Dekonstruktion

Neologismus aus dem 20. Jh. stammend und von Jacques Derrida geprägt, terminologische Verschränkung von Destruktion und Konstruktion, engl. deconstruction, franz. déconstruction f; bezeichnet hier in eher weiter Anlehnung an die Philosophie von Derrida (1972) eine Metamethode und Arbeitsweise von systemisch Arbeitenden (System,  Beratung, Erziehung, Therapie), die dazu dienen, »als selbstverständlich hingenommene Wirklichkeiten, Gewohnheiten«, Eindeutigkeiten bzw. »Wahrheiten zu erschüttern« (White 1994, S. 48) bzw. behutsam aufzuweichen. Beider Ausgangspunkt – strikt nachmetaphysisch und ontologiekritisch – ist gleichwohl recht ähnlich, dass nämlich alles Beobachtete heute nur mehr in der Form einer Differenz mit zwei Seiten (binär) beobachtet werden kann (z. B. »Praxis/Theorie«; »Mann/Frau«; etc.), wobei eine der Seiten der Unterscheidung sich historisch durchsetzt (systemisch formuliert: sich als beobachtende Operation durchsetzt, um die Fortsetzung systemerhaltender Operationen zu gewährleisten). Nach Derrida bilden das Objekt der stets idiomatisch (jeweils auf spezifische Weise) herangehenden Dekonstruktion insbesondere Texte und ihre Verweisungs-/Unterscheidungsstrukturen. Gegen Derrida können nach Niklas Luhmann das »einzig mögliche Objekt« der Dekonstruktion jedoch nur »beobachtende/beobachtete Systeme« sein (Luhmann 1995, S. 33), womit ein wesentlicher Unterschied (u. a.) zwischen der Dekonstruktion im poststrukturalistischen Sinne und der Dekonstruktion in ihrer systemtheoretischen Reformulierung benannt ist (vgl. Hupe 2006). Während die poststrukturalistischen Ansätze das aus den weltkonstituierenden symbolischen Ordnungen Ausgeschlossene (z. B. Bisexualität) versuchen einzublenden, versucht man im systemischen Arbeiten, den für jede Operation der Beobachtung konstitutiven blinden Fleck einzufangen. Mit einer einfachen, alltäglichen Beobachtung 1. Ordnung (die Mutter beobachtet etwas, z. B., dass das Kind weint) kann nicht allumfassend beobachtet werden, zumal Beobachtung stets nur selektiv möglich ist: Man sieht, was man sieht, aber man sieht nicht, was man nicht sieht. Um den blinden Fleck jeder Beobachtung einzublenden (das Ausgeschlossene wieder einzuschließen), bedarf es einer weiteren Unterscheidung auf der Ebene der Beobachtung 2. Ordnung:


»Während die Beobachtung erster Ordnung etwas beobachtet, beobachtet die Beobachtung zweiter Ordnung, wie, d. h. mithilfe welcher gewählten Unterscheidungen, etwas beobachtet wird« (Wittenbecher 1999, S. 63).


In meinem Beispiel: Anhand welcher Unterscheidungen beobachtet (beschreibt, erklärt, bewertet) die Mutter, dass das Kind traurig zu sein scheint? Dekonstruktion, als Metamethode verstanden, erlaubt im systemischen Arbeiten, gemeinsam


»darüber nachzudenken, welche Beobachtungen, welche Geschichte sich hinter einer dominierenden Erzählung verbergen: Wo liegt alternatives Wissen, welche Gesichtspunkte wurden ausgelassen, unterdrückt?« (von Schlippe u. Schweitzer 2003, S. 86).


Eine Art Letztbeobachtung aller Beobachtungen, eine am meisten »wahrhaftige Beobachtung«, kann es hierbei nicht geben. Vielmehr führt das Beobachten des Beobachtens des Beobachtens ... etc. pp. in einen infiniten Zirkel des Ver- und Aufschiebens des blinden Flecks, denn auch für die Beobachtung 2. Ordnung bleibt immer eine Operation der Beobachtung 1. Ordnung (B. 1. O.) konstitutiv.


