Delegation

engl. delegation, franz. délégation f, von lat. delegare = »hinschicken, anvertrauen, übertragen«. Der Begriff der Delegation wurde geprägt von Helm Stierlin (s. u. a. 1978). Er bezeichnet ein Geschehen typischerweise zwischen Eltern (→ Elternschaft) und → Kindern im Rahmen familiärer (→ Familie) Dynamiken und ist ein zentraler Begriff der sogenannten Heidelberger familientherapeutischen (→ Therapie) Schule um Stierlin. Mit Delegation sind im Wesentlichen implizite/unbewusste Botschaften oder Aufträge (→ Auftrag) gemeint, die das → Kind von den Eltern oder einem Elternteil für seine Lebensgestaltung erhält. Dies bezieht sich u. a. auf Lebensstile, Werthaltungen, den Umgang mit Trieben und Bedürfnissen etc. Der oder die Delegierte lebt damit zum einen bestimmte ungelebte Aspekte der Eltern (eines Elternteils) aus bzw. versucht wiederum unbewusst, über die Erfüllung des Auftrages seine Zugehörigkeit/Loyalität zum familiären System und seinen Selbstwert zu sichern oder zu gestalten. Geschichtlich stammt das Delegationskonzept aus der mehrgenerationalen Familienperspektive der 1970er-Jahre, welche begrifflich und in ihren Denkmustern deutliche Bezüge zur Psychoanalyse aufweist (vgl. von Schlippe u. Schweitzer 1996, S. 24). Ana­log zur psychodynamischen Perspektive werden hier Aspekte der Familiendynamik erfasst und dabei u. a. unbewusste Beziehungs- und Bindungsmuster beschrieben mit dem Ziel, sie therapeutisch nutzbar zu machen. Delegation vollzieht sich somit im analogen (d. h. nicht sprachlichen, nicht expliziten), nicht im digitalen Bereich der → Kommunikation.

Die Delegierenden sind üblicherweise die Eltern oder ein Elternteil, die, an welche etwas delegiert wird, die Kinder. Stierlin verweist auf die doppelte Bedeutung des lat. Begriffes delegare, nämlich zum einen »aussenden, abordnen«, zum anderen »mit einer Mission, mit einem Auftrag betrauen« (vgl. Simon, Clement u. Stierlin 1984, S. 58). Der Delegierte wird somit im Verständnis Stierlins sowohl ins Leben hinausgesandt, »[bleibt] aber dem Sender verpflichtet« (Stierlin 1976, S. 47). Solcherlei Aufträge und Missionen lassen sich zum einen entlang den psychoanalytischen Leitunterscheidungen von Es, Ich und Über-Ich je nach der Ebene spezifizieren, auf der sie gegeben werden. Eine Delegation auf der Es-Ebene kann z. B. beinhalten, dass der → Jugendliche Triebbedürfnisse (etwa im Bereich von freier Partnerwahl oder des Praktizie­rens von → Sexualität) auslebt, die auf der Elternebene unterdrückt wurden. Auf der Über-Ich- bzw. Ich-Ideal-Ebene verfolgt das Kind (als Jugendlicher oder Erwachsener) beispielsweise → Ziele, die auf der Elternebene nicht realisiert werden konnten, etwa herausragende Leistungen im Sport, im Beruf usw. Delegationen lassen sich zudem entlang einer weiteren von Stierlin aufgegriffenen Leitunterscheidung beschreiben, nämlich nach den Kategorien Bindung und Ausstoßung: gebundene Delegierte »müssen« Aufträge erfüllen, die sie in der Familie halten; Beispiel: Ein junger Erwachsener bleibt bei den Eltern oder einem Elternteil und geht keine partnerschaftliche Bindung ein. Er erspart damit den Eltern die → Trauer wegen der Ablösung, oder er stabilisiert gewissermaßen die ansonsten konfliktträchtige → Beziehung (→ Konflikt) der Eltern. Ausgestoßene Delegierte erfahren als Kind wenig emotionales Genährtwerden und Wärme, sie versuchen, Anerkennung über Leistung zu erlangen, neigen zu Perfektio­nismus, demzufolge zu einer Negation organismischer Bedürfnisse; dabei werden die Eltern (im Sinne der Aufrechterhaltung der Bindung) oftmals idealisiert. Delegationen sind nach Stierlin nicht per se problematisch oder gar pathogen, vielmehr sind sie ein üblicher Bestandteil familialer → Interaktionen, können jedoch zu Überforderungen oder Konflikten führen. Sich widersprechende Delegationen der Eltern etwa können einen unlösbaren Konflikt beinhalten (das Kind soll beispielsweise künstlerische Neigungen realisieren und eine geradlinige Karriere verfolgen); oder aber die elterlichen Delegationen widersprechen den eigenen Strebungen des Kindes. Damit steht der Begriff der Delegation in unmittelbarer Nähe zu einem anderen zentralen Begriff der Heidelberger Schule, dem der bezogenen → Individuation. Er meint die stete Anforderung an das menschliche Wesen, seine Eigenheit und Individualität im Lebenslauf mit der Notwendigkeit von Bindung an andere zu balancieren. Ein Aufgeben der eigenen Individualität wäre demnach ebenso schädlich wie eine Überindividuierung, die mit dem Verlust der Anbindung an andere einherginge. Eine gelungene bezogene Individuation wäre demnach ein Ausweg aus konfliktträchtigen Delegationen.

