gesellschaft. In: Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung. Bd. 2. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 9–21.

Luhmann, Niklas (1988): Organisation. In: Willi Küpper u. Günther Ortmann (Hrsg.): Mikropolitik. Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 165–186.

Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Entscheidung. Opladen/Wiesbaden (Westdeutscher Verlag).

March, James G. (1988): Decisions and organizations. Oxford (Basil Blackwell).

March, James G. a. Herbert A. Simon (1958): Organizations. New York (Wiley).

Thompson, James D. (1967): Organizations in action. New York (McGraw-Hill).

Weiterführende Literatur

Apelt, Maja u. Veronika Tacke (2012): Handbuch Organisationstypen. Wiesbaden (VS).

Drepper, Thomas (2003): Organisationen der Gesellschaft. Gesellschaft und Organisation in der Systemtheorie Niklas Luhmanns. Wiesbaden (VS).

Hiller, Petra (2005): Organisationswissen. Eine wissenssoziologische Neubeschreibung der Organisation. Wiesbaden (VS).

Tacke, Veronika (Hrsg.) (2001): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. Opladen (Westddeutscher Verlag).

Tacke, Veronika (2010): Organisationssoziologie. In: Georg Kneer u. Markus Schroer (Hrsg.): Handbuch Spezielle Soziologien. Wiesbaden (VS), S. 341–359.