Tetralemma

Das Tetralemma ist ein Modell, das von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer (2009) zur Reflexion von Konflikten und Ambivalenzen entwickelt wurde. Die Struktur des Modells geht auf fernöstliche Gedanken zurück: Sie entstammt der


»traditionellen indischen Logik zur Kategorisierung von Haltungen und Standpunkten. Sie wurde im Rechtswesen verwendet zur Kategorisierung der möglichen Standpunkte, die ein Richter zu einem Streitfall zwischen zwei Parteien einnehmen kann. Er kann der einen Partei recht geben oder der anderen Partei oder beiden (jeder hat recht) oder keiner von beiden. Diese vier Positionen wurden von den buddhistischen Logikern [...] um die Negation des Tetralemmas (die sogenannte vierfache Negation) erweitert« (ebd., S. 77; Hervorh. im Orig.).


Die Struktur des Modells lässt sich zunächst in vier Positionen darstellen:



  • Das Eine – die eine Seite der Ambivalenz bzw. die eine Option oder Perspektive.

  • Das Andere – die andere Seite der Ambivalenz bzw. die andere Option oder Perspektive.

  • Beides – die bisher möglicherweise übersehenen Verbindungen oder Vereinbarkeiten zwischen dem Einen oder dem Anderen.

  • Keines von Beiden – die bisher möglicherweise übersehenen Kontexte, die das Eine und das Andere auch noch tangieren, bedingen oder möglicherweise erst verursachen; worum es bei dem Einen und dem Anderen eben auch noch gehen könnte.


Die buddhistischen Logiker ergänzten das Tetralemma um eine weitere, fünfte Ebene:



  • »... all dies nicht – und selbst das nicht« – die Negation der bisherigen vier Positionen sowie die Negation dieser Negation bzw. etwas ganz Anderes.


In der abendländischen Tradition ist der konstruktive Umgang mit Ambivalenzen und Konfliktsituationen häufig durch eine Entweder-oder-Logik verstellt. Wir gehen dann davon aus, dass wir uns entweder für das Eine oder das Andere entscheiden müssten. Wir pendeln dann, in einem »Tunnelblick« gefangen, zwischen der einen Option oder Perspektive und der anderen hin und her. Die Struktur des Tetralemmas ermöglicht es zunächst, die Idee zu prüfen, ob möglicherweise bisher übersehene Verbindungen oder Vereinbarkeiten zwischen dem Einen und dem Anderen denkbar sind. Die dritte Position (Beides) offeriert den Gedanken, dass es möglich ist, das Eine und das Andere konstruktiv und angemessen zu verbinden, sodass wir uns nicht mehr im Sinne eines Entweder-oder einseitig entscheiden müssen. Wir können dann etwa merken, dass auf einer anderen Ebene eine übergeordnete Gemeinsamkeit auffindbar ist. Oder wir erkennen, dass eine Kontext- oder Situationentrennung eine mögliche Lösung wäre. Wir würden etwa zwischen sachlichen, sozialen und zeitlichen Kontexten bzw. Situationen unterscheiden und beispielsweise überlegen, wann, wo oder wie die eine Seite der Ambivalenz und wann, wo oder wie die andere Seite die geeignete Option oder Perspektive wäre. Die vierte Position (Keines von Beiden) führt den Gedanken ein, dass es bei der Reflexion von ambivalenten oder konflikthaften Positionen zwischen dem Einen und dem Anderen sinnvoll sein kann zu überlegen, welches weitere Kontexte sind, die die Ambivalenz oder den Konflikt noch bedingen, die vielleicht sogar als mögliche Ursache betrachtet werden könnten. Die Frage wäre hier: Worum geht es bei dieser Ambivalenz oder bei diesem Konflikt eigentlich auch noch? Die fünfte Position, die mit »... all dies nicht – und selbst das nicht« bezeichnet wird, öffnet die Suche nach weiteren Perspektiven in Richtung von etwas ganz Anderem. Damit gerät beispielsweise in den Blick, dass sich die Umwelt permanent, zum großen Teil unkontrollierbar, verändert und sich spontan auch so umgestalten kann, dass sich die Ausgangssituation zwischen dem Einen und dem Anderen wandelt. Auch ein die Konfliktsituationen oder Ambivalenzen entkrampfender Humor kann so etwas ganz Anderes sein.


