VIP-Karte
engl. VIP-map (VIP = Very Important Person), ist ein Instrument der systemischen Sozialarbeit (Herwig-Lempp 2022), mit dem Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen mit ihren Klienten und Klientinnen schnell ins Gespräch kommen und sich gemeinsam mit ihnen einen Überblick über die wichtigsten Menschen und die damit verbundenen → Ressourcen verschaffen können.
Bei der VIP-Karte handelt es sich um eine einfache Skizze: In die vier Felder »Familie«, »Freunde«, »Arbeit« und »Profis« trägt die Sozial-arbeiterin/der Berater/die Therapeutin (→ Beratung; → Therapie) gemeinsam mit dem Klienten bzw. der Klientin die für ihn wichtigsten Menschen, also »sehr wichtige Personen« (VIPs) ein: Personen werden als Quadrate, Kreise oder Dreiecke eingezeichnet, die Entfernung zur Hauptperson in der Mitte drückt jeweils die Wichtigkeit aus. Die fertige Karte ist dabei nur eines von mehreren → Zielen, wichtiger ist in der Regel das Gespräch, das der Sozialarbeiter oder die Sozialarbeiterin darüber führen kann. Er erhält dabei Auskünfte

Abb.: Beispiel für eine VIP-Karte (Namen und Details geändert)
über die Lebenssituation (→ Lebenswelt) und die → Kontexte des Klienten bzw. der Klientin – während dieser gleichzeitig eingeladen ist, in einer vielleicht neuen Art und Weise über sich und sein Umfeld nachzudenken. Dem Profi stehen dabei alle Möglichkeiten der systemischen Gesprächsführung und der Perspektivenerweiterung zur Verfügung: Fragen nach Ressourcen, nach Stärken und Fähigkeiten, zirkuläre Fragen (→ Zirkuläres Fragen) nach möglichen (An-)Sichten und Einschätzungen beteiligter Dritter, → Skalierungsfragen und schon gründliches Nachfragen an sich eignen sich hier ebenso wie das Eingehen auf und Spielen mit → Metaphern, Umdeutungen und Verstörungen. Im besten Fall können gemeinsam neue Ressourcen entdeckt werden und Möglichkeiten, wie sie genutzt werden können. Der Klient erhält im Idealfall eine neue, weitere Perspektive auf sich und sein Leben. Die VIP-Karte ist dabei der rote Faden, an dem wir uns orientieren. Gleichzeitig hat dieses gemeinsame Erstellen der Karte auch Einfluss auf die Entwicklung der therapeutischen → Beziehung: wie wir uns erleben, was wir voneinander wissen, wie unsere Bilder voneinander entstehen und wie wir unsere weitere Zusammenarbeit gestalten.
Die VIP-Karte ist verwandt mit der → Netzwerkkarte (oder auch »Eco-Map«) (z. B. Bullinger u. Nowak 1998; Müller 2006; Pantucek 2005). Während diese jedoch in der Regel als ein Instrument zur Erstellung einer → Diagnose verstanden wird, geht es bei der VIP-Karte ausdrücklich nicht um standardisierte, vermeintlich objektive Ergebnisse, sondern um Ressourcenaktivierung, Perspektivenerweiterung und Beziehungsgestaltung. Insofern hat die VIP-Karte noch am meisten Ähnlichkeit mit Morenos Konzept und Methode des sozialen Atoms (→ Soziales Atom). Indem wir sie als »VIP-Karte« bezeichnen, heben wir den theoretischen Unterschied zur Netzwerkkarte hervor. Zudem wirkt dieser Begriff auf viele Klienten und Klientinnen interessant und lässt sie neugierig werden.
Die VIP-Karte ist, ähnlich wie das → Genogramm, eine grafische Darstellung von Beziehungen. Indem sie über die → Familie hinausgeht und ein größeres Umfeld in den Blick nimmt, erweitert sie den Handlungsspielraum. Damit kommt sie den Anforderungen an Sozialarbeiter entgegen, die in ihre Arbeit – anders als Familientherapeuten und -therapeutinnen, von denen das Genogramm als Visualisierungsinstrument entwickelt worden ist – nicht nur die Familie einbeziehen, sondern auch den Freundes- und Bekanntenkreis, die Arbeit bzw. Ausbildung sowie die Gruppe der anderen beteiligten Profis: Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen haben mit sehr viel komplexeren sozialen Kontexten zu tun (und im Übrigen mit u. a. Beschaffen, Vertreten, Eingreifen, Vermitteln und Begleiten auch mit vielfältigeren Handlungsarten als nur Beraten und Therapieren).