Dekonstruktion kann, wenn wir dem folgen, systemtheoretisch als »Form der Beobachtung 2. Ordnung« aufgegriffen und in den Dienst genommen werden. Dermaßen vorinformierte »Dekonstrukteure« werden, wie es Dirk Baecker formuliert, »jede Eindeutigkeit für einen Fehler« halten. Denn: »Es gibt eigentlich nichts, was [...] [sie, die Dekonstrukteure; J. V. W.] [...] nicht sofort als ambivalent betrachten könnte[n]« (Baecker 2004, S. 14). Dekonstruktion ist demnach das Aufblenden und Aktualisieren der Ambi- und Polyvalenzen (B. 2. O.), die sich hinter den Eindeutigkeiten der Klienten/Adressaten (B. 1. O.) verbergen (Kleve u. Wirth 2009, S. 230 ff.). Die Dekonstruktion beginnt (1) mit der Destruktion der problemverstärkenden Eindeutigkeiten des Klienten (Beispielsatz: »Ich bin immer mutlos«). Eine explizite Zweideutigkeit (Binarität, Ambivalenz) stellt sich erst dann her, wenn der Klient anhand von Fragen nach Ausnahmen (»Wirklich immer?«) Abweichungen von dieser hierarchisierenden, unterwerfenden Form der Beobachtung (hier Selbstbeobachtung) registrieren kann. Praktisch parallel dazu kann (2) die unhintergehbare Ambivalenz (jeder Beobachtung) reflektiert werden (Kleve 1999). Es geht in der Selbstfestlegung auf Dekonstruktion als Metamethode systemischen Arbeitens nicht etwa um eine Neutralisierung der binären Gegensätze (z. B. »mutig/mutlos«) oder um ihre »Aufhebung« in einem Dritten (G. W. F. Hegel), sondern um ein aufweichendes Verschieben der Ambivalenz in ganz spezifische raum-zeitlich-soziale Bedingungen ihres Auftretens (Kontextualisierung: »In der Gegenwart welcher Menschen fühlen Sie sich mutiger?«) oder um das Überschreiten ihrer begrifflichen Gegensätze durch die Wiedereinführung des durch die Form Ausgeschlossenen (z. B.: »Was sind Ihre Stärken?«). Erst dadurch werden die Voraussetzungen für den Gebrauch von priorisierenden, zunehmend verdinglichten Unterscheidungen und ihrer Ambivalenzen erhellt, verflüssigt, vermehrt und ggf. rearrangiert (siehe die Tetralemma-Positionen: »Entweder« ↔ »Oder« ↔ »Beides« ↔ »Keines von beiden« ↔ »Und auch dies nicht und selbst das nicht«). (3) Dekonstruktion bliebe ohne die gemeinsame Ko- Konstruktion neuer Perspektiven, die Konstruktion von neuen Bedeutungen, Zusammenhängen, personalen Zurechnungen und Plausibilitäten unvollständig: Wenn Wirklichkeit nicht mehr etwas Eindeutiges, etwas festgelegtes Wahres ist, sondern »fortlaufend aktiv konstruiert wird – so, stark verkürzt, die konstruktivistische Position –, dann können bestehende Wirklichkeitskonstruktionen auch modifiziert, aufgelöst und umgebaut werden« (Eder 2007, S. 103), damit durch neue Beobachtungen neue Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden. Dekonstruktion ist in ihrer praktischen Anwendung in der Arbeit mit Sinnsystemen wie eine Möbius- Schleife aufzufassen, die fließende, ineinander übergehende Innen- und Außenflächen hat. Mathematisch formuliert: Dekonstruktion = Destruktion + Konstruktion. Eine gemeinsame Ko-Konstruktion liegt stets dann vor, wenn die beteiligten Partner hinsichtlich des Auftrags, der Aufgabe und ihrer Ziele miteinander kommunizieren (Kommunikation) und dabei ihre ???? Erwartungen und ihr Wissen so aufeinander beziehen (ko- konstruieren), dass dabei gemeinsame Realitäten und Problemlösungen (Lösung) entwickelt werden.


