Gewalt (gegen Kinder)

engl. violence against children, franz. violence f contre les enfants; Die Einstufung körperlicher Gewalt (→ Körper) gegen → Kinder als soziales → Problem ist ein Produkt der Spätmoderne, das als Beispiel für die erfolgreiche gesellschaftliche → Konstruktion von Problemen und die damit verbundene Durchsetzung gesellschaftlicher (Be-)Hand­lungsprogramme angesehen werden kann. Noch zu Beginn der 1960er-Jahre wurde Kindesmisshandlung (→ Misshandlung) in der Politik und Wissenschaft ebenso wenig als zu bearbeitendes soziales Problem betrachtet wie in der klinischen und beraterischen Praxis. Durch die Kinderschutzbewegung in den 70er- und frühen 80er-Jahren wurde in Deutschland ein neuer, hilfeorientierter (→ Helfen) Kinderschutzdiskurs in Gang gebracht, der mittlerweile zu einem breiten Konsens in Politik, Wissenschaft und Praxis geführt hat. Die Ächtung von Gewalt gegen Kinder hat nicht nur Gesetzeskraft erhalten, sondern ist auch in den öffentlichen Diskursen der Massenme­dien moralisch fest verankert. Diese allgemeine Akzeptanz verdeckt den Konstrukt­charakter sozialer Probleme und lässt ihre Ächtung als etwas Selbstverständliches er­scheinen.


Unabhängig von allen Diskursen ist Gewalt gegen Kinder in → Familien ein empirisch nach wie vor bedeutsames Thema. Zu Vorkommen, Auswirkungen, Dia­gnostik (→ Diagnose) und → Intervention existiert mittlerweile eine kaum übersehbare Literaturmenge. Deegener und Körner (2005) geben in ihrem Handbuch einen guten Überblick: Eine systemische (→ System) Sicht auf Kindesmisshandlung betrachtet Gewalt immer im → Kontext eines größeren → Beziehungsgeschehens, als Verhalten zur Bewältigung mehr oder weniger komplexer (→ Komplexität) → Konfliktsituationen, die durch innere und äußere Rahmenbedingungen in Gang gebracht bzw. beeinflusst werden. Die Eigendynamik aggressiver und defensiver Copingstrategien eskaliert symmetrisch oder komplementär und ist ab einem bestimmten Punkt kaum noch steuerbar. Je mehr → Ressourcen den Familienmitgliedern zur Verfügung stehen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Eskalation in Beziehungen. Damit sind materielle (Arbeit, Einkommen, Wohnung), soziale (Nachbarschaft, soziale → Netzwerke, Dienstleistungen und Bildungsangebote), psychische (Selbst­regulierungsfähigkeit, Einstellungen und Überzeugungen; → Psyche) und biologische (Temperament, → Gesundheit etc.) Faktoren gemeint, die in Familien ebenso wie → Macht als Ressource immer ungleich verteilt sind. Gewalt kann als Machtmittel eingesetzt werden, aber auch die Abwesenheit von Macht kann Gewalt durchaus fördern (»ohnmächtige Gewalt«).


Für die praktische Arbeit mit gewaltausübenden Eltern (→ Elternschaft) ist von Bedeutung, ob von den Eltern ihre eigene Copingstrategie als positiv und erfolgreich (»notwendiger Teil der Erziehung«) oder als negativ und symptomatisch (»Ich habe als Erzieher versagt«) erlebt wird. Grundsätzliches Prinzip des systemischen Vorgehens bei Kindesmisshandlung ist die Arbeit mit dem ganzen Familiensystem, wobei das Setting natürlich nicht auf Familiensitzungen beschränkt ist, sondern ebenso Einzelsitzungen, Eltern- und Geschwistergespräche etc. umfassen kann. Die zugrunde liegende Haltung von »Hilfe statt Strafe« soll nicht nur die Kinder vor Gewalt, sondern auch die Eltern davor schützen, etwas zu tun, was ihren Kindern schadet und mit ihrem Bild von guter Elternschaft nicht vereinbar ist.


In Fällen von Kindesmisshandlung finden Beratung und Therapie unabhängig von der Motivationslage aufgrund der rechtlichen Situation immer in einem – zumin­dest impliziten – Zwangskontext statt. Er konstituiert für die Helfer ein Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle, dem man sich auch durch institutionelle Arbeitsteilung nur bedingt entziehen kann. Dementsprechend ist es wichtig, der Familie gegenüber eine klare und transparente Haltung bezüglich der Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit einzunehmen. Gewalt sollte weder dramatisiert noch verleugnet werden. Sie ist im Kontext einer lösungsorientierten (→ Lösung) Vorgehensweise auch nicht das eigentlich »zu Behandelnde«. Stattdessen geht es um die Identifizierung und Veränderung typischer interaktiver Verhaltensmuster sowie die daran beteiligten Affek­te und kognitiven Konstruktionen, die letztlich Gewalt als Bewältigungsmuster nahelegen. Das erfordert eine Haltung, die von Neugier und Interesse für alle Beteiligten gekennzeichnet ist und die Voraussetzung dafür darstellt, dass betroffene Akteure selbst ein Interesse für die Veränderung der eigenen Situation entwickeln können.


