Genogramm

engl. genogram, franz. génogramme m; ist »die grafische Darstellung einer über mehrere Generationen reichenden Familienkonstellation. Sie zeigt die Positionen in der Geschwisterreihe, welche die Eltern in ihren eigenen Herkunftsfamilien hatten, sowie die, welche der Indexpatient in seiner Familie einnimmt« (Simon, Clement, Stierlin 2004, S. 121).


Das Genogramm schafft einen Überblick. Genogramme sind subjektive Bilder und die Grundlage für einen interpretatorischen Zugriff. Sie können unter verschiedenen Aufmerksamkeitsfokussen untersucht werden. Das Nachdenken über die Familienkonstellation und Familiengeschichten ist ein beziehungsstiftender Prozess. Genogrammarbeit orientiert sich an systemisch-ressourcenorientierten (System; Ressource) Grundhaltungen, sie berücksichtigt die jeweiligen Aufträge (Auftrag), Ziele und Interessen der Kooperationspartner. Für die grafische Darstellung haben sich die Symbole nach McGoldrick und Gerson (2005, S. 21-30) etabliert. Durch Ergänzungen der Symbole um Kompetenzen, Lebenseinstellungen, Ereignisse kann das Genogramm mit unterschiedlichen Bedeutungen erweitert werden. Klassischerweise wird ein Genogramm von »unten« begonnen und Generation für Generation nach oben entwickelt. Zwischen den Symbolen werden Verbindungslinien gezogen.


»Das Grundgerüst eines jeden Genogramms besteht aus der grafischen Darstellung der biologischen und rechtlichen Beziehungen der Familienmitglieder über mehrere Generationen. Die Zeichnung enthält verschiedene Symbole, die die Familienmitglieder repräsentieren, sowie Linien, die ihre Beziehungen zueinander beschreiben« (McGoldrick u. Gerson 2005, S. 21).


Die ältesten Mitglieder in der Geschwisterfolge befinden sich immer links, weitere Geschwister werden in derselben Höhe rechts beigeordnet.


So wie unterschiedliche Modelle systemischer Sozialarbeit am Theoriemarkt gehandelt werden (vgl. Kühling 2006), werden auch verschiedene Konzepte der Genogrammarbeit genutzt. Bruno Hildenbrand versteht Genogrammarbeit als »rekonstruktive Sequenzanalyse«, die sich auf soziologische Kategorien und die »objektive Hermeneutik« nach Ulrich Oevermann stützt. Sequenzanalyse wird als Methode der Rekonstruktion von Krisen und ihrer Bewältigung verstanden. Genogrammarbeit aus der Perspektive der strukturellen Familientherapie (Therapie) nach Salvador Minuchin setzt strukturelle Merkmale einer funktionierenden Familie voraus, dies sind klar definierte Grenzen zwischen den Subsystemen. Erst sie ermöglichen den Familienmitgliedern, ihre Entwicklungsaufgaben angemessen zu erfüllen. Wachstumsorientierte Genogrammarbeit nach Virginia Satir versucht, ein Klima der Hoffnung zu initiieren. Verschüttete Ressourcen, vergessene Fähigkeiten der Familie sollen aktiviert und für das Wachstum der Familienmitglieder nutzbar gemacht werden. Im Zentrum der Arbeit steht die Steigerung des familiären und individuellen (Individuum) Selbstwerts. Aus verschiedenen in der Praxis verwendeten Konzepten entwickelt sich eine jeweils andere Form der Genogrammarbeit. Narrative Konzepte liegen quer zu allen Konzepten der Genogrammarbeit. Sie können als Metamodell begriffen werden. Im Gespräch über die Familiengeschichte wird mit unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen experimentiert.


»Wirklichkeit besteht aus nichts anderem als Geschichten: Darüber sprechen Menschen miteinander, nicht über Allianzen, Grenzen, Regeln und Redundanzen« (von Schlippe u. Schweitzer 2000, S. 40).


