Körper

engl. body, franz. corps m, von lat. corpus = »Leib«. Die Schwierigkeit, die zu Beginn namhaft gemacht werden muss, ist, dass »Körper« kein systemtheoretischer (→ System) Begriff ist. Er ist es so wenig wie »Hund«, »Katze«, »Maus«, wie »Mann« und »Frau«, wie »Kaufhaus«, »Pfefferminz« und »Sonnenschirm«. Das heißt nicht, dass der Körper keine Bedeutung hätte, sondern nur, dass er als »Weltgegebenheit« seine Imposanz von Moment zu Moment bestätigt: als lebende, vor allem aber perzeptionsfähige Einheit, die die Bedingung der Möglichkeit sinnförmig (→ Sinn) operierender Systeme darstellt – ohne Körper kein Sinn, weder psychisch noch sozial. Wenn man so formuliert, wird angedeutet, dass die Referenz auf den Körper in der Systemtheorie die Referenz auf einen »Gegenstand« ist, ein Fall der Anwendung von Theorie auf ein klärungsbedürfti­ges Phänomen. Es geht im Weiteren also um eine Theorie des Körpers.


Allerdings: Psychische (→ Psyche) und → Sozialsysteme erzeugen ihre Welt im Universalmedium »Sinn«. Auch der Körper ist ihnen nur via Sinn zugänglich. In der phänomenologischen Tradition wird diesem Umstand Tribut gezollt durch die Unterscheidung Körper/Leib. Der Leib, das ist, wenn man summarisch formuliert: die sinnförmige → Beobachtung des Körpers. Differenztheoretisch gesagt: Die Form des Körpers lässt sich bestimmen als Körper = Körper/Leib. In dieser Notation wird der Körper imaginär. Er ist Definiendum und zugleich Moment des Definiens. Er »verdunstet« im Re-entry, im Wiedereintritt dessen, was unterschieden werden soll, in die Unterscheidung. Wir müssen hier auf philosophische Nebenwege verzichten und halten fest, dass das soziologisch Interessante daran ist, dass der Leib historisch synchron und diachron durch je möglichen (plausiblen) Sinn konstruiert, also von Strukturen der jeweils in Geltung befindlichen sozialen Differenzierungstypik konditioniert wird. Der Körper dagegen ist, wie man sagen könnte, jederzeit durch Sinn verdeckt. Das bedeutet nicht, dass theoriegeleitetes Reden über den Körper unmöglich wäre. Ausgeschlossen ist nur, dass er in dieser Theorie ontologisch behandelt werden könn­te. An die Stelle der Wesensbestimmung tritt die funktionalistische Analyse. Sie
fußt auf einer de-ontologisierenden Methode, die nicht von »wirklichen« Zwecken, → Zielen, → Funktionen des »Dinges« Körper ausgeht, sondern von → Problemkonstruktionen (→ Konstruktion), als deren → Lösung der Körper gedeutet werden kann. Im Mittelpunkt steht die Inszenierung dieser Deutbarkeit. Die Frage ist demnach, welche Problemkonstruktionen sich aufziehen lassen, wenn die Funktion des Körpers bestimmt werden soll.


Wir starten mit der Annahme, dass Sinnsysteme ereignisbasierte, hoch temporalisierte Systeme sind, Körper- und → Raumlosigkeiten (»Asomata«), die sich im Modus der → Autopoiesis reproduzieren. Sie sind eingestellt auf die unaufhörliche »Verschwinderei« ihrer elementaren Einheiten, die sich nicht festhalten lassen, weil sie als »Einheit« immer nur durch Folgeereignisse erzeugt werden, die genauso vergehen wie ihre Vorgänger, ihre Nachfolger. Sinnsysteme sind transitorisch auf der Ebene ihrer elementaren Einheiten. Sie würden aufgrund ihrer volatilen Zeit von Moment zu Moment gleichsam »verpuffen«, wenn sich nicht ein »Haftgrund« fände, eine Instanz, die Hysteresis, Dilatation, Verzögerung und → Zeitdehnung anböte. Genau diese Funktion übernimmt der Körper. Er offeriert Sinnsystemen den Raum, den sie nicht haben, den sie aber benötigen, weil ein Zurückkommenkönnen auf Ereignisse, die vergangen sind bzw. ein Wiedererkennen anhand ähnlicher Ereignisse die Bedingung der Möglichkeit von Strukturbildung ist. Benötigt wird so etwas wie Spei­cherung, aber: Dergleichen kommt in zeitflüchtigen Sinnsystemen nicht vor. Ihre elementaren Ereignisse sind fugitiv, sie halten nichts fest, sie tragen nichts durch die Zeit. Sie haben keine Orte für Aufbewahrungen. Kein Sinnsystem verfügt über ein eigenes → Gedächtnis. Die These ist, dass der Körper als Speichermedium von Sinnsystemen genutzt werden kann, weil er deren unentwegt passierende Zeit gewissermaßen übersetzt in räumliche Strukturen, in Arrangements von »Bahnungen«. Er ist der »Verräumlicher« par excellence. Speichern ist immer und im genauesten Verständnis: Verdinglichung.


