Lebensführung

engl. conduct of life, franz. organisation f de la vie; gemeinhin mit Lebenswandel, Da­seins­weise oder Lebensstil gleichgesetzt bzw. als Zusammenhang von lebenspraktisch notwendigen Tätigkeiten definiert. Oberflächenhaft umschreibt Lebensführung ver­einfacht alles Handeln eines  Individuums in Verbindung mit seiner gesellschaft­lichen Daseinssicherung. Seit Max Webers religionssoziologischen Untersuchungen betont die Formel »rationale Lebensführung« bis heute nicht allein die Möglichkeit, sondern vielmehr deren irrationales Umschlagen in einen gesellschaftsweiten Zwang zu einer methodischen, »wirtschaftlich-rationalen« bzw. einer »aktiven, planvollen« Gestaltung des Lebens des Einzelnen. Lebensführung reüssiert neuerdings in der subjektorientierten Perspektive (Voß 1991; Kudera u. Voß 2000; Amrhein 2008), hat aber als system(theoret)ischer Begriff aufgrund seines geringen Diskriminierungspotenzials keinerlei Tradition vorzuweisen.


Lebensführung ist zunächst ein multisystemischer ( System) Tatbestand: Mensch­liches Leben, d. h.,


»Autopoiesis qua Leben und qua Bewusstsein, ist die Voraussetzung der Bildung sozialer Systeme, und das heißt auch, dass soziale Systeme eine eigene Reproduktion nur verwirk­lichen können, wenn die Fortsetzung des Lebens und des Bewusstseins gewährleistet ist« (Luhmann 1984, S. 297).


 Sozialsysteme reproduzieren sich jedoch ausschließlich durch  Kommunikation und nicht etwa durch biologische oder psychische ( Psyche) Prozesse: Die Gesellschaft ist weder ein Superorganismus noch ein riesiges Gedankengebilde. Das bedeutet systemtheoretisch zugleich, dass der Mensch als Dualität von Organismus und psychischem System nie Teil (Element) der sozialen Systeme der  Gesellschaft wird, sondern in deren  Umwelt verbleibt und je nach Bezugsproblem versuchen muss, sozial relevant zu werden oder zu bleiben. Lebensführung lässt sich allgemein als soziale Interpretation der Inanspruchnahme sozialer Systeme der Gesellschaft durch einen Menschen (vgl. Luhmann 1984, S. 286, 294) – und vice versa – lesen. Lebensführung erlaubt es, das Prozessieren polykontextural gekoppelter Selektionen von  Sinn (in seinen Sozial-, Sach-,  Zeit-,  Raumdimensionen) Menschen, Individuen, Leuten, sprich: »Adressen« (Fuchs 1997) zuzurechnen. Lebensführung ist – systemtheoretisch – we­der ein sich »selbst organisierendes System« (so Voß 1991); noch eine »Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft« (so Kudera u. Voß 2000), da sich die Operationen von biologischen, physischen und sozialen Systemen nie (über)schneiden; und auch kein Medium, da Lebensführung keine »Außenbedingt­heit« (Fritz Heider, zit. nach Lehmann 2002, S. 386) darstellt.) Die Grundstruktur von Lebensführung ist die sinnhaft geordnete Prozession von raum-zeitlich selegierten  Inklusionen in die autonom operierenden Teilsysteme der Gesellschaft, deren  Ressourcen für die  Autopoiesis eines Individuums als unabkömmlich gelten (wie Familie, Bildung, Arbeit etc.).


Der Mensch von heute lebt sein Leben selbst, er kann es aber nicht allein, sondern ist auf andere Akteure mitangewiesen. Die  Funktion der Lebensführung in der unter dem Primat funktionaler Differenzierung stehenden Gesellschaft ist, dem folgend, die Aufrechterhaltung der sinnhaft regulierten biopsychischen Autopoiesis eines Individuums und daran orientierter Inklusionen. Die bevorzugte  Beobachtungsform für Lebensführung ist die Differenz von Inklusion und  Exklusion (bzw. Inklusion/Nichtinklusion; vgl. Hafen 2007). Lebensführung kann als das sinnhafte Arrangieren und Selegieren von Kombinationen von Inklusion/Nichtinklusion verstanden und empirisch als »Inklusionsprofil« (Burzan et al. 2008) hinbeobachtet werden (Fuchs 2003, S. 37). Die system(theoret)ische Analyse von  Problemen der Lebensführung und damit einhergehenden  Beratungs-, Erziehungs-, Hilfs- ( Helfen),  Therapiebedarfen hat den Sinn, funktional äquivalente Möglichkeiten ihrer Bearbeitung zu finden, und zwar im Hinblick auf jeweils sehr unterschiedliche, sich selbst verstärkende Bezugsprobleme wie z. B. Isolation,  Tod,  Krankheit, Sinngebung,  Identität,  Erwartungsenttäuschung, Nichtverstehen ( Verstehen),  Konflikte,  Gewalt,  Misshandlung,  Arbeitslosigkeit,  Armut usw.


Lebensführung unterstellt die Möglichkeit eines Individuums, sein Leben führen, d. h., es sinnhaft ordnen, es zeitlich organisieren, es psychosomatisch regulieren, sich mit widrigen Umständen arrangieren zu können und – wie vage auch immer – ­einen Entwurf oder eine Idee davon zu haben, was es sich unter einem lebenswerten, gelungenen Leben vorstellt. Ab dem ersten Inklusionsmoment (dem Streicheln der Bauchdecke der werdenden Mutter) bis zur letzten irreversiblen Exklusion als Sterbender und bis zu dem damit verbundenen endgültigen Funktionsverlust des biologischen Systems durchzieht die Lebensführung des Individuums eine unaufhebbare Diskrepanz, eine sinnsysteminterne Entzweiung, nämlich die Unterscheidung von Wirklichkeit (Aktualität) und Möglichkeit (Potenzialität; Luhmann 1984). Das Gelassenheitsgebet Reinhold Niebuhrs (1943):


»Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden«,


verweist auf das dämonische Grundproblem jeder modernen Lebensführung, denn diese ist nur noch als Ambivalenz zu haben (Wirth 2014). Das gerade jetzt geführte Leben (der Partner, den man jetzt gerade – leider – hat; das jetzige, eher zu niedrige Einkommen im Vergleich zu anderen) misst sich permanent an den Möglichkeiten, die auch verfügbar sind bzw. waren.


