Paar

engl. couple, franz. couple m. Ein Paarsystem (→ System; → Sozialsystem) »konstituiert« sich durch zwei Personen, die ihre → Beziehung als Paarbeziehung definieren bzw. von außen als solche beschrieben werden mittels zusätzlicher Zuschreibungen wie: gleichgeschlechtlich, verschiedengeschlechtlich, kulturell (→ Kultur) unterschiedlich, kulturell homogen, junge, alte, Jung mit Alt, langjährig, kurzweilig, lebenslang, streitend, krisenhaft (→ Krise), liebend (→ Liebe), nutzbringend, zusammenlebend … und vieles mehr. Paare bilden den → Kontext für Liebe, Intimität und → Sexualität. Was sie darunter verstehen (→ Verstehen), dürfte individuell (→ Individuum) ganz unterschiedlich sein.

Geraten Paare in eine Krise, suchen sie Hilfe (→ Helfen), manchmal zunächst bei Freunden und Freundinnen, bei Seelsorgern und Seelsorgerinnen (→ Seelsorge), Pfarrern, Eltern (→ Elternschaft) – aber eben auch in professionellen Kontexten wie einer Ehe- und Lebensberatung (→ Beratung) oder einer ambulanten Paartherapie (→ Therapie). Historisch betrachtet, war die Paartherapie über viele Jahre hinweg der psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Praxis zugewiesen. Durch die Hinwendung zum konstruktivistischen Ansatz (→ Konstruktivismus) – weg vom kausal-linearen Denkmodell im 20. Jh. – konnte man der → Komplexität sowie der Wechselwirkungsprozesse in der Paarbeziehung gerechter werden. Hierbei geht es um die Erschließung der inneren Verhaltenslandkarten des jeweiligen Paares, die sich aus den jeweiligen lebensgeschichtlichen Kontexten herausgebildet haben. Die Systemische Therapie, die in ihren Anfängen eher mit größeren Systemen gearbeitet hat, hat erst im späteren Verlauf sich eingehender mit der Subgruppe (→ Gruppe) »Paar« beschäftigt. Der Blick nur auf die Wechselwirkung wurde um den Blick auf das → Individuum erweitert, wie es vor allem Rosmarie Welter-Enderlin getan hat. Das Verstehen des individuellen So-geworden-Seins und die daraus resultierenden Haltungen, Werte und Beschreibungen in ihrer Wechselwirkung mit denen des Partners bzw. der Partnerin, eröffnen die Möglichkeit für die Suche nach veränderten Verhaltensmustern, Haltungen und Werten (Welter-Enderlin 2009). Das Aufspüren von ungenutzten → Ressourcen und die Suche nach der Ablösung hinderlicher Beschreibungen durch förderliche zeichnen den Weg von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft des Paares. Im systemischen Arbeiten mit Paaren ist häufig Folgendes zu be(ob)achten:

• Jede Paarzeit hat einen Anfang und – wann auch immer – ein Ende.
• Paare haben und pflegen implizite und explizite Regeln, die die Qualität ihres Zusammenseins mitbestimmen. Paare starten die Beziehung mit bestimmten → Erwartungen, Beziehungsbildern und Hoffnungen. Werden diese enttäuscht, ist häufig Rückzug oder Kampf als Reaktion zu beobachten, was die Selbstwertgefühlsspirale häufig nach unten treibt. Paare bringen aus ihren Herkunftssystemen gewisse Werte, Regeln und Kulturen mit, die durchaus widerstreitend sein können.
• Paare führen mehr oder weniger unbewusst ein Beziehungskonto, das jedoch unterschiedlichen Spekulationen unterliegt. Je nachdem, was der eine einzahlt und nimmt und was der andere tut, kommt dieses Beziehungskonto aus der Balance, und die Partner und Partnerinnen fühlen sich ausgenutzt, zu wenig beachtet, falsch verstanden etc.
• Paare beobachten sich offen bis verdeckt sehr genau. Je nach Erfahrungen in der Herkunftsfamilie (→ Familie) werden die gemachten Wahrnehmungen gedeutet und bewertet. Diese Bewertungen führen zu einem entsprechenden → Gefühl und Verhalten, was durchaus beim jeweils anderen zu Unverständnis führen kann. Der Beobachter oder die Beobachterin wiederum bewertet dieses Reaktionsverhalten auch nach subjektiver Wahrnehmungsgebung. Symmetrische Eskalationen können die Folge sein. Paare kommen heutzutage in der westlichen Welt weniger aus wirtschaftlichen Gründen zusammen; die autonome (→ Autonomie) Wahl eines Partners oder einer Partnerin steht im Vordergrund.
• Paare hoffen, dass ihre Beziehung ihre Sehnsucht nach Bindung, Geborgenheit, Sicherheit und bedingungsloser Anerkennung erfüllt. »Lieben und Geliebtwerden« als romantische Formel wird immer noch als Grundbedingung für eine gelingende Partnerschaft gesehen. Die Verschmelzung in der → Sexualität, das Liebeserlebnis, ist in der Paarbeziehung zum höchsten Gut geworden. Erlischt es, ist die schnelle Folgerung, dass auch die Paarbeziehung beendet ist.
• Paare werden als Konstrukt gesehen, das durch die Paarung den Fortbestand menschlicher Evolution garantiert.
• Paare können aufgrund ihrer persönlichen Biografie und erlernter Beziehungsmuster mit folgenden inneren Bildern und entsprechenden Verhaltensweisen und → Beobachtungsparametern ihre Paarbeziehung führen: Frau und Mann (erwachsen), Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Mächtige(-r) und Bedienstete(-r), Schwester und Bruder, Freund und Freundin, Prinz und Prinzessin, Ritter und Geliebte, Täter und → Opfer versus Opfer und Täter u. v. m.
• Partner und Partnerinnen warten häufig darauf, dass der andere sich verändert, bevor sie sich selbst verändern. Die Idee von Recht und Unrecht ist sehr stark. Der Weg vom »Du«-Vorwurf zum »Ich«-Statement kann sich durchaus wie ein Marathon anfühlen.
• Paare geraten häufig bewusst oder unbewusst aus der Balance zwischen → Autonomie und Anpassung.
• Paare bilden bestimmte → Kommunikations- und Verhaltensmuster heraus, die vor allem die Nähe-Distanz-Regulierung bestimmen. Sie können destruktiv und/oder konstruktiv sein und führen zu symmetrischen oder komplementären Eskalationen.
• Paare durchleben ganz unterschiedliche Phasen in ihrer Beziehung: kurze und lange, Verliebtheit, Enttäuschung, Anfang/Ende einer Familiengründung/-zeit, Paarzeit ohne → Kinder/mit Kindern, leichte und schwere Zeiten u. v. m.

