Hypothetisieren

engl. hypothesis, franz. hypothèse f, griech. hypo-thithenai = »(dar)unter- stellen«; Hypothese = unbewiesener Grundsatz; hypothetisch = nur angenommen, auf einer unbewiesenen Voraussetzung beruhend, fraglich, zweifelhaft. In der systemischen (System) Praxis bedeutet Hypothetisieren die systematische Formulierung von zirkulären Interaktionsmustern (patterns that connect; Verursachungsmustern; Zirkuläres Fragen) und die Reflexionen darüber in Klienten-, Problem- und Lösungssystemen. Damit lässt sich das – beraterische oder therapeutische (Beratung/ Therapie) – Hypothetisieren klar abgrenzen von der Formulierung von (wissenschaftlichen) Hypothesen im Sinne des Kritischen Rationalismus, die dann im Prozess der Forschung überprüft und ggf. falsifiziert werden (Popper 1976). Der Begriff wurde durch Mara Selvini Palazzoli und das Mailänder Team (Boscolo, Cecchin, Prata) mit einem 1980 auf Englisch, 1981 auf Deutsch erschienenen Aufsatz (Selvini Palazzoli et al. 1981) in den systemischen Diskurs eingeführt. Hypothesen sind nicht einfach beliebige Ideen, sondern Geschichten, die die vorhandenen Informationen in einen zirkulären Zusammenhang bringen und einen neuen Blick auf das Problem oder das Symptom (Symptomträger) ermöglichen.


Im weiteren Sinne verstanden die Mitglieder des Mailänder Teams das Hypothetisieren – neben Zirkularität und Neutralität – als eine der Grundhaltungen systemischer Therapie. In diesem Sinne hatte es vor allem drei Ziele (Pfeifer-Schaupp 2002a):


a) Die Erzeugung und Aufrechterhaltung der Grundhaltung der Neutralität (später: Allparteilichkeit) in der Therapie.


b) Mit Hypothetisieren sollten – vor dem Hintergrund des epistemologischen Modells von Gregory Bateson (Bateson 1985) – die Informationen über das Klientensystem in eine zirkuläre Ordnung gebracht werden. Der erkenntnistheoretische Hintergrund des Hypothetisierens ist der Konstruktivismus. Wichtig ist es dabei, Unterschiede zu erzeugen, die einen Unterschied machen. D. h., es ging um die Konstruktion von Ideen, die für das Klientensystem sinnvoll sind und die es ihm ermöglichen oder die es anregen, die Wirklichkeit und die eigenen Interaktionen neu und anders zu konstruieren (»Verstörung« oder »Perturbation«). Es ging um das Erzählen von neuen, anderen Geschichten, die es fördern, erstarrte Wirklichkeitskonstruktionen »aufzuweichen«.


c) Wichtig war außerdem, dass Hypothetisieren eine wache, gelassene Neugier der Therapeuten/Berater gegenüber dem Klientensystem ermöglicht bzw. fördert. Kriterium für ihre Verwendung war nicht die »Wahrheit« der Ideen, sondern ihre (therapeutische) Nützlichkeit.


Das Hypothetisieren wurde beim klassischen Mailänder Team insbesondere durch die (in der Regel zwei) Therapeuten ermöglicht und unterstützt, die den Prozess aus einer Metaperspektive hinter der Einwegscheibe beobachteten und Feedback gaben (Kybernetik 2. Ordnung; Feedback). Hypothesen wurden vom therapeutischen Team vor, während und nach der Therapiesitzung gebildet. Sie dienten zunächst der Vorbereitung von Interventionen, später v. a. der Entwicklung zirkulärer Fragen (Zirkuläres Fragen), deren Wirksamkeit die Interventionen am Ende der Sitzung überflüssig machten bzw. machen sollten (Boscolo et al. 1988).


Hypothetisieren erwies sich zunächst als bedeutsam für die Therapie von Familien mit schweren Störungen, mit einem magersüchtigen Mitglied (Selvini Palazzoli 1986) oder von Familien mit »schizophrener Transaktion« (Selvini Palazzoli et al. 1985). Später wurde das Hypothetisieren auch auf Muster in Organisationen/Teams ausgedehnt (s. ebd.). Dies war ein wesentlicher Schritt der Weiterentwicklung von der Familientherapie zur systemischen Perspektive bzw. zur systemischen Praxis, die den Blick nicht nur auf Prozesse in Familien, sondern auf alle Arten von Sozialsystemen richtet (Pfeifer-Schaupp 2002a). Kritisch wird das Hypnothetisieren vor allem aus drei Gesichtspunkten gesehen (z. B. von Hoffman 2000):


1) Machtorientierung: Die Therapeuten und Therapeutinnen »kämpfen« mit der Familie und durchkreuzen deren Spiel durch geschickt vorbereitete Interventionen auf der Basis von Hypothesen.


2) Expertenzentrierung: Die Therapeuten und Therapeutinnen sprechen über die Familie aus einer Position überlegenen Expertentums heraus.


3) Sprachfixierung: Die Hypothesen und die daraus abgeleiteten Interventionen konzentrieren sich auf Sprachspiele.


