Gewalt (in Paarbeziehungen)
engl. violence in couple relationships, franz. violence f dans les couples. Auch wenn Gewalt in → Paarbeziehungen (→ Beziehung) ähnlich wie → Gewalt gegen Kinder in den vergangenen Jahrzehnten zu einem öffentlich anerkannten → Problem geworden ist, ist der Diskurs zu diesem Thema im systemischen (→ System) Feld zumindest im deutschsprachigen Raum nach wie vor »marginal« (vgl. Kirschenhofer u. Schmidsberger 2010, S. 179). Das mag daran liegen, dass die – überwiegend feministisch inspirierte – öffentliche Debatte in erster Linie mit der Frage nach (männlicher) → Schuld und Verantwortung beschäftigt ist, systemische Konzepte aber von zirkulären Verursachungsmustern und der Annahme der Einbezogenheit aller Beteiligten in die Herstellung und Aufrechterhaltung einer destruktiven Beziehungsdynamik ausgehen. Die amerikanische systemische Therapeutin (→ Therapie) Virginia Goldner schlägt aus diesem Grund die Position eines Sowohl-als-auch hinsichtlich systemischer und feministischer Haltungen vor, mit der auf die Übernahme der Verantwortung für ausgeübte Gewalt fokussiert werden kann, ohne dass zirkuläre Beziehungsmuster nach einer Seite hin aufgelöst werden müssen.
Hinsichtlich der Empirie bezüglich Beziehungsgewalt gibt es sehr unterschiedliche Befunde, deren Diskrepanzen in erster Linie auf die → Kontexte zurückgeführt werden können, in denen sie erhoben worden sind. Untersuchungen, die angezeigte Fälle von Gewalt bzw. das Ausmaß behandlungsbedürftiger körperlicher (→ Körper) Verletzungen zur Grundlage haben, zeigen ein extrem hohes Maß männlicher Gewalt gegen Frauen auf. Zahlreiche Familienkonfliktstudien (→ Familie; → Konflikt), die Beziehungsgewalt jenseits der polizeilich bekannten Fälle exploriert haben, ergaben jedoch bei Männern und Frauen eine erstaunliche Gleichverteilung von Gewalthandlungen in Beziehungen (Straus 1999). Davon ausgenommen sind Fälle sexueller (→ Sexualität) Gewalt und des »patriarchalischen Terrorismus«, die in der Regel von Männern ausgeübt werden.
Auch wenn tradierte männliche Rechte der Gewaltausübung in der Spätmoderne zu Recht geächtet sind, ist Partnergewalt in heutigen Beziehungen, die durch hohe emotionale → Erwartungen einerseits, eine formale Unbestimmtheit hinsichtlich der → Rollen und → Funktionen andererseits charakterisiert sind, keine Seltenheit. Räumliche Nähe und vorhandene Interessenkonflikte schaffen ein hohes Aktivationsniveau und erzeugen ein Spannungsfeld von → Autonomie und Abhängigkeit und damit verbundene Konfliktpotenziale. Die Möglichkeit, Konflikte innerhalb der Beziehung in guter Weise zu lösen, wird von den zur Verfügung stehenden → Ressourcen des Paares (vergleiche auch → Gewalt gegen Kinder) beeinflusst. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Bindungsdynamik des Paares. Nicht selten verbinden sich Partner und Partnerinnen mit einem komplementären Bindungsverhalten, nämlich einem unsicher vermeidenden (emotional vermeintlich reduziertem) einerseits, ängstlich ambivalenten (anklammernd anklagendem) anderer-
seits.
Aus systemischer Perspektive lässt sich die Paarbeziehung als Dyade verstehen, die ihre Stabilität immer wieder neu gewinnen muss. Konfliktsituationen werden von den Partnern und Partnerinnen häufig so konnotiert, dass dem jeweils anderen die Schuld für die Beziehungssituation zugeschrieben und sein Verhalten als kausal für die eigene Reaktion verstanden wird. Auf diese Weise kommt es zur Etablierung zirkulärer Muster, die – verbunden mit einer dementsprechenden emotionalen Intensivierung – symmetrisch oder komplementär eskalieren können. Oft werden solche Eskalationen nur durch Erschöpfung beendet, das Verhalten der Partner und Partnerinnen wird zunehmend vom aktuellen Verlauf der Auseinandersetzung bestimmt. Murray Straus (1999) hat in seinen → Forschungen mit der Conflict Tactics Scale die Stufen der Eskalation bis hin zur Gewalt beschrieben.