Hier soll als Beispiel eine bekannte Lehrgeschichte präsentiert werden, in der von zwei Schwestern erzählt wird, die sich um eine Apfelsine streiten: Beide zerren an der Apfelsine, jedes der beiden Mädchen möchte die ganze Apfelsine für sich haben. Die eine Schwester würde im Rahmen des Tetralemmas die eine Position vertreten (das Eine) und die andere Schwester die andere Position (das Andere). Wenn wir nach der Möglichkeit von »Beides« fragen, danach, ob es bisher übersehene Vereinbarkeiten bzw. Verbindungen zwischen der einen und der anderen Position gibt, dann könnten wir natürlich schnell auf den Kompromiss kommen. Die beiden Schwestern einigen sich, indem sie die Apfelsine einfach teilen, jede bekommt eine Hälfte. Möglich wären aber auch andere Lösungen: Die Schwestern könnten sich darüber einigen, dass heute die eine die ganze Apfelsine bekommt. Und beim nächsten Mal, wenn wieder eine solche Entscheidung ansteht, profitiert dann die andere Schwester, und die erste übt Verzicht. Das wäre eine Kontexttrennung in der Zeit. Auch eine sachliche Kontexttrennung wäre denkbar: Hinsichtlich der Apfelsine könnte entschieden werden, dass eine Schwester, sagen wir mal: Schwester A, die ganze bekommt, und hinsichtlich einer anderen Sache wäre es dann so, dass Schwester B die entsprechende Sache für sich entscheiden kann. Jedes Mal würden wir hier von einer »Beides-Lösung« sprechen können, da beiden Schwestern damit entsprochen wird, beide müssten damit dann also einverstanden sein. Wenn wir einen Schritt weitergehen, und zwar in Richtung »Keines von Beiden«, dann würden wir nach übersehenen Kontexten fragen, die erst den Konflikt der beiden Schwestern bedingt oder gar verursacht haben. So könnten wir etwa nach den jeweiligen Interessen forschen, die beide Schwestern jeweils motivieren, die Apfelsine besitzen zu wollen. In dieser Lehrgeschichte verbirgt sich hier der entscheidende Aspekt, nämlich der bisher übersehene Kontext der Bedürfnisse beider Schwestern: Beide wollen zwar dasselbe, die Apfelsine, dieses Wollen ruht aber auf unterschiedlichen Bedürfnissen bzw. Interessen. Die eine Schwester möchte mit dem Fruchtfleisch der Apfelsine einen Orangensaft produzieren, die andere hat vor, die Apfelsinenschale als Aromabasis für einen Kuchen zu verwenden. Wir sind damit an einer Stelle angelangt, wo deutlich wird, worum es den Schwestern »eigentlich« geht. Genau damit sind wir beim Kern von »Keines von Beiden« und können eine andere Lösung, in diesem Fall sogar eine deutlich befriedigendere finden: Die eine Schwester bekommt das gesamte Fruchtfleisch für den Saft, die andere Schwester bekommt die gesamte Schale für das Kuchenaroma. Wenn wir abschließend nach der fünften Position »... all dies nicht – und selbst das nicht« suchen, dann könnten wir sicherlich an unzählige Möglichkeiten denken, die den Konflikt zwischen den Schwestern verändern würden. So wäre es vorstellbar, dass die Schwestern während ihres Streits merken, wie absurd es ist, so intensiv und kräftezerrend um etwas zu ringen, was so wichtig vielleicht gar nicht ist, sie könnten erkennen, dass es geradezu lächerlich ist, wie heftig ihr Streit um die Apfelsine geworden ist. Beide würden vielleicht tatsächlich anfangen zu lachen – über sich selbst und ihren heftigen Streit und könnten vermutlich so ihre Fixierung auf die Apfelsine aufgeben. Damit hätten wir den Humor und das Loslassen als Varianten der fünften Position des Tetralemmas im Blick.


Die fünf Positionen des Tetralemmas sind als Etappen eines Prozesses bzw. einer Wanderung zu verstehen: Man kann sie bei Ambivalenzen oder Konfliktsituationen durchlaufen, um auf dem Weg auf Neues, neue Perspektiven oder Optionen, zu stoßen.


Verwendete Literatur


Kleve, Heiko (2007): Ambivalenz, System und Erfolg. Provokationen postmoderner Sozialarbeit. Heidelberg (Carl-Auer).


Varga von Kibéd, Matthias u. Insa Sparrer (2009): Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen. Heidelberg (Carl-Auer), 7. Aufl. 2011.


Weiterführende Literatur


Ferrari, Elisabeth (2011): Wege aus dem Dilemma. Das SYST-Tetralemma: Ein Beides finden. Aachen (Ferrarimedia).


Kleve, Heiko (2011): Aufgestellte Unterschiede. Systemische Aufstellung und Tetralemma in der Sozialen Arbeit. Heidelberg (Carl-Auer).