Zu Beginn einer Systemischen Therapie oder Beratung bei Kindesmisshandlung steht die Frage der Gewissheit, dass das Gewalthandeln nicht fortgesetzt wird, für alle Beteiligten im Vordergrund der → Auftragsklärung und Arbeitsvereinbarung. Ohne eine diesbezügliche Regelung (und Klärung für den Fall des Nichtgelingens) kann eine gemeinsame Arbeit nicht begonnen werden. Mitunter ist es sinnvoll (→ Sinn), für diese Klärung der Rahmenbedingungen auch mehrere Sitzungen im Sinne ei­ner Vorab-Konsultation in Anspruch zu nehmen, die gleichzeitig auch dem Aufbau von Änderungsmotivation dienen kann. Außer einer klaren Position hinsichtlich der Nichttolerierung von Gewalt ist die Schaffung einer positiven, vertrauensvollen the­rapeutischen Beziehung von zentraler Bedeutung. Der Zwangskontext erfordert aufseiten der Helfer und Helferinnen ausgeprägte Empathie, emotionale und kognitive Präsenz sowie gute Fähigkeiten der affektiven Regulation von Spannungssituationen.


Das übliche Methodenrepertoire der Systemischen Therapie wie zirkuläres Fragen (→ Zirkuläres Fragen), Reframing (→ Umdeutung), → Genogrammarbeit, Time-Line (→ Zeitstrahl) etc. ist gut dafür geeignet, Neugier auf Veränderungen anzustoßen. In Hinblick auf die Bearbeitung der Vergangenheit liegt der Fokus dabei nicht auf der → Schuldfrage, sondern auf der Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln und – im Hinblick auf die Zukunft – auf der Stärkung der Ressourcen bei Eltern und Kindern gleichermaßen.


Hinsichtlich der Bearbeitung gewaltrelevanter → Interaktionsmuster hat sich bewährt, auf der Verhaltensebene nach typischen Mustern/Interaktionsschleifen zu suchen und alternative Möglichkeiten der Musterunterbrechung zur Steigerung der Sicherheit im Familiensystem zu entwickeln (Aufgabenorientierung, → Rituale, Etablierung von Hilfesuch-Verhalten). Auf der Mikroebene sind die Beschäftigung mit Gewalt auslösenden inneren Körperwahrnehmungen und Bildern sowie die Identifizierung mentaler Verzweigungspunkte wichtig, die eine Entscheidung für Ver­hal­tensalternativen erlauben und damit die Steuerungskompetenz und das Selbstwert­gefühl (→ Gefühl) verbessern.


Systemische Therapie bei Gewalt in der Familie ist in der Regel keine Kurzzeittherapie, sondern braucht Zeit. Gerade in ressourcenarmen Systemen ist die gemeinsame Anstrengung unterschiedlichster Helfer und Hilfeeinrichtungen vonnöten. Die Kooperation im Hilfesystem (z. B. Helferkonferenzen) hat sich in den vergangenen Jahren verbessert, steckt aber aufgrund der Tendenz zu organisatorischen und rechtlichen Abgrenzungen der beteiligten Systeme immer noch in den Anfängen.


Auch wenn sich Systemische Therapie und Beratung hinsichtlich des Zugangs zu besonders schwierigen Klientensystemen bewährt haben, gelingt die erstrebte Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung in vielen Fällen nicht. Gerade bei einer dauerhaft feindseligen Haltung von Erwachsenen Kindern gegenüber – die häufig schädlicher als die physischen Gewaltakte ist – kann es notwendig und sinnvoll sein, über alternative Lebensmöglichkeiten für die Kinder nachzudenken.


Verwendete Literatur
Deegener, Günther u. Wilhelm Körner (2005): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Ein Handbuch. Göttingen/Bern/Toronto/Seattle (Hogrefe).


Weiterführende Literatur
Levold, Tom (1995): Hilfe! – Ein System. Was es bedeutet, Klienten bzw. Klientinnen und Helfer bzw. Helferinnen als ein gemeinsames System zu betrachten. Systeme 9 (1): 62–79.
Levold, Tom (1999): Helfer und Klienten zwischen Machtkampf und Beziehung. Einige Bedingungen für Erfolg in der Sozialen Arbeit. In: Hans-Ulrich Krause (Hrsg.): Einen Weg finden. Diskurs über erfolgreiche soziale Arbeit. Freiburg i. Br. (Lambertus).
Levold, Tom, Erhard Wedekind u. Hans Georgi (1993): Gewalt in Familien. Systemdynamik und therapeutische Perspektiven. Familiendynamik 18 (3): 287–311.


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