Wunderfrage

engl. miracle question, franz. question f miracle; ist eine zentrale Fragesequenz der lösungsorientierten (Lösung; Lösungsfokussierung) Kurzzeittherapie (Therapie), die ein Team um Steve de Shazer und Insoo Kim Berg seit Ende der 1970er-Jahre in Milwaukee (USA) auf der Basis ericksonscher (Milton H. Erickson) und systemischer (System) Konzepte entwickelt hat (de Shazer 1995; de Shazer u. Dolan 2008). Sie dient dabei nicht, wie manche beim Begriff des Wunders denken, der Verbreitung einer unkritischen Gläubigkeit, Lösungen fielen sozusagen vom Himmel – auch ohne eigenes Zutun. Ganz im Gegenteil dazu ist die Wunderfrage passgenau entwickelt worden zu dem Zweck, als Empowerment-Strategie Menschen, die im Problemerleben gefangen sind, zu helfen (Helfen), die Kraft ihrer eigenen Lösungsvisionen zu erleben als Antrieb und Leuchtfeuer für die Entwicklung realistischer Ziele und Veränderungsschritte im Alltag, in Partnerschaft (Paar), Familie etc.


Die Wunderfrage ist kein therapietechnisches Tool, keine dinghafte Substanz, die »an sich« wirkt, sondern ganz im Sinne der systemtheoretischen Grundannahmen ein interaktionelles (Interaktion) Fokussierungsangebot, das sich auf der Basis eines wertschätzenden Dialoges auf gleicher Augenhöhe entfaltet – in genau definierten Phasen mit Pausen von einigen Sekunden zwischen den Phasen (de Shazer u. Dolan 2008), damit dem Klienten Zeit für die Suchprozesse gelassen wird, die durch die gesprächsweise Tranceinduktion (Schmidt 2004) angeregt wurden. Standardisierte Elemente in der Wunderfragesequenz, wie etwa das therapeutische Angebot an den Klienten (das Klientensystem), die Lösungszukunft hypothetisch (Hypothetisieren) als Gedankenexperiment zu imaginieren, müssen flexibel auf seine Antworten abgestimmt und kontextadäquat (Kontext) variiert werden. Ganz im Sinne Heinz von Foersters – »Die Bedeutung der Botschaft bestimmt der Empfänger« – ist für Steve de Shazer die Kategorie »Wunderfrage« erst anzuwenden, wenn die Erlebensantworten des Klienten aus dem Lösungserleben heraus geschehen. Der Klient entscheidet, was wirkt, der Kurztherapeut orientiert sich, auch beim Stellen der Wunderfrage, am Feedback des Klienten. Phasenabfolge der Wunderfrage (nach de Shazer u. Dolan 2008, S. 70; den genauen Wortlaut siehe dort):
1) Einleitung: Hinweis, jetzt komme eine schwierige, ungewöhnliche Frage, die etwas Imagination erfordert (Vorwegnahme von Einwänden; Anreiz, sich auf Imagination einzustellen).
2) Einbetten in den Alltag – etwa zu Hause, am Abend, beim Ein- schlafen ...: »Stellen Sie sich vor ...«
3) Suggestion eines Wunders, das sich unbemerkt vom Klienten, während er schläft, vollzieht: »In der Nacht dann, während sie schlafen, geschieht ein Wunder. Das Wunder bewirkt, dass die Probleme, derentwegen Sie heute hier sind, weg sind wie durch einen Fingerschnipp.« (Der Resssourcenzugang soll auf intuitiver Ebene, jenseits der einschränkenden alltäglichen Glaubenssysteme, freigelegt werden; vgl. Intuition).
4) Übersetzung in sinnliche Erfahrung im interaktionellen Kontext: »Woran werden Sie, Ihre Frau, Ihre Kinder dann am nächsten Morgen, wenn Sie aufwachen, merken, dass das Wunder geschehen ist«? (Lösungsphysiologie: Klienten atmen ruhiger, der Blick ist defokussiert, die Stimmung verändert sich zum Positiven.) Wenn der Therapeut abwartet und mehrfach nachfragt – »Was noch...?« »Was noch ...?« – wird über konkrete interaktionelle Details des Lösungserlebens im Alltag berichtet, die für den weiteren Therapieprozess sehr hilfreich sind.
5) Ausweiten und Festigen der Erfahrung, Stabilisierung der neuen neuronalen Lösungsmuster-Verknüpfungen: Verwendet werden insbesondere zirkuläre, lösungsorientierte Anschlussfragen (Zirkuläres Fragen). Was das allererste Anzeichen nach dem Aufwachen ist, wer am ehesten das Wunder bemerkt (Wechsel der Zeitform von der hypothetischen, futurischen Möglichkeitsform in die konstatierende – indikativische – Präsensform), wer dann was anders macht, welche Auswirkungen das Wunder auf den Tag hat, die Woche, das ganze Leben (damit werden die Vorteile der Lösung erkennbar, aber auch die Preise, die gezahlt werden müssen beim Erreichen der Lösung). Danach Schwenk des Fragefokus in Richtung schon vorhandener Ausnahmen vom Problem (de Shazer u. Dolan 2008) und Skalieren der gegenwärtigen Situation mit der 10 (= Tag nach dem Wunder).



