Kind

engl. children, franz, enfant m/f; bezeichnet zunächst einen offensichtlichen Unterschied und markiert die Grenze zum körperlich (→ Körper) größeren Erwachsenen. Auf der Suche nach den Ursprüngen entdecke ich zu meiner Überraschung einen beziehungsorientierten Horizont. Das Wort geht zurück auf das germ. substanti­vierte Partizip II kenba oder kenda = »gezeugt, geboren« (Duden 2007). Es verweist insofern direkt auf die Eltern (→ Elternschaft).


Bis zur Neuzeit waren Kinder kaum der öffentlichen Rede wert. Sie wurden lange als »Mangelwesen« angesehen, die gezielter (→ Ziel) → Erziehung bedürfen, und bestenfalls als »Nachwuchs« betrachtet. Im Jahre 1900 proklamierte die schwedische Reformpädagogin Ellen Key das »Jahrhundert des Kindes«. Fast 60 Jahre später rückte die Diskussion der UN-Kinderrechtskonvention Kindsein (being a child) zum ersten Mal in der Geschichte der Menschen in den Mittelpunkt eines weltweiten Diskurses. Kinder werden juristische und politische Subjekte, gleichwertig und gleichwürdig. Die Konvention legt die Grundrechte aller Kinder dieser Welt fest. Sie etabliert einen Rahmen für die → Partizipation der Kinder an politischen und juristischen Prozessen. Man einigte sich auf zwei Prinzipien, das Wohl des Kindes (child’s best interest) und die Sichtweisen des Kindes (children’s views), die für die Gesetzgebung und die Exekutive bindend werden.


Mit der systemischen (→ System) Brille auf der Nase bezeichnen wir Kinder als »Form«, wenn sie als → Personen adressiert werden, und als »Medium«, wenn sie erzogen oder therapiert (→ Therapie) werden. Erst ein Beobachter 2. Ordnung erkennt, dass mit der nützlichen Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen auch etwas verdeckt wird. Systeme (gelebte Vitalität, operativ geschlossene Innenwelten, Sprechen mit und über Kinder) werden damit noch gar nicht in den Blick genommen (vgl. Luhmann 2005).


Auf dem langen Weg durch die Kindheit hat jedes Kind Entwicklungsaufgaben und basale familiäre Veränderungskonstellationen zu bewältigen. In den ersten Wochen findet das Neugeborene zwischen den Polen »Aufgenommen-« und »Zurückgewiesenwerden« seinen Platz in der (familiären) Welt. Für Säugling und Kleinkind (1.–3. Lebensjahr) ist es lebenswichtig, die Bindung zur Mutter, in Notfällen auch zu Ersatzpersonen mitzugestalten, in der sie sich geborgen fühlen, aber auch → Auto­nomie erfahren können. In der frühen Kindheit (3.–5. Lebensjahr) wird die primäre → Triade ausgeformt. Das Kind experimentiert mit Nähe und Distanz zu Mutter und Vater, koaliert mal mit dem einen, mal mit der anderen, findet zwischen Solidarität und Konkurrenz, Zuneigung und Eifersucht seine Position in der → Familie. In der Mitte der Kindheit (6.–10. Lebensjahr) verfeinert es seine Fähigkeiten und etabliert auch außerhalb seiner Familie bedeutsame → Beziehungen. Die späte Kindheit
(11.–12. Lebensjahr) kennzeichnet das manchmal grausame Spiel sozialer Systeme (→ Sozialsystem) von Zugehörigkeit und Ausgeschlossensein, das sich bis in die Pubertät (13.–16. Lebensjahr) fortsetzt. In dieser Zeit intensivieren sich aggressive und sexuelle (→ Sexualität) Impulse. Es beginnt die Suche nach Grenzen. In der Adoleszenz werden die → Jugendlichen zu Baumeistern ihrer eigenen Biografie und formulieren im Spannungsfeld individueller (→ Individuum) Wünsche und gesellschaft­licher (→ Gesellschaft) → Erwartungen ihre ersten eigenen Lebensentwürfe.


Was ist eigentlich so anders in Familien mit Kindern? Im Zusammenleben ändert sich strukturell alles: Aus einem → Liebespaar (→ Paar) wird ein Erziehungsteam. Nach dem Pas de deux beginnt das Spiel zu dritt. Elternschaft ist unumkehrbar, die ge­stifteten Beziehungen sind unkündbar. Hurra, es ist ein Mädchen! Geschlechtsspezifisches Handeln schleicht sich ins Familienleben. Die Erziehung eines Kindes und die ökonomische Grundsicherung der Kleinfamilie erfordern heute mehr denn je eine geschickte Arbeitsteilung, häufig noch immer zulasten der Frau. Aber auch neue Spielräume tun sich auf. Kinder spielen, erzählen, hören gerne Geschichten, sie erfinden eine Symbolsprache für ihre Bedürfnisse, springen problemlos zwischen Fantasie und Realität hin und her. Kinder bringen alles mit, um in den verschiedensten denkbaren Welten zu überleben. Ihr genetisches → Gedächtnis birgt schließlich vier Millionen Jahre Menschheitsentwicklung. Aber dadurch leben sie immer auch noch mit einem Fuß in der Steinzeit (vgl. Renz-Polster 2009). Wie alle Primaten haben auch Säuglinge eine angeborene Neigung, sofort die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Ein Baby ist Weltmeister der Beziehungsgestaltung. Sein Leben ist von Geburt an ein Gemeinschaftswerk. Es kann alle sensomotorischen Aktivitäten der Mutter lesen, ihre Blicke, ihren Gesichtsausdruck, ihre Gesten und Stimmungen. Das eigentliche Fundament von Bindung sind das alltägliche Miteinander (→ Alltag) sowie die faszinierende Fähigkeit, die unvermeidlichen Störungen des gemeinsamen Tanzes aufzufangen, → Irritationen zu überwinden und Brüche zu kitten. Eine sichere Bin­dung ist nach allem, was wir wissen, essenziell für eine geglückte Kindheit (Schiffer 2001).


Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, sind wir Menschenkinder aber auch die weitaus hilflosesten Primaten. Deshalb setzen Kinder stets auf hilfs­be­reite Erwachsene und eine friedfertige Welt. Nicht immer finden sie das vor, was sie brauchen. Die wichtigsten Risiken für eine gesunde Entwicklung sind → Gewalt (gegen Kinder), Sucht (→ Abhängigkeit), → Krankheit und → Armut. Die Auswirkungen früher Bin­dungs­störungen auf die Entwicklung eines Babys, seines Gehirns und seiner Persönlichkeit sind im späteren Leben nur schwer korrigierbar.


Professionelle Hilfe (→ Helfen) jeglicher Couleur strukturiert sich immer als soziales System. Das Kind ist zwar Auslöser, aber ganz selten Initiator. Fast immer sind es die sorgeberechtigen Eltern oder besorgte Menschen aus seinem Umfeld. Ihnen fällt etwas auf. Sie machen sich Sorgen, ertragen seine Stimmung oder sein Ver­halten nicht mehr, sie konstatieren als Erste den (Be-)Handlungsbedarf. Die wich­tigsten Ingre­dienzien systemischer → Beratung oder Therapie sind eine Haltung ähnlich der einer »feinfühligen Mutter«, die Kompetenz zu entwicklungsfördernden Dialogen und → Rollenflexibilität. Bezogen auf das Kind und mit Blick auf die Eltern, öffnen sich vier Fragenhorizonte, sie betreffen: das körperliche, kognitiv-emotionale und soziale Entwicklungsalter des Kindes und die Beziehungen innerhalb der primären Triade. Da alle Eltern auch einmal Kind waren, stellt sich die Frage: Erleichtert oder erschwert ihre Erfahrung das Verständnis für ihr Kind? Wie viel muss ein Kind aushalten können, ohne auffällig oder krank zu werden? Rekonstruiert man die Fami­liengeschichte mehrgenerational, findet man fast immer ein »schwarzes Schaf« oder jemanden mit ähnlichen Schwierigkeiten. Jeder und jede Professionelle, der oder die mit Kindern arbeitet, muss vielsprachig sein, seine eigene Sprechweise und Körpersprache verfeinern, die Bilder- und Symbolsprache eines Kindes beherrschen sowie ein oder eine kreative/r und inspirierende/r Mitspieler oder Mitspielerin auf der gemeinsamen Bühne sein.


Unterwegs zu einer guten Praxis begegnet man unweigerlich dem Kind, das man selbst einmal war, lernt, familiäre und institutionelle Aufträge (→ Auftrag) auszuta­rieren (→ Auftragskarussell), für das kindliche Hilfeersuchen hellhörig zu werden so­wie mit variablen Settings zu jonglieren.


Verwendete Literatur
Charlton, Michael, Christoph Käppler u. Helmut Wetzel (2003): Einführung in die Entwicklungspsychologie. Weinheim (Beltz).
Grieser, Jürgen (2015): Triangulierung. Gießen (Psychosozial Verlag).
Luhmann, Niklas (2005): Das Kind als Medium der Erziehung. Frankfurt a. M. (Suhrkamp). In: ders. (Hrsg.): Soziologische Aufklärung. Band 6: Die Soziologie und der Mensch. Wiesbaden (Springer VS).
Pesso, Albert u. Lowijs Perquin (2008): Die Bühnen des Bewusstseins. Oder: Werden, wer wir wirklich sind. München (CIP).
Renz-Polster, Herbert (2009): Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. München (Kösel).
Schiffer, Eckard: (2001): Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahn­dung. Weinheim (Beltz).
Wetzel, Helmut (2004): Psychologie der Kindheit. In: Deutsches Kinderhilfswerk (Hrsg.): Kinderreport Deutschland. München (Kopaed).


Weiterführende Literatur
Gammer, Carole (2007): Die Stimme des Kindes in der Familientherapie. Heidelberg (Carl-­Auer), 2. Aufl. 2009.
Retzlaff, Rüdiger (2008): Spielräume. Lehrbuch der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart (Klett-Cotta).
Rotthaus, Wilhelm (Hrsg.) (2001): Systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Heidelberg (Carl-Auer), 5. Aufl. 2021.


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