Weiterentwicklungen wurden v. a. angeregt durch vier Faktoren; dies sind: (a) Reflektierendes Team: Dabei wird in Gegenwart der Klienten über sie und dann mit ihnen gesprochen. Die Hypothesen werden mit ihnen diskutiert, was das Machtgefälle deutlich reduziert. (b) Lösungsorientierter Ansatz: Hier wird ganz oder teilweise auf das Hypothetisieren verzichtet, der Fokus liegt nicht auf Interaktionsmustern, sondern auf Lösungen, Ausnahmen und problemfreien Zeiten. Darüber werden – wenn überhaupt – Hypothesen gebildet. (c) Strukturaufstellungen (Aufstellungen): Hypothesen werden körperlich (Körper) und räumlich sichtbar und erfahrbar (z. B. Sparrer u. Varga von Kibéd 2000. (d) Achtsamkeit: Hypothetisieren wird ergänzt und geleitet durch Liebe und Mitgefühl (Hoffman 2002; Gefühl) und bezieht Intuition, Emotionen und Körpergefühle ein (Bickel-Renn 2010).


In der Praxis erscheint das Hypothetisieren vielen (systemisch) Lernenden zunächst fremd: Es scheint die Bildung von Vorurteilen zu begünstigen und die Unvoreingenommenheit zu beeinträchtigen, mit der man an ein System herangehen möchte. Die Erfahrung zeigt dann aber regelmäßig, dass das Gegenteil der Fall ist: Durch das bewusstes Hypothetisieren werden eigene Vorannahmen explizit gemacht und durch neue, andere Annahmen ergänzt. Die Begegnung mit den Klienten wird dadurch nicht eingeschränkter, sondern offener.


Hypothesen werden insbesondere gebildet über: (a) den Überweisungskontext: Was will der Überweiser?; (b) den Auftrag: therapeutisch, kontrollierend, pädagogisch? Wie lauten explizite, implizite und geheime Aufträge?; (c) Muster im Klientensystem bzw. im Problemsystem; (d) mögliche Lösungen.


Es ist wichtig, immer mehrere Hypothesen zu bilden, insbesondere mehrere Möglichkeiten zu konstruieren, wie das Problem Sinn ergeben könnte. Der Umgang mit den eigenen Hypothesen sollte geprägt sein von der Grundhaltung der Respektlosigkeit: Alle Ideen, die sich nicht als nützlich erweisen, werden fallen gelassen und es werden neue Hypothesen gebildet. Hypothetisieren sollte immer ergänzt werden durch die Grundhaltung des Nichtwissens. Quellen von Hypothesen können sein: (a) klinische Erfahrung; (b) (psychologische) Theorien, auch nichtsystemische, z. B. tiefenpsychologische oder transaktionsanalytische Modelle; (c) Intuition: Hier erweisen sich der von E. Gendlin entwickelte Ansatz des »Focusing« und dabei der »Felt Sense« (die körperlich gespürte Be- deutung) als hilfreich (Bickel-Renn 2010).


Verwendete Literatur


Bateson, Gregory (1985): Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).


Bickel-Renn, Silvia (2010): Wenn es »klick« macht: Intuition und innere Achtsamkeit in der systemischen Praxis. Kontext 41: 189–199.


Boscolo, Luigi, Gianfranco Cecchin, Lynn Hoffman u. Peggy Penn (1988): Familientherapie – Systemtherapie. Das Mailänder Modell. Dortmund (Modernes Lernen).


Gendlin, Eugene T. (1998): Focusing-orientierte Psychotherapie. Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode. München (Pfeiffer).


Hoffman, Lynn (1982): Grundlagen der Familientherapie. Salzhausen (Isko-press), 3., überarb. Aufl. (1995).


Hoffmann, Lynn (2000): Eine gemeinschaftsorientierte Perspektive der Therapie. Zeitschrift für systemische Therapie 18 (3): 152–160.


Hoffman, Lynn (2002): Eine gemeinschaftsorientierte Perspektive der Therapie. Zeitschrift für systemische Therapie 18 (3): 152–160.


Pfeifer-Schaupp, Ulrich (2002a): Im Westen was Neues? Grundprinzipien und Entwicklungen systemischer Praxis. In: Ulrich Pfeifer-Schaupp: Systemische Praxis. Freiburg im Br. (Lambertus), S. 12–38.


Popper, Karl R. (1976): Logik der Forschung. Tübingen (Mohr).


Selvini Palazzoli, Mara (1986): Magersucht. Stuttgart (Klett-Cotta).


Selvini Palazzoli, Mara et al. (1981): Hypothetisieren – Zirkularität – Neutralität: Drei Richtlinien für den Leiter der Sitzung. Familiendynamik 6: 123–139.


Selvini Palazzoli, Mara, Luigi Anolli, Paola Di Blasio et al. (1984): Hinter den Kulissen der Organisation. Stuttgart (Klett-Cotta).


Selvini Palazzoli, Mara, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin u. Giuliana Prata (1985): Paradoxon und Gegenparadoxon. Stuttgart (Klett-Cotta).


Sparrer, Insa u. Matthias Varga von Kibéd (2000): Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker und solche, die es werden wollen. Heidelberg (Carl-Auer), 7. Aufl. 2011.


Weiterführende Literatur


Pfeifer-Schaupp, Ulrich (2002b): Systemische Praxis. Modelle – Konzepte – Perspektiven. Freiburg i. Br. (Lambertus).