Trauma

engl. trauma, franz. traumatisme m, vom griech. trauma = »Wunde«; findet in der somatischen Medizin und in der Psychologie/Psychotherapie (Psyche; Therapie) Anwendung. Für diese hat sich der Begriff Psychotrauma gebildet. Eine Erfahrung, die als traumatisch bezeichnet wird, erleben viele Menschen. Bei den meisten wird diese Erfahrung durch die eigenen Ressourcen und Resilienzen verarbeitet und integriert, sodass keine Symptomatik übrig bleibt. Menschen, die belastende Erfahrungen nicht integrieren und verarbeiten können, bilden Traumafolgestörungen aus wie:



  • PTBS (posttraumatische Belastungsstörung)

  • komplexe PTBS, NNBDS (engl. DESNOS; nicht näher bezeichnete dissoziative Störung)

  • DSNNS (engl. DDNOS; dissoziative Störung, nicht näher spezifiziert)

  • DIS (engl. DID; dissoziative Identitätsstörung, früher multiple Persönlichkeitsstörung).


Hinzu kommen viele komorbide Störungen (Depressionen, Psychosen, somatoforme Störungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen), die ebenfalls unter Traumagesichtspunkten untersucht werden. Diese Störungen treten bei ca. 20 % der Menschen auf, die eine belastende Erfahrung machen. In der Alltagssprache werden heute viele Erfahrungen als Trauma oder traumatisierend bezeichnet. In der Psychotherapie hat sich eine Definition von Fischer und Riedesser (1998, S. 79) durchgesetzt, die in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie den Begriff »Psychotrauma« als


»ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt«


beschreiben. Wenn folgende Symptome auftreten, wird von einer Traumafolgestörung gesprochen:



  • intrusive Symptome (ungewolltes Wiedererleben) wie z. B. Flashbacks, zwanghaftes Erinnern, Albträume, Panikattacken, Depressionen, Ängste etc.;

  • konstriktive Symptome (Vermeidung traumarelevanter Reize) wie z.B. phobische Vermeidung traumaassoziierter Trigger, soziale Isolation, emotionale Empfindungslosigkeit, Suchtabhängigkeiten (Abhängigkeit), dissoziative Phänomene;

  • physiologische Symptome wie z. B. Herzrasen, Atemnot, Beklemmungen, innere Unruhe, Ein- und Durchschlafstörungen, übersteigerte Wachsamkeit (Hypervigilanz), leichte Reizbarkeit, Schmerzsymptome, Taubheitsempfindungen, somatoforme Störungen.


Seit Mitte des 18. Jh. beschäftigen sich Fachleute (wie Pierre Janet) mit Trauma und Traumafolgestörungen. Aber erst die Veteranen des Vietnamkriegs und die Frauenbewegung haben es geschafft, dass die Traumatherapie in der Öffentlichkeit mehr und vor allem beständige Bedeutung erlangte. Inzwischen ist die Psychotraumatologie ein fester Bestandteil der Psychotherapie. Fast alle Therapierichtungen besitzen traumatherapeutische Konzepte. Daneben haben sich traumaspezifische Therapieansätze entwickelt wie z. B. das EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) von Francine Shapiro oder das PITT (psychoimaginative Trauma Therapie) von Luise Reddemann.


Die traumatherapeutische Spurensuche in der Geschichte der systemischen (System) Familientherapie gestaltet sich schwierig, in der systemischen Literatur bis 2000 sind die Wörter »Trauma« und »Traumafolgestörung« fast gänzlich gemieden worden, weil für systemische Therapeuten die Symptome und die Diagnostik (Diagnose) nicht so zentral sind wie in anderen Verfahren. In der Praxis lassen sich bei den systemischen Gründerfiguren unterschiedlichste traumatherapeutische Spuren finden (Hanswille 2011). Die moderne Psychotraumatologie – auch mit ihren Rückbezügen auf die Neurobiologie – wurde dann durch die Veröffentlichungen Systemische Traumatherapie. Konzepte und Methoden für die Praxis (Hanswille u. Kissenbeck 2010) und Traumatischer Stress in der Familie. Systemtherapeutische Lösungswege in der systemischen Praxis (Korittko u. Pleyer 2010) bekannt. Inzwischen zeigen viele Buch- und Zeitschriftenartikel sowie vielfältigste Projekte das breite traumatherapeutische Praxiswissen in der systemischen Therapie und Familientherapie. Grob lassen sich innerhalb der systemischen Therapie der Gegenwart zwei traumatherapeutische Strömungen beobachten: (1) Die eine Stömung geht davon aus, dass die systemische Therapie mit ihrem lösungs- (Lösung; Lösungsfokussierung) und ressourcenorientierten (Ressourcen) Ansatz ausreichend Möglichkeiten besitzt, um Menschen mit Traumafolgestörungen zu behandeln. C. Oestereich (2010, S. 110) meint:


