Familienhelfer-Map

Die Familienhelfer-Map gibt Orientierung im → Sozialsystem, das sich aus → Fami­lienmitgliedern, informellen Helfern (→ Helfen) und professionellen Helfern und Helferinnen gebildet hat. Hinter der Methode steht die Idee, dass es nicht ausreicht, das Familiensystem allein zu betrachten. Der → Kontext der → Familie – soweit er für die Fragestellung relevant ist – muss mit einbezogen werden. Die anderen Helfer und Helferinnen haben ebenfalls Einfluss auf das, was geschieht. Auch wir als Helfer und Helferinnen sind Teil des Systems, welches sich um die Familie gebildet hat. Besondere Positionen des Beraters bzw. der Beraterin Familienmitgliedern gegenüber und markante → Beziehungen im Helfersystem sollen in der Familienhelfer-Map miterfasst werden. Damit berücksichtigt die Methode den Wechsel von der »Kybernetik« (Kunst der Steuerung) 1. Ordnung zur → Kybernetik 2. Ordnung bei der Betrachtung von Klientensystemen: Berater und Beraterinnen sind Teil des Klienten-Berater-Systems, und ihre Stellung, ihre Beziehungen in diesem System werden mit reflektiert (vgl. von Glasersfeld 1997).

Die Familienhelfer-Map verdichtet und visualisiert eine Vielzahl von → Informationen:

• Sie besteht im Kern aus einem → Genogramm, welches auf den Ausschnitt der Familie begrenzt ist, der für die Fallbearbeitung notwendig ist.

• Um diesen Kern herum wird das informelle Stützsystem der ganzen Familie und von einzelnen Familienmitgliedern eingezeichnet. Das können Freunde und Freundinnen oder Verwandte sein, das kann die Peergruppe (→ Gruppe) eines → Jugendlichen sein, das können wichtige Ratgeber und Ratgeberinnen im Feld der Familie sein (Pfarrer, Paten, Mullahs, Imame …). Es können klassische Helfer und Helferinnen oder Heiler und Heilerinnen anderer → Kulturen sein (Magier, Hexen, Heiler). Üblicherweise müssen wir nach solchen traditionellen, in der jeweiligen Kultur verankerten Helfern und Helferinnen sehr aktiv fragen. Ausländische Familien bzw. Familien mit Migrationsgeschichte erzählen darüber selten von sich aus, weil sie glauben, dass wir uns für so etwas nicht interessieren oder es nicht ernst nehmen! Zu den informellen Helfern oder Helferinnen kann eine Street Gang gehören, die wesentlichen Einfluss auf einen 17-jährigen delinquenten (→ Delinquenz) Jugendlichen haben kann. Ebenso können es die befreundeten Landsleute eines marokkanischen Ehemanns sein, dessen Frau mit den → Kindern ins Frauenhaus gegangen ist. Oft gibt das informelle Helfersystem ganz andere Ratschläge als Therapeuten (→ Therapie), Erzieherinnen (→ Erziehung) und Sozialarbeiter! (Dazu auch → VIP-Karte.)

• Unterhalb des Genogramms wird das aktuell aktive professionelle Helfersystem mit den jeweiligen Institutionen eingezeichnet (soziale Dienste, → Schule, Kita, Hort, → Beratungsstelle, Ärzte, Therapeutinnen, Kliniken). Die Institutionen der Helfer und Helferinnen sollten als Rechtecke, mit dem dazugehörigen Namen versehen, aufgeführt werden. Die Namen der tatsächlichen → Personen, mit denen die Familie in der entsprechenden Institution Kontakt hat, können in das jeweilige Rechteck eingetragen werden, wenn sie für die Familie Bedeutung haben. Die Person und Institution des Helfers bzw. der Helferin, der die Fami­lienhelfer-Map erstellt, werden ebenfalls eingetragen.

• Unterhalb einer Linie werden Helfer und Helferinnen sowie ihre Institutionen eingezeichnet, die früher im Fall tätig waren und es inzwischen nicht mehr sind.

• Nun kann man mit Symbolen die Qualität einiger Beziehungen einzeichnen: Nähe, Distanz, Grenzen, Koalitionen, Allianzen. Hierzu lassen sich gut die Symbole der → Familien-Map verwenden. Es ist unerlässlich, nur wenige, wichtige Beziehungen durch Symbole einzuzeichnen, sonst geht die Übersichtlichkeit verloren. Manchmal ist es sinnvoll (→ Sinn), nicht nur wesentliche und markante Beziehungen innerhalb der Familie einzuzeichnen, sondern auch zwischen Familienmitgliedern und Helfern und Helferinnen oder zwischen verschiedenen Helferinnen. Die aktiven wie auch die früheren Helfer und Helferinnen sollte man bei Mehrfachproblemlagen oder länger bestehenden → Pro­ble­men gründlich explorieren. Oft wird es bei dieser Erfassung der Familie und auch dem neuen Berater oder der Beraterin deutlich, wie viele Experten und Expertinnen schon in der Familie waren.

