engl. interaction, franz. interaction f, aus dem lat. inter = »zwischen« und lat. actio = »Tätigkeit, Wirkung, Vorgang«; bezeichnet eine Wechselbeziehung zwischen Organismen oder → Personen unter Bedingungen von Anwesenheit.
George Herbert Mead (1934/1973) sah, Sozialpsychologie und philosophischen Pragmatismus miteinander verbindend, in der Anpassung von Organismen an ihre je aktuelle Situation die Grundlage des Handelns. Anpassung erfolgt insbesondere an das Verhalten anderer Organismen, die damit in der Interaktion eine gemeinsame soziale Handlung (»common social act«) vollziehen. Ermöglicht wird die Anpassung durch Gesten, d. h. Handlungsphasen, die eine bestimmte Gesamthandlung anzeigen und spezifische Reaktionen auslösen (z. B. Knurren und Zähnefletschen eines Hundes, das einen Angriff einleitet und gleichzeitig als Geste diesen Angriff objektiv anzeigt, sodass ein anderer Hund etwa mit Unterwerfungsgesten reagiert). Wenn die objektive Bedeutung von Gesten auch subjektiv im Bewusstsein der Beteiligten verankert ist, fungieren Gesten als signifikante Symbole innerhalb eines → Kommunikationszusammenhangs.
Daran anknüpfend, stellt der symbolische Interaktionismus, u. a. durch Herbert Blumer vertreten, das Anzeigen und Antizipieren von Bedeutungen durch die Handelnden auf der Grundlage von sprachlichen und nichtsprachlichen Symbolen in den Mittelpunkt. In der Interaktion reagieren Akteure nicht einfach auf Handlungen anderer Akteure, sondern interpretieren sie und schließen auf dieser Basis mit eigenen Handlungen an (Blumer 1969, p. 78 f.). Anders als bei Mead erscheinen die subjektiven Deutungen der Situation durch die Akteure hier als Voraussetzung und nicht als Derivat der Interaktion.
Während der symbolische Interaktionismus die fortwährende Aushandlung von Bedeutungen in der Interaktion betont, interessiert Erving Goffman sich für die Interaktion als einen besonderen Fall sozialer Ordnung, dessen Regelstrukturen es herauszuarbeiten gilt. Diese ergeben sich nicht in erster Linie aus dem Bemühen, mittels Symbolen in der Interaktion übereinstimmende Situationsdeutungen herzustellen. Vielmehr sind Personen unter Bedingungen von Anwesenheit ständig mit ihrer Selbstdarstellung befasst (Goffman 1959). Nicht nur Symbole, sondern jegliches wahrnehmbare Verhalten sind bzw. ist für diese Selbstdarstellung relevant.
Die biologische Kognitionstheorie von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela (1980) geht ähnlich wie Mead von Organismen in Relation zu anderen Organismen und weiteren Aspekten ihrer jeweiligen → Umwelt aus. Lebewesen werden aber als → Systeme aufgefasst, deren Eigenschaften sich aus ihrer → Autopoiesis ergeben. Interaktion bezeichnet hier jede Wechselwirkung zwischen Komponenten eines Systems oder dem System und seiner Umwelt. → Sozialsysteme sind diesem Verständnis nach das Resultat der Interaktion lebender Systeme als Komponenten.
Niklas Luhmann behandelt unter dem Stichwort »Interaktion« dagegen einen bestimmten Typus sozialer Systeme. Interaktion (und jedes soziale System) ist weder das Resultat der Beiträge von Akteuren, wie der symbolische Interaktionismus meint, noch sind ihre Komponenten menschliche Lebewesen, wie Maturana und Varela vorschlagen. Interaktionssysteme sind selbst autopoietische Systeme und ihre Elemente Kommunikationen. Darin gleichen sie → Organisationen und → Gesellschaft, den anderen Typen sozialer Systeme. Ihre Besonderheit liegt in der Grenzziehung gegenüber der Umwelt anhand der Unterscheidung zwischen Anwesenden und Abwesenden auf der Grundlage der Wahrnehmung wechselseitigen Wahrnehmens:
»Sie schließen alles ein, was als anwesend behandelt werden kann, und können ggf. unter Anwesenden darüber entscheiden, was als anwesend zu behandeln ist und was nicht« (Luhmann 1984, S. 560).
