Zum Tod von Andreas von Bernstorff
Der Mann mit dem Hut wird nicht mehr in die Verlagsräume in der Heidelberger Vangerowstraße kommen. Andraes von Bernstorff ist gestorben. Das ist die traurige Nachricht. Wir hatten ihn genau so gern zu Gast – bei uns im Haus oder bei Lesungen und öffentlichen Diskussionen – wie wir ihn als Autor mochten und schätzten. Letzteres darf und wird bleiben. Wir wissen, was wir an ihm hatten – und haben.
Da ist zum Beispiel dieser konzentrierte, fokussierte Blick, unterzeichnet von einem Lächeln, das nicht leicht zu lesen ist, aber signalisiert: zugewandt, wach, neugierig. Andreas von Bernstorffs Portrait auf der Autorenseite in seinen Büchern ist eines von denen, das man immer wieder gern ansieht. Fast möchte man so etwas wie „Hallo“ sagen.
Vieles ist über Andreas von Bernstorff geschrieben worden. Er selbst schrieb viel und tat viel – eine Unterscheidung, die von Bernstorff wohl nur bedingt gemacht hätte. Er war prominent, unter anderem als einer der ersten Landtagsabgeordneten der noch recht gründungsfrischen Partei Die Grünen. Und er machte sich einen Namen als wirksamer Leiter und Kooperator von Kampagnen bei Greenpeace, darunter so legendäre wie die Rückholtransporte deutschen Giftmülls aus Rumänien zu Zeiten Klaus Töpfers als Bundesumweltminister. „Will man die Verhältnisse ändern, muss jemand überzeugt oder gedrungen werden, sein Verhalten zu ändern“, schreibt von Bernstorff in seiner Einführung in das Campaigning. Eines dieser kleinen Lehrbücher, für deren Zustandekommen man wirklich dankbar sein muss. Vermächtnis eines Könners, dessen echte Bescheidenheit aber nicht so weit ging, abzuwimmeln, wenn es möglich wurde, andere Teil haben zu lassen an dem, was er eben einfach sehr gut konnte.
In seinem zweiten Buch im Carl-Auer Verlag geht es um Rechte Wörter. Sehr früh erkannte Andreas von Bernstorff sowohl die kreativen Wortfindungs-Strategien der „rechten Szene“ wie deren Strategien der Okkupation und neuen Bedeutung(szuweisung) von scheinbar eindeutigen Begrifflichkeiten. „Auf rechte Wörter die rechten Worte finden“, so beschrieb von Bernstorff sein Anliegen.
Der Mann mit dem Hut wird nicht mehr in das Verlagshaus kommen. Aber er ist und bleibt präsent. Und wirksam.
Matthias Ohlerauch im Namen von Fritz B. Simon, Gunthard Weber, Bernhard Trenkle und allen Kolleg:innen im Carl-Auer Verlag
Andreas von Bernstorff – politische Aufklärung als lebenslange Kampagne
Andreas von Bernstorff feiert heute seinen 80. Geburtstag. Wir gratulieren unserem Autor von Herzen – und freuen uns, ihm immer wieder einmal auch zufällig hier in Heidelberg zu begegnen.
Begegnen konnte man Andreas von Bernstorff in der Öffentlichkeit schon früh; in unserem Fall Mitte der 1980er Jahre auf einer Demonstration gegen das Waldsterben, bei der er als Landtagsabgeordneter der Grünen per Megafon auf den Zusammenhang zwischen Umwelt und politischer Verantwortung aufmerksam machte.
Auch nach seiner Zeit als Abgeordneter bestimmte politische Aufklärung das (Berufs-)Leben von Andreas von Bernstorff, davon über lange Jahre als Kampagnenleiter und Delegierter bei Greenpeace. Seine Erfahrungen aus dieser Arbeit und aus der Auseinandersetzung mit politisch Verantwortlichen – legendär etwa die Begegnungen mit dem damaligen Umweltminister Töpfer – flossen schließlich in ein Konzept der strategischen Kampagnenarbeit ein, das Andreas von Bernstorff heute als Berater und Dozent verbreitet. Weil es neben chinesischem Startegiedenken auch von Systemtheorie getragen ist, lud Fritz B. Simon ihn ein, für den Carl-Auer Verlag eine Einführung ins Campagning zu schreiben.
Die aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklung hat Andreas von Bernstorff veranlasst, dem rechten Volk aufs Maul zu schauen. Sein Buch Rechte Wörter von „Abendland“ bis „Zigeunerschnitzel“ spiegelt das enorme Wissen wider, das der Autor angesammelt hat, angefangen beim Studium der Geschichte, Soziologie und Politischen Wissenschaft und der Lehrerausbildung über seine Tätigkeit als Journalist bis zum heutigen Dozententum – „ein Musterbeispiel aufklärerischer Sprachkritik, gleichermaßen erschreckend und erhellend“, so der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über das Buch. Dass das Thema für Andreas von Bernstorff damit nicht erledigt war, zeigt der Blog, in dem er in loser Folge weitere rechte Wörter unter die Lupe nimmt.
Wir wünschen uns, dass uns Andreas von Bernstorff auch in Zukunft als wacher Beobachter begleitet, und ihm, dass er das bei guter Gesundheit tun kann!
Mit den besten Wünschen, auch im Namen der Geschäftsführung und aller Gesellschafter und Kolleg:innen im Carl-Auer VerlagMatthias Ohler & Ralf Holtzmann
Volk
Wenn Rechte von »Volk« sprechen, dann meinen sie das Eigene im Sinne von Eigentümliche, Besondere, was das eine Volk von anderen Völkern unterscheidet; nicht einfach die durch Sprache vermittelte Kultur.
Nazikeule
Du schwingst die Nazikeule, sagt einer, der mit Nazis verglichen wird, wenn er meint, zu Unrecht mit Nazis verglichen zu werden.
Meinungsdiktatur
Rechte aller Couleur beklagen eine Meinungsdiktatur der Mainstream- oder auch Hauptstrommedien.