Empowerment

von engl. to empower = »befähigen, bemächtigen, ermächtigen«, »Befähigung«, hat im Deutschen keine direkte Wortentsprechung. Sinngemäß lässt sich Empowerment als Selbstbemächtigung, Selbstbefähigung, Stärkung von Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung übersetzen. Die Geschichte des Empowermentansatzes ist eng mit der Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre in den USA, den sozialen Bewegungen, der Emanzipationsbewegung der Frauen, der Selbstbestimmt-leben-Bewegung (independent living) von behinderten Menschen und der Selbsthilfebewegung verbunden. Rappaport (1987) hat den Empowermentansatz in den psychologischen Diskurs eingeführt und maßgeblich an seiner Weiterentwicklung zu einer professionellen Handlungsperspektive mitgewirkt.


Der Grundgedanke des Empowerments besteht darin, den Handlungs- und Möglichkeitsspielraum der Menschen (wieder) zu erweitern, indem Wege beleuchtet und erarbeitet werden, die aufzeigen, wie Gefühle der Beeinflussbarkeit und der Selbstwirksamkeit entdeckt bzw. für sich selbst (wieder) verfügbar gemacht werden können. Damit wird der Blick auf die Ressourcen und Resilienzen von Menschen gerichtet. Der Mensch wird als handelndes Subjekt betrachtet, das zur Bearbeitung und Gestaltung seines Lebens sowie zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit und seines psychosozialen Wohlbefindens sowohl personale, familiäre als auch kontextbezogene (Kontext) Ressourcen benötigt. Damit werden das Subjekt und seine soziale Verortung zueinander ins Verhältnis gesetzt. In dieser systemischen (System) Perspektive geht es darum, den Handlungs- und Möglichkeitsspielraum der Betroffenen dadurch zu erweitern, dass sich die besondere Aufmerksamkeit auf die vermittelnden Strukturen zwischen den einzelnen Ressourcenebenen richtet. Berater / Therapeuten (Beratung / Therapie), die aus einer Empowermentperspektive heraus handeln, bemühen sich darum, ausgehend von der Ebene des Individuums, Verknüpfungen mit dem sozialen Netzwerk und anderen sozialen Kontexten herzustellen und Prozesse auf einzelnen Ressourcenebenen auszulösen, mit dem Ziel, möglichst Synergieeffekte anzustoßen. Das Ziel der Intervention besteht darin, auf den verschiedenen Ebenen versteckte oder noch nicht genutzte Ressourcen gemeinsam zu entdecken und sie für die Bearbeitung von Problemen sowie für die Weiterentwicklung und Stärkung der Person, des familiären Systems oder einer Gruppe/eines Teams (Teamarbeit) nutzbar zu machen (vgl. Lenz 2009).


Handlungsleitend für den Therapeuten/Berater ist eine Abkehr vom paternalistischen Handeln hin zu einem professionellen Verständnis, das von Kooperation und Partnerschaftlichkeit geprägt ist. Aufgabe ist es, Bedingungen zu schaffen, die einen Prozess ermöglichen, durch den Menschen Ressourcen erhalten, die sie besser zur Gestaltung ihrer Lebensumstände und zur Erreichung ihrer Ziele wie auch Wünsche befähigen.


Die Förderung von Empowermentprozessen stellt eine komplexe (Komplexität) Strategie dar, in deren Rahmen verschiedene Methoden zum Einsatz kommen. Die Wahl der Methode hängt im konkreten Fall davon ab, auf welcher Ebene erfolgsversprechende Ansatzpunkte für eine gezielte Suche nach Ressourcen gefunden werden können. Als eines der wichtigsten Instrumente zur Stärkung individueller und familiärer Ressourcen dient das breite Spektrum systemisch- lösungsorientierter (Lösung) Fragetechniken, die mittlerweile zum Standardrepertoire psychotherapeutisch-beraterischer Arbeit gehören: die Wunderfrage, Frage nach Ausnahmen vom Problem sowie die Verschlimmerungsfrage. Fragen stoßen Denkprozesse an und laden zu neuen Perspektiven ein, wodurch schlummernde Möglichkeiten und Kräfte aktiviert werden.