Anwesende werden in der Kommunikation als → Personen in → Rollen adressiert, ziehen also Bündel von → Erwartungen auf sich, die die → Kontingenz möglicher kommunikativer Anschlüsse einschränken. Alle → Beobachtungen im Rahmen der Interaktion bekommen nur Personen in den Blick, wie sie in der Kommunikation adressiert und thematisiert werden, nicht aber die dahinterstehenden → Psychen mit ihren je eigenen → Sinnzuweisungen. Hier knüpft Luhmann implizit an Goffman und Mead an, die die subjektiven Zustände von Akteuren gegenüber den in der Interaktion erfolgenden kommunikativen Sinnzuweisungen als nachgeordnet behandeln.
Interaktionssysteme können Themen nur nacheinander, nicht parallel behandeln. Der »Zwang zur Serialität« macht Zuteilung und Wechsel von Sprecherrollen zum → Problem, das in der Kommunikation laufender Bearbeitung bedarf. Die Ausdifferenzierung von Teilsystemen ist angesichts der Bedingungen von Wahrnehmung und Anwesenheit ausgeschlossen, es bleibt lediglich die Möglichkeit der Abspaltung, d. h. der Bildung eines weiteren Interaktionssystems. Jedes Interaktionssystem vollzieht immer auch Gesellschaft; Gesellschaft ist jedoch nicht die Summe von Interaktionssystemen. Interaktionen können, Themen und Verhaltenserwartungen betreffend, nicht gänzlich ohne gesellschaftliche Strukturvorgaben auskommen. Sie aktualisieren solche Strukturvorgaben aber selektiv nach Maßgabe des laufenden Interaktionsgeschehens (Luhmann 1984, S. 568 ff.). Finden Interaktionen innerhalb von Organisationen statt, beziehen sie aus deren Struktur Einschränkungen, die etwa die Spezialisierung der Kommunikation unter den Anwesenden auf bestimmte → Funktionen, z. B. Erziehung oder Krankenbehandlung, ermöglichen. Wegen der besonderen Bedeutung von Wahrnehmung in Interaktionssystemen kann in ihnen jegliches Verhalten als Kommunikation zugerechnet werden, sodass es unmöglich ist, nicht zu kommunizieren. Daraus resultiert eine besondere Störanfälligkeit der Interaktion (Luhmann 1984, S. 561 f., im Anschluss an Watzlawick et al. 1969). Hinzu kommt, dass → Konflikte für Interaktionssysteme ein besonderes Problem darstellen, weil ihre Thematisierung nicht nebenbei erfolgen kann, sondern ein Interaktionssystem in ein Konfliktsystem umstrukturiert (Luhmann 1975, S. 18 ff.). Die Alternative, Konflikte in der Interaktion zu unterdrücken, fordert die beteiligten Psychen stark und kann für sie zu Belastungen führen, ohne dass dies in der Interaktion beobachtbar wäre.
Verwendete Literatur
Blumer, Herbert (1969): Symbolic interactionism. Perspective and method. Englewood Cliffs, NJ (Prentice-Hall).
Goffman, Erving (1959): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München (Piper), 18. Aufl. 2019.
Luhmann, Niklas (1975): Interaktion, Organisation, Gesellschaft. Anwendungen der Systemtheorie. In: ders. (Hrsg.): Soziologische Aufklärung 2: Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Wiesbaden (Springer VS), 7. Aufl. 2018, S. 9–24.
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Maturana, Humberto R. u. Francisco J. Varela (1980): Autopoiesis and cognition: The realization of the living. Dordrecht (D. Reidel).
Mead, George H. (1973): Geist, Identität und Gesellschaft [1934]. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Watzlawick, Paul, Janet H. Beavin u. Don D. Jackson (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern (Hogrefe), 13. Aufl. 2017.
Weiterführende Literatur
Kieserling, André (1999): Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Hinweis: Bei den Amazon-Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn Sie darüber einen Einkauf tätigen, erhalten wir eine kleine Provision – für Sie bleibt der Preis gleich.