Seelsorge

engl. pastoral counseling, franz. dialogue m pastoral, ist das begleitende Gespräch vornehmlich im Bereich der Religion. Als religiöse → Kommunikation verwendet es den Code »transzendent/immanent«. Seelsorge ist Begleitung von Seelen (→ Psyche). Darin ist der Unterschied zu anderen Zugängen von Begleitung zu sehen (in anderen Sprachen ist dieser Umstand nicht mehr sichtbar). Von »Seele« zu reden, impliziert Unverfügbarkeit und Unauslotbarkeit (so schon Platon, siehe: Crone, Schnepf u. Stolzenberg 2010). Seele lässt sich nicht »auf den Begriff bringen«, in der Tradition ist damit Fließendes oder Geistig-Ätherisches assoziiert. Das Konzept erlaubt, → Kontingenz oder, genauer: die Kontingenz von → Sinn zu thematisieren. Seele impliziert die Kontingenz des Bewusstseins, impliziert → Tod – gerade, weil das Bewusstsein (s. o.) sich seinen eigenen Tod nicht vorstellen kann.

Als Folge funktionaler Differenzierung findet man den Begriff Seele fast nur noch in der Religion. Kontingenz von Sinn ist in der Sicht der → Systemtheorie das Bezugsproblem der Religion (Luhmann 1977; 2000): Was ist »hinter« Sinn, was ist der Sinn von Sinn, wer oder was garantiert Sinn, wenn dieser kontingent ist? Was ist nach dem Tod, warum gibt es Leid usw.? Solche Sinnkatastrophen zeigen, dass der bisher verwendete Sinn nicht hinreicht, um Phänomene dieser Art zu codieren. Solche Fragen können nicht stillgestellt werden; zugleich sind sie nicht beantwortbar, weil man zur Beantwortung Sinn verwenden muss. Religion bearbeitet dieses Thema, indem sie eine »Welt jenseits der Welt« postuliert, die zugleich die irdische Welt kommentiert und kontingent setzt. Mit Chiffren (Luhmann 1977, S. 33) camoufliert sie die Frage nach der Möglichkeit eines »Jenseits« und erhält sie zugleich. Mythen erzählen das »Jenseits« der beobachtbaren Sinnwelt, als ob sie es beobachten könnten; → Rituale dienen durch ihren festgelegten Gang als Negationsblockaden (Emlein 2010), um weiteres Fragen unmöglich zu machen. Meditation und Mystik sind weitere Wege, Sinn punktuell hinter sich zu lassen. Rituale, Mythen und Meditation sind »nichtantwortende Antworten«. Schwierigkeiten entstehen, wenn der Bezug zur → Funktion der Religion überdeckt wird und man religiöse Bilder nicht mehr als Chiffren versteht, sondern ontologisiert.

Seelsorge ist das gesellige Gespräch unter Gleichrangigen (Schleiermacher 1799). Religionsintern unterscheidet Seelsorge sich von anderen Gattungen religiöser Kommunikation wie Lehre, Diakonie, Liturgie, Verkündigung genau durch diese Gleichrangigkeit. Seelsorge kann, wenn es so vereinbart ist, aber auch ein Gefälle einziehen: Jemand sucht Seelsorge auf, weil personale Sinnprobleme (→ Person; → Problem) zu beheben sind (Luhmann 1977, S. 57). Solche Probleme sind auch das Thema von Psychotherapie (→ Therapie), d. h., Seelsorge kann, aber muss nicht psychotherapieähnlich ausfallen. In jedem Falle gilt: Seelsorge ist Sinnmanagement (→ Management) für personale Systeme. Historisch gesehen, ist Psychotherapie die jüngere säkulare Schwester der Seelsorge. Beides sind Kinder Europas. Systemtheorie hat Bestimmungsstücke definiert, mit denen sie Systeme als Systeme identifiziert und miteinander vergleichen kann (Äquivalenzfunktionalismus). Für das Sinnsystem Seelsorge könnte dies wie folgt aussehen:

