Konstruktivismus

Beim Konstruktivismus, einer Variante der Erkenntnistheorie, handelt sich um eine interdisziplinäre Denkschule mit stark naturwissenschaftlich-biologisch geprägten Wurzeln und einer besonderen Relevanz für das Verständnis systemischen (System) Arbeitens. Konstruktivisten leugnen die Existenz einer Außenwelt nicht, verneinen aber ihre voraussetzungsfreie Erkennbarkeit und fragen stets nach dem Zustandekommen von Realitätskonzepten. Sämtliche Spielarten konstruktivistischer Theoriebildung teilen überdies die fundamentale Annahme, dass Erkenntnis nicht auf einer Korrespondenz mit einer externen Wirklichkeit (Korrespondenztheorie der Wahrheit) beruht, sondern stets und unvermeidlich auf den viablen (das heißt: den nützlichen und brauchbaren; Viabilität) Konstruktionen eines Beobachters, eines Erkennenden (Glasersfeld 1996, S. 191 ff.). Allerdings: Konstruktion ist kein individueller Schöpfungsakt, kein bewusst steuerbarer Vorgang, sondern vielfältig bedingt durch Natur und Kultur, Geschichte, Sprache und Medien.

Die zentralen Wurzeln des Konstruktivismus liegen in der Neurobiologie, der Wissenssoziologie, der Kybernetik, der Geschichte der Philosophie und der Psychologie (Psyche) bzw. Psychotherapie (vgl. einführend Pörksen 2002). Vertreter eines neurobiologisch orientierten Konstruktivismus (wie etwa der Biologe und Systemtheoretiker Humberto R. Maturana) erforschten die Prozesse der Farbwahrnehmung und Gestalterkennung und machten darauf aufmerksam, dass das Gehirn (eines Menschen) keinen direkten Umweltkontakt besitzt: Das Nervensystem gilt ihnen als operativ geschlossen. Erst im Gehirn, so die Annahme, wird aus der Einheitssprache neuronaler Ereignisse eine unendlich nuancenreiche Wahrnehmungswelt konstruiert. Die sozialkonstruktivistische und wissenssoziologische Richtung basiert demgegenüber auf der These, dass nicht das (einzelne) Gehirn der entscheidende Wirklichkeitsproduzent ist, sondern dass Realität im Gefüge der Gesellschaft und der jeweiligen Kultur entsteht. Der Einzelne erscheint demgemäß als form- und prägbar durch die ihn umgebende Kultur, sieht die Welt vor dem Hintergrund seiner Herkunft und ist empfänglich für Außeneindrücke, deren Spuren sich im Prozess der Sozialisation zunehmend erhärten und verfestigen.Der Mathematiker und Physiker Heinz von Foerster hat die kybernetische Richtung des Konstruktivismus begründet und das kybernetische Fundamentalprinzip – die Idee der Zirkularität bzw. der zirkulären Kausalität – zu Ende gedacht und zur Selbstanwendung geführt: Entstanden ist ein dynamischer, mit Paradoxien und zirkulären Theoremen operierender Denkstil, der als Kybernetik der Kybernetik (oder auch als: Kybernetik zweiter Ordnung) bezeichnet wird. Dieser Denkstil hat den Konstruktivismus und die Systemtheorie gleichermaßen geprägt, geht es doch stets um die logischen und methodischen Probleme, die die Beobachtung des Beobachters unvermeidlich mit sich bringt.