Der Begriff Delegation ermöglicht zunächst einen Deutungsrahmen in der → The­rapie, sowohl für Therapeuten und Therapeutinnen als auch für Patienten und Pa­tientinnen und Familien. In der Delegationsperspektive wird es möglich, eigenes und fremdes als problemhaft erlebtes Verhalten anders und besser zu verstehen (→ Verstehen). Damit ermöglicht der Begriff auch Optionen für → Umdeutungen. Als Anwendungsbereiche bieten sich sowohl einzel- und familientherapeutische wie auch beraterische → Kontexte an. In der Familientherapie kann beispielsweise das delegierte Familienmitglied nun statt in seiner Auffälligkeit (Unreife, Exzessivität im Umgang mit Drogen, Magersucht etc.) quasi als »Erfüller« eines unbewussten Auftrages (z. B. die Bindung der Familie aufrechtzuerhalten) betrachtet werden. In der Einzeltherapie kann die Delegationsperspektive dem Patienten oder der Patientin dazu verhelfen (→ Helfen), sein problematisches Erleben und Verhalten im Kontext seiner Familie und Biografie zu verstehen und entsprechende Ablösungsschritte in Richtung Individuation zu entwickeln.

Archaische → Gesellschaften kennen analog hierzu sogenannte Ablösungsrituale (Initiationsriten; → Rituale) für den Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Auf rituelle Weise werden dabei die Bindungen zwischen Kind und Eltern gelöst und dabei auch die belastenden Aufträge der Eltern beendet, damit der Jugendliche frei wird, seinen eigenen Weg zu gehen. Diese Praxis wird in neuerer Zeit u. a. von Phyllis Krystal aufgegriffen, die dafür eine geführte Imagination in der Tradition C. G. Jungs verwendet. Auch sogenannte Mentorenprogramme für junge Männer und Frauen v. a. aus den USA (u. a. »Boys to Men«) lassen traditionelle Übergangsrituale wieder­auf­leben.

Verwendete Literatur
Schlippe, Arist von u. Jochen Schweitzer (1996): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Simon, Fritz B., Ulrich Clement u. Helm Stierlin (1984): Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Überblick, Kritik und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart (Klett-Cotta), 5., erw. Aufl. 1999.
Stierlin, Helm (1976): »Rolle« und »Auftrag« in der Familientheorie und -therapie. Familien­dynamik 1 (1): 36–59.
Stierlin, Helm (1978): Delegation und Familie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Stierlin, Helm (2003): Die Demokratisierung der Psychotherapie. Anstöße und Herausforderungen. Stuttgart (Klett-Cotta).

Weiterführende Literatur
Bly, Robert (1998): Die kindliche Gesellschaft. Über die Weigerung, erwachsen zu werden. München (Knaur).
Eliade, Mircea (1997): Das Mysterium der Wiedergeburt. Versuch über einige Initiationstypen. Frankfurt a. M. (Insel).
Hellinger, Bert (1994): Ordnungen der Liebe. Ein Kursbuch. Heidelberg (Carl-Auer), 9. Aufl. 2010.
Krystal, Phyllis (2004a): Die inneren Fesseln sprengen. Befreiung von falschen Sicherheiten. Berlin (Ullstein).
Krystal, Phyllis (2004b): Frei von Angst und Ablehnung. Lösung aus kollektiven Bindungen. Berlin (Ullstein).

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