Für systemisches Arbeiten kann Lebensführung (1) als Hintergrund für Case-Assess­ment und  Diagnose genutzt werden, z. B. durch die Erstellung von »Inklu­sionscharts« (Pantucek 2006); (2) als  Interventionshorizont fungieren: Für Lebensführung stehen fraglos geltende, wie selbstverständlich handlungsleitende Normen und ausgeprägte, zunächst kaum veränderlich scheinende Routinen, Automatismen und Gewohnheiten. Das Ziel systemischen Arbeitens lautet insofern, wiederkehrende Muster von Interpretation und Zurechnung zu erkennen, zu nutzen, neue zu erfinden oder als problematisch beobachtete Muster zu stören. (3) Das Minimalziel jedes auf Lebensführung bezogenen professionellen Handelns ist das Zurechtkommen der Adressaten/Klientinnen im Alltag, das Gelingende und das »Das schaff ich!« bis hin zum voraussetzungsvollen, als »selbstbestimmt« beschriebenen Arrangieren und Reali­sieren von Inklusionschancen. Lebensführung wird somit zum globalen  Evalua­tionshorizont systemischen Arbeitens. Sinnvoll scheinen eine Diskussion und eine  Forschung über die Gestaltung von Lebensführung als Gestaltung von Inklusionschancen zu sein, die danach fragen, wie Arrangements modelliert sein müssen, die Individuen als  Personen eine Entfaltung ihrer je unterschiedlichen Fähigkeiten in polykontexturalen Situationen ( Kontext) erlauben.


Verwendete Literatur
Amrhein, Ludwig (2008): Drehbücher des Alter(n)s. Die soziale Konstruktion von Modellen und Formen der Lebensführung und -stilisierung älterer Menschen. Wiesbaden (Springer VS).
Baltes, Peter (1993): Lebenstechnik. Eine kritische Theorie des Alltags. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Burzan, Nicole, Brigitta Lökenhoff, Uwe Schimank u. Nadine M. Schöneck (2008): Das Publikum der Gesellschaft. Inklusionsverhältnisse und Inklusionsprofile in Deutschland. Wiesbaden (Springer VS).
Fuchs, Peter (1997): Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie. Soziale Systeme 3 (1): 57–79.
Fuchs, Peter (2003): Der Eigen-Sinn des Bewußtseins. Die Person, die Psyche, die Signatur. Bielefeld (Transcript).
Hafen, Martin (2007): Inklusion als operativer Begriff. Luzern (unveröffentl. Manuskript).
Kudera, Werner u. Gerd Günter Voß (Hrsg.) (2000): Lebensführung und Gesellschaft. Opladen (Leske + Budrich).
Lehmann, Maren (2002): Inklusion – Beobachtungen einer sozialen Form am Beispiel von Religion und Kirche. Frankfurt a. M. (Humanities Online).
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Luhmann, Niklas (1992): Beobachtungen der Moderne. Opladen (Westdeutscher Verlag).
Niebuhr, Reinhold (1943). Unveröffentl. Gedichtfragment.
Pantucek, Peter (2006): Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis sozialer Arbeit. Wien (Böhlau).
Scherr, Albert (2001): Soziale Arbeit als organisierte Hilfe in der funktional differenzierten Gesellschaft. In: Veronika Tacke (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. Wiesbaden (Westdeutscher Verlag), S. 215–235.
Scherr, Albert (2002): Soziale Probleme, Soziale Arbeit und menschliche Würde. Sozial Extra 6: 35–39.
Sifton, Elisabeth (2001): Das Gelassenheits-Gebet. München (Hanser).
Spencer-Brown, George (1969): Laws of form. Gesetze der Form. Lübeck (Bohmeier), 2. Aufl. 1999.
Voß, Gerd Günter (1991): Lebensführung als Arbeit: Über die Autonomie der Person im Alltag der Gesellschaft. Stuttgart (Enke).
Weber, Max (1904/05): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. In: Directmedia (Hrsg.): Max Weber. Gesammelte Werke. Berlin (Directmedia), elektronische Ausgabe 2004.
Weber, Max (1922): Wirtschaft und Gesellschaft. In: Directmedia (Hrsg.): Max Weber. Gesammelte Werke. Berlin (Directmedia), elektronische Ausgabe 2004.
Wendt, Wolf Rainer (1990): Ökosozial denken und handeln. Grundlagen und Anwendungen in der Sozialarbeit. Freiburg i. Br. (Lambertus).
Wirth, Jan V. (2014): Lebensführung als Systemproblem. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Wiesbaden (Springer).


Weiterführende Literatur
Wirth, Jan V. (2021): Wohnungsnot als Problem der Lebensführung und Sozialer Arbeit. In: Frank Sowa (Hrsg.): Figurationen der Wohnungsnot. Kontinuität und Wandel sozialer Praktiken, Sinnzusammenhänge und Strukturen. Weinheim (Beltz Juventa), S. 665–682.
Wirth, Jan V. u. Heiko Kleve (2020): Von der gespaltenen zur verbundenen Lebensführung. Systemische Wege für das alltägliche Leben. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).


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