Philosophiegeschichtlich interessierte Konstruktivisten (prominentes Beispiel: der Psychologe Ernst von Glasersfeld) haben immer wieder eine Art Ahnengalerie beschrieben: Elemente konstruktivistischen Denkens finden sich etwa, so lässt sich zeigen, bereits bei den frühen Skeptikern, in den Werken von Giambattista Vico, Immanuel Kant und dem späten Ludwig Wittgenstein. Der Konstruktivismus erscheint – so gesehen – als ein epochenspezifisch begründeter Skeptizismus; er gibt dem fundamentalen Erkenntniszweifel ein neues, zeitgemäßes Fundament (Glasersfeld 1996, S. 56 ff.). Die psychologische und psychotherapeutische Begründung des Konstruktivismus geht auf den französischen Lerntheoretiker Jean Piaget, aber vor allem auf die Palo-Alto-Schule zurück, die sich um Therapeuten wie Don D. Jackson und Paul Watzlawick formiert hat und sich u. a. auf die Arbeiten des Anthropologen Gregory Bateson bezieht. Die Vertreter dieser therapeutisch ausgerichteten Schule teilen mit den konstruktivistischen Theoretikern ein gemeinsames Ziel: die Beobachtung der Konstruktion von Wirklichkeit. Ihr Kernanliegen besteht jedoch darin, dass sie nicht nur beobachten und analytisch rekonstruieren, sondern Leid erzeugende Kommunikationsmuster, Konflikt erzeugende Formen der Interaktion gezielt zu verändern trachten. Zahlreiche Konzepte der Kommunikationstheorie resultieren aus den Arbeiten dieser konstruktivistisch und systemisch orientierten Psychologen. Zu nennen sind etwa die so genannten Axiome der Kommunikation, die Entdeckung zirkulärer Kommunikationsmuster (Zirkuläres Fragen), die systematische Orientierung an Deutungen (= Wirklichkeiten zweiter Ordnung im Sinne von Paul Watzlawick) und nicht an Wahrheiten. Gegenwärtig zeichnet sich ab, dass die einst bestimmenden Konzepte der Gründergestalten (Humberto R. Maturanas Theorie der Autopoiesis, Heinz von Foersters Konzepte zur Selbstorganisation von Systemen, Ernst von Glasersfelds philsophiegeschichtliche Rekonstruktionen u. a.) an Einfluss verlieren und man in unterschiedlichen Feldern (Pädagogik, Management, systemische Therapie) immer entschiedener zur Anwendung und Umsetzung der Grundideen vordringen möchte; die Phase der großen, paradigmatischen Debatten, die einst die systemische Welt elektrisierten, ist längst einer pragmatischen Praxisorientierung gewichen. Dabei zeigt sich gleichwohl: Der Konstruktivismus ist kein triviales Erzeugungsprogramm, das bestimmte Einsichten notwendig erzwingt; insofern fehlt ihm eine unmittelbare, gleichsam rezeptförmige Relevanz. Der eher indirekte Nutzen liegt darin, dass diese Denkschule ein Reservoir für neue Perspektiven und Beobachtungsmöglichkeiten darstellt: Die konstruktivistischen Überlegungen sensibilisieren für einen kritischen Umgang mit trivialen, monokausal und linear angelegten Kommunikations- und Wirkungskonzepten. Sie entziehen einer naiven Wissenschafts- und Faktengläubigkeit die Grundlage; sie irritieren ein im Kern realistisches Berufs- und Krankheitsverständnis (psychische Erkrankungen als Realitätsabweichungen) und betonen die Eigenverantwortung des therapeutischen Beobachters.

Verwendete Literatur und Quellen

Glasersfeld, Ernst von (1996): Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Pörksen, Bernhard (2002): Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus. Heidelberg (Carl-Auer).

Weiterführende Literatur

Berger, Peter L. u. Thomas Luckmann (1997): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M. (Fischer), unveränderter Abdruck der 5. Aufl.

Maturana, Humberto R. (1998): Biologie der Realität. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Foerster, Heinz von u. Bernhard Pörksen (1998): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker. Heidelberg (Carl-Auer).

Pörksen, Bernhard (Hrsg.) (2011): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Wiesbaden (VS).

Watzlawick, Paul (Hrsg.) (1994a): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. München/Zürich (Piper), 8. Aufl.

 

Dieser Essay ist ein Extrakt der Veröffentlichungen des Autors zum Themenkomplex „Konstruktivismus“ und verarbeitet frühere Publikationen (Handbuchartikel, einführende Darstellungen) des Autors.