Die in der Therapie unausweichlich gebildete → Triade hält einige Fallen bereit, die vom Therapeut bzw. von der Therapeutin hohe → Achtsamkeit verlangen:

• Es besteht die Gefahr, dass man zur Parteilichkeit einerseits und zur Koalition andererseits verführt wird.
• Es besteht die Gefahr, dass sich eigene Themen mit dem Kontext Paartherapie vermischen.
• Es besteht die Gefahr, in das Paarsystem hineingezogen zu werden.
• Paardynamiken sind sehr komplex und nicht leicht zu verstören.

Der Berater/die Therapeutin sollte über ein breites Repertoire an → Interventionen, Resonanzfähigkeit und Prozesssteuerungswissen verfügen, um den Verführungen und den wiederkehrenden Kommunikationsschleifen widerstehen bzw. sie unterbrechen zu können. Es braucht Mut, die eigenen Gedanken wertschätzend und provokant zur Verfügung zu stellen und dennoch empathisch für die als schwierig und fragil erlebte Paarbeziehung zu bleiben. Bei relativ hohem Eskalationspotenzial und → Schuldzuweisungen kann es für den Therapeuten oder die Therapeutin unterstützend sein, Metathemen zu beleuchten, wie → Macht/Ohnmacht, Geld, Werte, Krisen, → Konflikte, Nähe/Distanz, Kommunikation, Zeit, Tabus, Autonomie und → Individuation, Anpassung, Treue/Untreue. Dabei können zirkuläre Fragetechniken hilfreich sein (→ Zirkuläres Fragen). So kann das Paar statt der destruktiven Aufmerksamkeitsfokussierung eine konstruktivere (siehe etwa → Lösungsfokussierung) erleben. Dieser Prozess wirkt unterstützend dabei, die Ressourcen des Paares zu reaktivieren oder neue zu entwickeln.

Verwendete Literatur
El Hachimi, Mohammed u. Liane Stephan (2007): Paartherapie – Bewegende Interventionen. Tools für Paartherapeuten und Paarberater. Heidelberg (Carl-Auer), 3., erw. Aufl. 2012.
Welter-Enderlin, Rosmarie (2009): Paare – Leidenschaft und lange Weile: Die Kunst des Lebens zu zweit. Freiburg i. Br. (Herder).

Weiterführende Literatur
Bleckwedel, Jan (2009): Systemische Therapie in Aktion: Kreative Methoden in der Arbeit mit Familien und Paaren. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Clement, Ulrich (2010): Wenn Liebe fremdgeht: Vom richtigen Umgang mit Affären. Berlin (Ullstein).
Jellouschek, Hans (2010): Die Paartherapie: Eine praktische Orientierungshilfe. Stuttgart (Kreuz).
Klöckner, Detlef (2007): Phasen der Leidenschaft: Emotionale Entwicklungen in Paarbeziehungen. Stuttgart (Klett-Cotta).

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