»Systemische Therapeuten und Berater finden in ihrem systemischen Werkzeugkoffer alles Nötige zur Behandlung vor: ressourcenorientiertes systemisches Denken und systemisches Handwerkszeug.«


(2) Die andere Strömung versteht den systemischen Ansatz als Handlungs- und Theorierahmen, der aus ihrer Sicht aber mit spezifischen traumatherapeutischen Theorien, Methoden, Diagnosen und Behandlungskonzepten angereichert wird. Dieser eher methodenintegrative Ansatz wird z. B. in Hanswille und Kissenbeck (2010) beschrieben. Kennzeichen einer systemischen Traumatherapie sind: (1) äußere Systembezogenheit, (2) innere Systembezogenheit, (3) Kybernetik (Kunst des Steuerns) 2. Ordnung und der Beobachter, (4) Kontextbezogenheit, (5) Ressourcenorientierung, (6) Lösungs- und Zukunftsorientierung, (7) Auftragsklärung und Zielorientierung. Methodisch können diese Punkte durch unterschiedlichste systemische Techniken entfaltet werden.


Verwendete Literatur


Bentovim, Arnon (1995): Traumatisierte Systeme. Systemische Therapie bei Gewalt und sexuellem Missbrauch in Familien. Mainz (Grünewald).


Figley, Charles (1989): Helping traumatized families. San Francisco (Jossey Bass).


Fischer, Gottfried u. Peter Riedesser (1998): Lehrbuch der Psychotraumatologie. München (Reinhardt), 4., aktual. und erw. Aufl. 2009.


Hanswille, Reinert (2010): Supervision in trauma-organisierten Systemen. Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung 3: 118–124.


Hanswille, Reinert (2011): Trauma und Systemische Therapie. Traumatherapeutische Spurensuche in der Geschichte der systemischen Familientherapie. In: Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger u. Andreas Maercker (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie. Stuttgart (Klett-Cotta), S.134–144.


Hanswille, Reinert u. Annette Kissenbeck (2010): Systemische Traumatherapie. Konzepte und Methoden für die Praxis. Heidelberg (Carl-Auer), 2., erw. Aufl.


Kissenbeck, Annette (2012): Systemische Traumatherapie. In: Markus A. Landolt u. Thomas Hensel (Hrsg.): Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen. Göttingen (Hogrefe), 2., überarb. u. erw. Aufl.


Korittko, Alexander u. Karl Heinz Pleyer (2010): Traumatischer Stress in der Familie. Systemtherapeutische Lösungswege. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).


Lempa, Wolfgang (2000): Familientherapie mit Traumapatienten. In: Friedhelm Lamprecht (Hrsg.): Praxis der Traumatherapie. Stuttgart (Klett-Cotta), S. 145–163.


Oestereich, Cornelia (2010): Überleben? – Zurück ins Leben! Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung 3: 100–110.


Satir, Virgina (1990): Kommunikation – Selbstwert – Kongruenz. Konzepte und Perspektiven familientherapeutischer Arbeit. Paderborn (Junfermann).


Schmidt, Gunther (2004): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Heidelberg (Carl-Auer), 4. Aufl. 2012.


Schweitzer Jochen u. Arist von Schlippe (2006): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Bd. 2: Das störungsspezifische Wissen. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).


Trepper, Terry S. u. Mary Jo Barrett (1991): Inzest und Therapie. Ein (system) therapeutisches Handbuch. Dortmund (Modernes Mernen).