Innerhalb einer systemischen Arbeitsweise kann die Familienhelfer-Map verschieden eingesetzt werden und unterschiedliche → Funktionen erfüllen:

• Sie kann als → Kommunikationsmittel zwischen der Familie und dem Berater bzw. der Beraterin dienen, indem der letztere die Familienhelfer-Map im Beisein der Familie auf ein großes Flipchartblatt zeichnen. So erhalten Helfer und Helferinnen und Familie gemeinsam einen Überblick über den Lebenskontext und das Helfernetz (→ Netzwerk) der Familie. Klienten bzw. Klientinnen mit lange bestehenden Problemen oder mit vielen Problemen oder mit vielen aktuellen und auch früheren Helfern und Helferinnen haben oft selbst den Überblick verloren. Gerade zu Beginn einer neuen Behandlung hilft dieser Überblick, bisherige → Lösungsansätze zu würdigen und zu bewerten sowie realistische → Ziele für die neue Lösungssuche zu formulieren.

• Die Familienhelfer-Map zu Beginn einer Beratung kann dem Berater bzw. der Beraterin helfen (→ Helfen), entweder für sich oder mit der Familie Symptome (→ Symptomträger) oder Probleme zu kontextualisieren, weil der Lebenskontext bildlich vor der Familie und dem Helfer bzw. der Helferin liegt. So können erste systemische Hypothesen (→ Hypothetisieren) für diese Beratung gebildet werden.

• Die Familienhelfer-Map kann von Beratern und Beraterinnen und ihrer Institution auch zur Dokumentation genutzt werden. Durch die bildliche Darstellung und die große Verdichtung vieler → Informationen erlaubt sie einen schnelleren und effektiveren Überblick über den Kontext, als es viele Seiten Fließtext schaffen.

• Dabei ist allerdings zu beachten, dass das Einzeichnen der Symbole für wesentliche Beziehungsqualitäten in der Familie oder zwischen Familienmitgliedern und Helfer sowie zwischen Helferinnen stark subjektive Sichtweisen wieder­gibt. Erstellt man die Familienhelfer-Map gemeinsam mit dem Klientensystem, dann sollte man sich dabei auf die Sichtweisen der Klienten und Klientinnen beschränken. Wird die Familienhelfer-Map als Dokumentationsmittel des Helfers bzw. der Helferin verwendet, dann kann er die Beziehungssymbole verwenden, um eigene Wahrnehmungen von wesentlichen Beziehungen in seinen Auf­zeich­nungen festzuhalten.

• Sinnvoll wird die Familienhelfer-Map – wie andere Landkarten auch – durch eine Legende ergänzt. Dies empfiehlt sich, wenn sie als Dokumentationsmittel von systemischen Helfern und Helferinnen verwendet wird. Für jedes Familienmitglied und für jeden informellen oder professionellen Helfer bzw. für jede Helferin lässt sich auf einem Blatt dessen Sicht auf folgende Fragen festhalten:
– Welches ist aus seiner Sicht das Problem?
– Welches sind seine Erklärungen für das Problem?
– Welches ist aus seiner Sicht eine gute Lösung für das Problem?
– Welche Ziele sollte der neue Lösungsversuch haben?
– Was sollten neue Helfer und Helferinnen tun und was eher lassen?

Dabei ist durchaus auch interessant, was die Klienten und Klientinnen von der Sichtweise anderen aktueller oder früherer Helfer und Helferinnen bezüglich dieser Fragen berichten können.
Dieses Vorgehen eignet sich in der systemischen Arbeit, weil es uns auch zeigt, für wessen Sichtweisen wir uns bisher interessiert haben und für wessen Sichtweisen weniger. Gleichzeitig ermöglicht es, die politische Ebene des Systems zu analysieren: Wer hat gleiche und wer eher gegensätzliche Sichtweisen und Interessen? Wo stehen wir in diesem politischen Feld mit unseren eigenen Sichtweisen, mit unserem Angebot und mit unseren Ideen hinsichtlich eines sinnvollen Ergebnisses der
Hilfe?

Verwendete Literatur
Glasersfeld, Ernst von (1997): Radikaler Konstruktivismus – Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
McGoldrick, Monica u. Randy Gerson (2005): Genogramme in der Familienberatung. Bern (Huber).
Schwing, Rainer u. Andreas Fryszer (2007): Systemisches Handwerk. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).

Hinweis: Bei den Amazon-Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn Sie darüber einen Einkauf tätigen, erhalten wir eine kleine Provision – für Sie bleibt der Preis gleich.