Karten sind nicht wahr – sie stellen einen Ausschnitt der Sichtweise derer dar, die sie erstellen:
»Wenn man eine Karte von etwas zeichnete, dann wurde dieses Etwas dadurch wahr, zumindest in der Welt der Landkarte. Aber die Welt der Landkarte war nicht die Welt der Welt. Kartenwahrheiten waren also niemals wahre Wahrheiten« (Larsen 2009, S. 408).
Übersehen wird häufig, dass die eigentliche Stärke von Karten in ihrer Vereinfachung von Wirklichkeit liegt und dass die Landkarte nicht identisch ist mit dem Gebiet, das sie abbildet (Korzybski 1933, p. 58). Für systemisch Arbeitende wird es wichtig sein, sich dieser Tatsache bewusst zu sein, um nicht einer Objektivitätstäuschung zu erliegen. Sie werden bedenken wollen, dass die von uns erlebte Wirklichkeit immer nur eine Karte und nicht die »wirkliche Wirklichkeit« ist – und damit eine → Konstruktion, also das Ergebnis einer Leistung von Subjekten: Das, was »wirklich« ist, wird von jedem von uns anders erlebt und beschrieben. Wir glauben, etwas objektiv zu erkennen, unbeeinflusst von uns selbst, aber wir können nicht wissen, ob wir recht haben. Und dennoch und gerade deshalb kann die VIP-Karte als ein Instrument der Gestaltung von Wirklichkeit nützlich sein. Denn je nachdem, wie und wonach wir fragen, erschließt sich uns eine immer wieder andere Wirklichkeit. Auf diese Weise kann das Verwenden der VIP-Karte auch dabei unterstützen, eine entsprechende systemisch-konstruktivistische Haltung einzunehmen (Herwig-Lempp 2019).
Dieses Instrument ist so einfach, dass sich Anwender und Anwenderinnen schnell ermutigt fühlen, es für eigene Zwecke und Situationen abzuändern und damit zu experimentieren: durch weitere Felder für spezielle Personengruppen, durch konzentrische Kreise zur Entfernungsmessung, durch die Verwendung von Farben oder weiteren Symbolen, bei der Arbeit im Team (→ Teamarbeit), in der kollegialen Beratung (vgl. Herwig-Lempp 2007) usw. Das aber genau ist die Idee eines Instruments: dass es nützlich ist für seine Benutzer und Benutzerinnen und für ihre Ziele – und dass sie es je nach Bedarf für ihre Absichten abwandeln.
Verwendete Literatur
Bullinger, Hermann u. Jürgen Nowak (1998): Soziale Netzwerkarbeit. Freiburg i. Br. (Lambertus).
Herwig-Lempp, Johannes (2004): Ressourcenorientierte Teamarbeit. Systemische Praxis der kollegialen Beratung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 4. Aufl. 2016.
Herwig-Lempp, Johannes (2007): Ressourcen im Umfeld: Die VIP-Karte. In: Brigitta Michel-Schwartze (Hrsg.): Methodenbuch Soziale Arbeit. Basiswissen für die Praxis. Wiesbaden (Springer VS), 2. Aufl. 2009, S. 207–226.
Herwig-Lempp, Johannes (2019): Systemisch als Haltung. In: Reiner Becker u. Sophie Schmitt (Hrsg.): Beratung im Kontext Rechtsextremismus. Felder – Methoden – Positionen. Frankfurt a. M. (Wochenschau), S. 291–316.
Herwig-Lempp, Johannes (2022): Systemische Sozialarbeit. Haltungen und Handeln in der Praxis. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht).
Korzybski, Alfred (1933): Science and sanity. Lancaster (Institute of General Semantics).
Larsen, Reif (2009): Die Karte meiner Träume. Frankfurt a. M. (Fischer).
Müller, Matthias (2006): Verfahren/Techniken und Struktur im Case Management-Prozess. In: Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe u. Matthias Müller (Hrsg.): Systemisches Case Management. Heidelberg (Carl-Auer), 5. Aufl. 2018, S. 58–90
Pantucek, Peter (2005): Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 4. Aufl. 2019.
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