Im Versuch konflikthafte Dyaden zu stabilisieren, kommt es häufig zu Triangulierungen. Triangulierungen erlauben dem Paar, sich gegen Dritte zu verbünden (zum Beispiel gegenüber den Ursprungsfamilien) oder aber Dritte als Bündnispartner für einen der Beteiligten heranzuziehen. Virginia Goldner hat den zyklischen Charakter vieler Gewaltkonflikte in Paarbeziehungen eindrucksvoll beschrieben, in denen auf die Konflikteskalation hin zur Gewalt Versöhnung und Verzeihung folgen. Die Versöhnung des Paares nach gewalttätiger Eskalation wird jedoch in der Regel Dritten gegenüber geheim gehalten, da sie von der Seite sozialer Normen her nicht akzeptabel und daher schambesetzt ist (Goldner et al. 1992). Überhaupt ist die Gewalt in Paarbeziehungen von starken Affekten der Wut, Angst, Verachtung und Scham begleitet.
Im Unterschied zu feministischen Positionen, die in der Regel eine Trennung von Tätern und → Opfern in der → Therapie fordern, stellt die Systemische Therapie Gewalt in den Kontext der Paarbeziehung und ihrer → Umwelt. Auch wenn sie keine linearen Kausalannahmen vornimmt, sondern die Gewalt als zirkulär verursacht betrachtet, sieht auch sie die Verantwortung für sein Handeln allein beim gewalttätigen Partner bzw. der Partnerin. Der paartherapeutische Kontext ermöglicht die Zeugenschaft der Therapeuten und Therapeutinnen, die auf der einen Seite moralische Intensität hinsichtlich der Normverletzung erzeugt, auf der anderen Seite auch eine gesellschaftliche (→ Gesellschaft) Realität bekräftigt. → Ziel der Therapie ist die Veränderung der gemeinsamen Situation des Paares. Der therapeutische Kontrakt hat zur Voraussetzung, dass keine weitere Gewalt in der Beziehung mehr vorkommt.
Außer um den Aspekt der Sicherheit geht es in der Kontraktphase um den Aufbau von Motivation, was gelegentlich dadurch erschwert wird, dass sich beide Partner und Partnerinnen in der Opferposition sehen beziehungsweise die Täter oder Täterinnen keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen wollen. Vor einem solchen Hintergrund empfiehlt sich zu Beginn eine Konsultation von drei bis fünf Sitzungen, in denen die Frage der Sicherheit aller Beteiligten gründlich geklärt wird. In dieser Phase sollte der Fokus auf der Identifizierung und Unterbrechung von Konfliktmustern liegen, die gewalttätiges Verhalten hervorbringen können. Gemeinsam mit den Partnern und Partnerinnen werden Musterunterbrechungen für kritische Situationen entwickelt und eingeübt, wie zum Beispiel Time-out, Regulierung der räumlichen Nähe, Umgang mit Alkoholkonsum, Identifizierung von Handlungsstoppern und regulierenden → Ritualen sowie die Unterstützung durch Dritte (durch Telefonanruf etc.). Fühlen sich die Partner und Partnerinnen ausreichend sicher, kann eine → Dekonstruktion vergangener Gewaltepisoden auf der Mikroebene hilfreich sein. Durch die Arbeit mit Submodalitäten der Wahrnehmung können innere und äußere Auslöser identifiziert werden, innere Bilder und Stimmen sowie Körperwahrnehmungen erkannt und als Warnsignale eingesetzt werden. Nicht zuletzt geht es auch um die Identifizierung von Verzweigungspunkten in der inneren Wahrnehmung von Situationen, die den Konfliktpartnern und -partnerinnen Entscheidungen über den Ausstieg aus der Situation und die Steuerung destruktiver Impulse erleichtern.
Auch wenn Gewalt in Paarbeziehungen ein wichtiges therapeutisches Thema ist und die Voraussetzung der Gewaltfreiheit für den Fortgang der Therapie erfüllt sein muss, ist nicht die Gewalt der zentrale Fokus der Therapie des Paares, sondern vielmehr die Gesamtheit seiner Konflikte und Problemlagen.
Verwendete Literatur
Goldner, Virginia (1993): Sowohl als auch. Familiendynamik 18 (3): 207–222.
Goldner, Virginia, Peggy Penn, Marci Sheinberg u. Gillian Walker (1992): Liebe und Gewalt: Geschlechtsspezifische Paradoxe in instabilen Beziehungen. Familiendynamik 17 (2): 109–140.
Kirschenhofer, Sabine u. Klaus Schmidsberger (2010): Macht … Gewalt … hilflos? – Gewalt als Thema in der Paartherapie. In: Andrea Brandl-Nebenhay u. Joachim Hinsch (Hrsg.): Paartherapie und Identität. Denkansätze für die Praxis. Heidelberg (Carl-Auer), S. 173–199.
Retzer, Arnold (1993): Die Gewalt der Eindeutigkeit – Die Mehrdeutigkeit der Gewalt. Zum Verhältnis von Liebe, Vernunft und Gewalt. Familiendynamik 18 (3): 223–254.
Straus, Murray A. (1999): The controversy over domestic violence by women. A methodological, theoretical, and sociology of science analysis. In: Ximena B. Arriaga a. Stuart Oskamp (eds.): Violence in intimate relationships. Thousands Oaks/London/New Delhi (Sage), pp. 17–44.