Zu Veränderungen können Sozialarbeiterinnen auch Anstöße geben, indem sie mit den Klientinnen neue Bedeutungszuschreibungen, neue Geschichten entwerfen.


Genogrammarbeit wird unter unterschiedlichen Fokussen gestaltet. Unter dem Fokus »Beziehungen« könnten folgende Fragen gestellt werden: Wie beschreiben Sie die Beziehungen zwischen den Mitgliedern Ihrer Herkunftsfamilie? Welche Beziehungen dienen Ihnen als Vorbild? Aus welchen Beziehungen schöpfen Sie Kraft? Von welcher Beziehungskultur möchten Sie sich emanzipieren? Unter dem Fokus »Krankheit« sind folgende Fragen leitend: Wie wird mit Krankheiten innerhalb der Familie umgegangen? Welche Bedeutung wird einer Krankheit zugeschrieben? Welche Auswirkungen hat sie? Genogrammarbeit unter dem Fokus »Geld« hat folgende Leitfragen: Wie wird Geld verdient? Wer bringt wie viel ein? Wofür wird mit welchen guten Gründen Geld ausgegeben? Wer bestimmt über die Verteilung der Finanzen? Im Rahmen einer Genogrammarbeit kann auch die »Liebe« thematisiert werden: Wissen Sie noch, wie alles anfing, was für Sie anziehend am anderen war? Wer von den Mitgliedern aus den Herkunftsfamilien stimmte der Ehe zu, wer war skeptisch oder ablehnend? Was erleben Sie als Liebe? Mit Jugendlichen kann eine Genogrammarbeit unter dem Fokus »Beruf« hilfreich sein. Leitend können Fragen sein wie: Welcher von einem Familienmitglied ausgeübte Beruf fasziniert dich? Welcher entspricht am ehesten deinen Interessen? Genogrammarbeit, das Erfragen und Hören von Geschichten, ist für Beraterinnen/Therapeutinnen und Klientinnen anregend. Sie kann zum schnellen diagnostischen Blick (Diagnose) einladen. Damit sie förderlich ist, kann man sich an einigen Ideen orientieren: Vereinbaren Sie mit den Klienten die Fokusse der Genogrammarbeit. Keine Genogrammarbeit ohne Auftrag und Erkenntnisinteresse des Klienten. Machen Sie deutlich, dass es nicht darum geht, die Wahrheit über vergangene Familiensituationen herauszufinden. Begreifen Sie Ihre Hypothesen (Hypothetisieren) als Vorschläge für die Klienten, die sie als unpassend ablehnen können. Formulieren Sie kausale Zusammenhänge von Familienereignissen und Schwierigkeiten wertschätzend. Orientieren Sie sich bei der Genogrammarbeit an erlebten Erfolgen. Ermuntern Sie Klienten, Geschichten zu erzählen, in denen sie stolz auf ihre Leistungen sind.


Verwendete Literatur


Deissler, Klaus G. (2006): Genogramme – Geschichte(n), Wahrheit und Perspektiven. Zeitschrift für systemische Therapie 24 (4): 268–270.


Hildenbrand, Bruno (2005): Einführung in die Genogrammarbeit. Heidelberg (Carl-Auer), 3., überarb. Aufl. 2011.


Kühling, Ludger (2006): Wenn Theoretiker Theorie lieben, Praktiker sie wenig zur Kenntnis nehmen – und sie dennoch wirkt. Kontext 37 (2): 130–148.


McGoldrick, Monica u. Randy Gerson (2005): Genogramme in der Familienberatung. Bern (Huber).


Satir, Virginia u. Michele Baldwin (2004): Familientherapie in Aktion. Die Konzepte von Virginia Satir in Theorie und Praxis. Paderborn (Junfermann).


Schlippe, Arist von u. Jochen Schweitzer (2000): Lehrbuch der systemischen Therapie u. Beratung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 7. Aufl.


Simon, Fritz B., Ulrich Clement u. Helm Stierlin (2004): Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart (Klett-Cotta), 6., völlig überarbeitete und erw. Aufl.