Die Wunderfrage kann als gelungenes Lehrbeispiel dafür angesehen werden, welche Wirkkraft die Kombination hypnotherapeutischer ericksonscher Ansätze der Lösungs- und Ressourcenorientierung mit systemisch-konstruktivistischen Ansätzen der modernen systemischen Theorie und Praxis (Schmidt 2004) entfalten kann. Steve de Shazer hat zeitlebens unter Verweis auf Erickson und Wittgenstein (de Shazer u. Dolan 2008) die pragmatische Ko-Konstruktion von Lösungen im gemeinsamen Therapieprozess mit dem Klienten höher bewertet als die Ableitung therapeutischer Interventionsstrategien für die Lösungs- entwicklung aus übergeordneten Theorien. Gleichwohl war er auf der Höhe der Entwicklung der Theoriebildung im systemischen Feld und prägte diese Entwicklung wesentlich mit. Gunther Schmidt, der seit den 1980er-Jahren mit Steve de Shazer im Austausch war, übernahm viele Anregungen der Gruppe um Steve de Shazer und Insoo Kim Berg in sein hypnosystemisches Modell, das die Entwicklung des Heidelberger Modells in den letzten Jahrzehnten wesentlich mit beeinflusste (Schmidt 2004). Insgesamt gesehen, ist das hypnosystemische Modell inzwischen zu einem der einflussreichsten Konzepte im Bereich des systemischen Feldes geworden. Die Intervention, Problemmuster zu unterbrechen durch das Angebot einer Imagination der Lösungszukunft, ist nicht auf die Anwendung in der Kurztherapie Erwachsener begrenzt. Anwendungen im Bereich des Coachings (Schmidt 2010), der Beratung (Bamberger 2005; Hahn 2000), der Kinder- und Jugendlichentherapie (Vogt-Hillmann et al. 2001), der Jugendhilfe (Berg 1992), der Supervision (Schmidt 1995), der Schulsozialarbeit (Herrmann 2010; Schule) etc. haben sich inzwischen etabliert. Die Begrenzungen eines rein verbal-akustischen Zugangs zur Lösung im Rahmen der Wunderfrage werden zunehmend durch den Einbezug anderer Sinneskanäle in allen Anwendungsfeldern der Praxis erweitert: Lösungen und Ziele werden im Raum aufgestellt (Strukturaufstellungsarbeit, Aufstellungen, Skulptur; vgl. etwa Sparrer 2001); Choreografien und Lösungskonferenzen im Inneren Team werden moderiert (Schmidt 2004), Lösungsbilder werden kunsttherapeutisch gemalt (Vogt-Hillmann u. a. 2001), psychodramatisch (Psychodrama) inszeniert (Williams 1991), musiktherapeutisch intoniert (Zeuch, Hänsel u. Jungaberle 2009). Variationen der Wunderfrage bei Kindern (»Eine Fee versprüht Zauberpulver«), die »kleine Wunderfrage« – woran merkt der Klient nach der Sitzung, dass die Sitzung hilfreich war? – etc. erweitern das Instrumentarium auch für Situationen, in denen die Wunderfrage nicht passt oder nicht dem persönlichen Interventionsstil des Therapeuten bzw. Beraters entspricht.


Verwendete Literatur


Bamberger, Günter (2005): Lösungsorientierte Beratung. Weinheim/Basel (Beltz).


Berg, Insoo Kim (1992): Familien zusammenhalt(en). Dortmund (Modernes Lernen).


de Shazer, Steve (1995): Wege der erfolgreichen Kurztherapie. Stuttgart (Klett- Cotta), 10. Aufl. 2010.


de Shazer, Steve u. Yvonne Dolan (2008): Mehr als ein Wunder. Lösungsfokussierte Kurztherapie heute. Heidelberg (Carl-Auer), 2. Aufl. 2011.


Hahn, Kurt (1996): Ratsuchende stärken – Lösungsorientierte Kurztherapie. In: Peter Dillig u. Herbert Schilling (Hrsg.): Erziehungsberatung in der Postmoderne. Mainz (Grünewald), S. 139–145.


Hahn, Kurt (2000): Passend intervenieren, Lösungsorientierung flexibel handhaben – Ein Erfahrungsbericht in acht Thesen. In: Jürgen Hargens u. Wolfgang Eberling (Hrsg.): einfach kurz und gut, Teil 2. Dortmund (Borgmann), S. 131–146.


Herrmann, Peter (2010): Blockaden lösen – Systemische Interventionen in der Schule. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).


Schmidt, Gunther (1995): Systemische Supervision von EB-Teams. In: Kurt Hahn u. Franz-Werner Müller (Hrsg.): Systemische Erziehungs- und Familienberatung. Mainz (Grünewald).


Schmidt, Gunther (2004): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Heidelberg (Carl-Auer), 4. Aufl. 2012.


Schmidt, Gunther (2010): Beratungs- und Coachingpraxis. In: Faschingbauer, Michael (2010): Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln. Stuttgart (Schäffer-Poeschel).


Sparrer, Insa (2001): Wunder, Lösung und System. Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen für Therapie und Organisationsberatung. Heidelberg (Carl-Auer), 5., überarb. Aufl. 2009.


Vogt-Hillmann, Manfred, Wolfgang Eberling u. Heinrich Dreesen (Hrsg.) (2001): Kinderleichte Lösungen – Lösungsorientierte kreative Kindertherapie. Dortmund (Modernes Lernen).


Williams, Antony (1991): Strategisches Psychodrama. Psychodrama 4 (2): 273– 289.


Zeuch, Andreas, Markus Hänsel u. Henrik Jungaberle (Hrsg.) (2009): Systemische Konzepte für die Musiktherapie. Spielend lösen. Heidelberg (Carl- Auer).


Weiterführende Literatur


Mücke, Klaus (2001): Probleme sind Lösungen. Systemische Beratung und Psychotherapie – Ein pragmatischer Ansatz. Lehr- und Lernbuch. Potsdam (Ökosysteme).