• Form: Unverfügbarkeit heißt, dass Seele nur als Fragment zu haben ist, nicht als Ganzheit; die Form der Seelsorge ist Fragment/Ganzheit; der Code (s. u.) ist umgeschrieben auf personale Systeme
• Funktion: Fragmentierung bearbeiten, d. h. mit den Folgewirkungen funktionaler Differenzierung leben lernen, welche Ganzheit nicht mehr zulässt; wie bei Psychotherapie ein »uncodiertes« Problem, da in keinem spezifischen funktionalen System platziert
• Medium (das die Akzeptanz von Seelsorge erleichtert): Würdigung, Behandlung als Ganzheit trotz Fragmentierung; anders gesagt: Nächstenliebe (→ Liebe)
• Code: transzendent/immanent
• Zweitcode (da der Code selbst kein Programm für Seelsorge enthält): lebensförderlich/lebenshinderlich angesichts von unerreichbarer Ganzheit.
• Kontingenzformel (der Wert, der nicht negiert werden darf, oder das System kollabiert): Gott, für Seelsorge: Seele
• Symbiotischer Mechanismus (→ Körperbezug): Berührung, Rituale, aber auch Hinfälligkeit des Lebens, Kontingenzerfahrungen
• Inflation: zu viel Transzendenz (»sich im Jenseits verlaufen«)
• Deflation: zu wenig Transzendenz (von Beratung und Therapie nicht mehr unterscheidbar)
• Operation: Transzendieren durch Umcodieren (andere Sichtweise) mit Blick auf Unverfügbarkeit
• Struktur: zwischenmenschliche Interpenetration (wie bei Psychotherapie; → Kop­plung).

Wenn Seelsorge mit den Mitteln der systemischen Beratung/Therapie arbeitet, kann sie alle dort bekannten Möglichkeiten nutzen. Hier soll nur das Unterscheidende dargestellt werden:
Transzendenz ist nicht erreichbar. Seelsorge verwendet ein Als-ob-Verfahren, das in der systemischen Praxis bekannt ist. Man tut so, als ob man die Welt mit den Augen Gottes sehen könnte; man tut so, als ob man Gott fragen könnte (Morgenthaler 1999) – und fragt: Was ist dann anders?
Seelsorge kann aufsuchend geschehen, sie kann sich nach Schicksalen erkundigen und Wertschätzung geben. Man muss dazu keine → Probleme haben. Dies gilt gerade, wenn Personen aus anderen Systemen exkludiert (→ Exklusion) werden.
Seelsorge speist Unverfügbarkeit ein. Erlaubt man Gott, sich der eigenen Sorgen anzunehmen, ist man selbst frei davon; man hat allerdings dann auch kein Recht mehr auf Grübeleien.
Seelsorge nutzt den Möglichkeitssinn: Es könnte auch anders möglich sein. Es geht um Überschreitung (Transzendieren) des Bisherigen. Seelsorge überschreitet alles Irdische und zeigt auf Nichtirdisches. Trost und Segen sind die → Lösungen dafür, dass Welt und Seele fragmentiert sind, dass wir dem Tod nicht ausweichen können, dass wir die Zukunft nicht kennen.
Seelsorge thematisiert Sinnkatastrophen.
Seelsorge nutzt Mythen, Rituale und Meditation, um Sinngrenzen zu thematisieren und Sinn als Ganzes zu transzendieren.
Beschließt man das Gespräch mit einem Gebet, kann man die Schwierigkeiten des Lebens in andere Hände legen – und aufatmen. Um das Gesagte wird ein weiterer semantischer Kreis geschlagen, der das Bisherige anreichert, modifiziert, neu rahmt, »aufhebt«.

Verwendete Literatur
Crone, Katja, Robert Schnepf u. Jürgen Stolzenberg (Hrsg.) (2010): Über die Seele. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Emlein, Günther (2010): Rituale als Negationsblockaden. Familiendynamik 36: 128–134.
Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Luhmann, Niklas (2000): Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Morgenthaler, Christoph (1999): Systemische Seelsorge. Impulse der Familien- und System­therapie für die kirchliche Praxis. Stuttgart (Kohlhammer).
Schleiermacher, Friedrich (1799): Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Stuttgart (Reclam), 2003.

Weiterführende Literatur
Emlein, Günther (2006): Die Eigenheiten der Seelsorge. Familiendynamik 31: 216–239.
Schwerpunktheft »Systemische Seelsorge« (2006): Familiendynamik 3.

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