Gerade systemische Interventionen eignen sich in besonderer Weise für Einladungen an die Klienten/Adressaten, blinde Flecken zu sichten und neue Perspektiven einzunehmen. Zu denken ist z. B. an das Familienbrett, das Genogramm, Gruppenarbeit, Arbeit mit Metaphern, das reflektierende Team (Reflektierendes Team), das Psychodrama, Teamarbeit oder die Umdeutung. Beispielhaft sollen hier noch einige Mini-Interventionen anhand der drei Sinndimensionen systemischen Arbeitens benannt werden: (a) in der Sozialdimension: zirkuläres Fragen (Zirkuläres Fragen): »Was denken Sie, was Ihr Vater dazu sagen würde?«, »Wie würde wohl Ihre Oma reagieren, wenn sie das hört?« Kann der Klient dazu gewonnen werden, die Perspektive eines anderen einzunehmen (wie im Psychodrama), wird ihm konkret erlebbar, dass es noch weitere, andere Möglichkeiten der Beobachtung bestimmter Situationen gibt (Mehrdeutigkeit); (b) in der Zeitdimension: Hypothetisieren: »Angenommen, ein Jahr ist vergangen, und Sie hätten damals die Probleme letztlich erfolgreich bewältigt. Wie stellt sich die damalige Situation aus heutigem Blickwinkel dar, was denken Sie heute darüber?« (Herwig-Lempp 2009, S. 58); (c) in der Sachdimension: Verschlimmerungsfragen: Bei resignierenden Personen sind – im Folgenden Schweitzer und von Schlippe (2006, S. 83) – Fragen nach Ausnahmen vom Problem oder die Wunderfrage oft wenig anschlussfähig. Hier kann eine Frage wie »Was müssten Sie tun oder zu sich selbst sagen, damit es noch schlimmer wird?« ergiebiger wirken.


Verwendete Literatur


Baecker, Dirk (2004): Wozu Soziologie? Berlin (Kadmos).


Derrida, Jacques (1972): Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).


Eder, Lothar (2007): Psyche, Soma und Familie. Theorie und Praxis einer systemischen Psychosomatik. Stuttgart (Kohlhammer).


Herwig-Lempp, Johannes (2009): Ressourcenorientierte Teamarbeit. Systemische Praxis der kollegialen Beratung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 2., durchges. Aufl.


Hupe, Henning (2006): Text, Luhmann und Derrida. In: Günter Thomas u. Andreas Schüle (Hrsg.): Luhmann und die Theologie. Darmstadt (WBG), S. 93–106.


Kleve, Heiko (1999): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Aachen (Kersting).


Kleve, Heiko u. Jan V. Wirth (2009): Die Praxis der Sozialarbeitswissenschaft. Eine Einführung. Baltmannsweiler (Schneider Verlag Hohengehren), 2. Aufl.


Luhmann, Niklas (1995): Dekonstruktion als Beobachtung zweiter Ordnung. In: Henk de Berg u. Matthias Prangel (Hrsg.): Differenzen. Systemtheorie zwischen Dekonstruktion und Konstruktivismus. Tübingen (Francke), S. 9–36.


Schlippe, Arist von u. Jochen Schweitzer (2003): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 9. Aufl.


Schweitzer, Jochen u. Arist von Schlippe (2006): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).


White, Michael (1994): Therapie als Dekonstruktion. In: Jochen Schweitzer, Arnold Retzer u. Hans Rudi Fischer (Hrsg.): Systemische Praxis und Postmoderne. Frankfurt a. M. (Suhrkamp), S. 39–63.


Wittenbecher, Iris (1999): Verstehen, ohne zu verstehen. Soziologische Systemtheorie und Hermeneutik in vergleichender Differenz. Wiesbaden (DUV).


Weiterführende Literatur


Moebius, Stephan (2009): Strukturalismus/Poststrukturalismus. In: Georg Kneer u. Markus Schroer (Hrsg.): Handbuch soziologische Theorien. Wiesbaden (VS), S. 419–444.


Schweitzer, Jochen, Arnold Retzer u. Hans Rudi Fischer (Hrsg.): Systemische Praxis und Postmoderne. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).