Eine besondere Bedeutung kommt in der Empowermentarbeit der Ressourcenaktivierung auf der kontextbezogenen Ebene zu. Im Mittelpunkt stehen dabei die sozialen Netzwerke, in denen sich der Alltag der Menschen strukturiert und vollzieht, durch die soziale Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit und Verortung befriedigt werden, die Gesundheit fördern sowie als Schutzschild und Puffer bei Belastungen und Krisen wirksam sind. Ziel von Netzwerkinterventionen ist es, die Betroffenen durch bestimmte Strategien zu einer Auseinandersetzung mit ihren sozialen Beziehungen und deren Dynamik anzuregen. Des Weiteren sollen sie dazu ermutigen, bestehende Bezüge zu intensivieren, neue Kontakte und Beziehungen aufzubauen bzw. zu entdecken oder frühere, verschüttete Bindungen zu reaktivieren. Gestalterische Instrumente wie die Netzwerkzeichnung oder die Netzwerkkarte ermöglichen eine Visualisierung des Beziehungsnetzes, welches einen Einstieg über verfügbare soziale Ressourcen und damit verbundene Wünsche, Hoffnungen und Ängste erleichtert.


Ein wichtiges Medium, um Verknüpfungen auf den verschiedenen Systemebenen herzustellen und neue Zusammenhänge zu stiften, stellen die Perspektiven der narrativen Psychologie dar. Die Menschen werden vom Therapeuten/Berater ermutigt, Geschichten von Kraft, der Stärke von Ideen, persönlicher Handlungs- und Durchsetzungsfähigkeit, unterstützenden Netzwerken, Gruppen und Einrichtungen, erfolgreicher Krisenbewältigung und ebenso von Erfahrungen der Niederlage und Demoralisierung zu erzählen. Mit dem Ziel, einen Zugang zu den Erzählungen/narrativen Strukturen der Klienten zu gewinnen, wird eine spezifisch biografisch-narrativ angelegte Gesprächsführungstechnik eingesetzt. Die Erzählkommunikation (Kommunikation) wird durch einen gezielten Erzählstimulus eröffnet, der die Form einer offenen Frage hat und sich auf einen bestimmten zeitlichen und thematischen Ausschnitt des alltäglichen Lebens des Klienten konzentriert: »Erzählen Sie, wie Sie damals die Situation gemeistert haben.« »Wie haben Sie Kraft gefunden?« »Was hat Ihnen dabei geholfen?« (Vgl. Sluzki 1992.)


Der Therapeut/Berater übernimmt in diesem dialogischen Geschehen die Rolle eines Prozesswächters, der Erzählimpulse setzt und der durch den Einsatz von systemischen Fragetechniken und Interventionsformen wie Reframing und wertschätzende Konnotation Brücken zu Erzählungen über Selbstbemächtigung, Gestaltung und Bewältigung des eigenen Lebens schlägt.


Verwendete Literatur


Herriger, Norbert (1997): Empowerment in der Sozialen Arbeit. Stuttgart (Kohlhammer).


Lenz, Albert (2009): Empowerment: Eine Perspektive für die psychosoziale Praxis. Psychotherapie im Dialog 4: 341–345.


Lenz, Albert (Hrsg.) (2011): Empowerment. Handbuch für die ressourcenorientierte Praxis. Tübingen (DGVT).


Lenz, Albert u. Wolfgang Stark (Hrsg.) (2002): Empowerment. Neue Perspektiven für psychosoziale Praxis und Organisation. Tübingen (DGVT).


Rappaport, Julian (1987): Terms of empowerment/exemplars of prevention: toward a theory for community psychology. American Journal of Community Psychology 9: 121–144.


Sluzki, Carlos (1992): Die therapeutische Transformation von Erzählungen. Familiendynamik 17: 19–38.


Weiterführende Literatur


Knuf, Andreas, Ulrich Seibert u. Beate Osterfeld (Hrsg.) (2007): Selbstbefähigung fördern. Empowerment in der psychiatrischen Arbeit. Bonn (Psychiatrie Verlag).


Orford, Joseph (2008): Community psychology. Challenges, controversies, and emerging consensus. Chichester (Wiley).


Seckinger, Mike (Hrsg.) (2006): Partizipation – Ein zentrales Paradigma. Analysen und Berichte aus psychosozialen und medizinischen Handlungsfeldern. Tübingen (DGVT).