Diese Verräumlichungsfunktion ist aber nicht nur die Conditio sine qua non von Strukturbildung. Sie erweist sich als nicht minder wichtig für psychische Systeme, die im Unterschied zu sozialen Sinnsystemen Sinn nicht nur prozessieren, sondern ihn erLEBEN können. Dieses Medium hat wie jedes Medium keine Eigenexistenz. Es findet im psychischen Einsatz seine appearance, seine Erscheinung, seine »Lesbarkeit« durch die vom Körper appräsentierte Verräumlichung, die jede sinnhafte Operation mit Fremdreferenz ausstattet. Ohne wahrnehmungsbefähigte Körper wäre Sinngebrauch nicht erschwingbar. Es käme nicht zur Phänomenalisierung von Sinn. Daraus erhellt, dass Sozialsysteme zwar Sinn arrangieren, aber nicht phänomenalisieren können. Sie sind angewiesen auf eine → Umwelt (hier: psychische Systeme), die imstande sind, Sinn zu »verkörpern«. Nur so ist nachvollziehbar, warum Niklas Luhmann davon ausgeht, dass psychische Systeme sozialen Systemen als »Zwischenspeicher« dienen.


Alle Sinnsysteme sind, wie wir gesagt haben, körperfrei, wiewohl die Körper in ihrer Umwelt unverzichtbar sind. Das psychische System besteht nicht aus organischen Molekülen, es hat keine Nervenzellen, keine Synapsen oder Dendriten. Es prozessiert fundamental Wahrnehmungen, die nicht dasselbe sind wie die chemoelektrischen Gewitter des neuronalen Systems. Sozialsysteme sind wahrnehmungsunfähig und deswegen auf konditionierte Ko-Produktion mit psychischen Systemen angewiesen, die Sinn durch Verräumlichung (Somatisierung, → Externalisierung) phänomenalisieren. Für beide Sinnsystemtypen ist der Körper nur sinnförmig beobachtbar. Er ist »sinnprägnant« als Leib. Darauf bezieht sich das Theoriestück der somatogenen Symbole, das im Kern besagt, dass Sinnsysteme laufend genötigt sind, ihr je histo­risch konditioniertes Körperverhältnis zu symbolisieren. Der symbiotische Mechanismus bezeichnet in diesem Rahmen die Möglichkeit, bestimmte Körperreferenzen für → Krisenbewältigungszwecke einzusetzen. Es geht dabei um immer mitspielende »Körperselbstverständlichkeiten« wie etwa → Sexualität in Intimsystemen, Gewalt in der Politik, körperliche Bedürfnisse im Wirtschaftssystem, Wahrnehmung in der Wissenschaft etc. Jener Mechanismus greift, wenn diese Selbstverständlichkeiten thematisiert werden, wenn beispielsweise im Grenzfall an Sexualität ausgetestet werden soll, ob ein Intimsystem noch funktioniert; oder: wenn das Wirtschaftssystem elementare körperliche Bedürfnisse nicht mehr befriedigen kann; oder: wenn kollektiv bindende Entscheidungen nur mit Gewalt gegen Körper durchsetzbar sind; etc. Im Blick auf das psychische System ließen sich Nervenzusammenbrüche nennen, das Erblassen des Körpers, das Zittern der Hände, das Beben am ganzen Körper … Immer geht es darum, diese »Symptome« (→ Symptomträger) zu nutzen als Anlässe, die aus irgendwelchen Gründen bedrohte Autopoiesis eines Sinnsystems auf »Normalität« zurückzufahren.


Eine weitere Funktion des Körpers wird in der Theorie mit dem seltsamen Ausdruck »zwischenmenschliche Interpenetration« bedacht. Penetration bedeutet, dass ein System seine vorkonstituierte Eigenkomplexität (→ Komplexität) einem anderen System zur Verfügung stellt. Beispiel dafür wäre die Rolle, die der lebende Körper für psychische Systeme spielt. Interpenetration bezeichnet den Fall, dass Sinnsysteme sich wechselseitig »vorgeformte« Komplexität zuschanzen. Dieser Begriff ist (bislang) reserviert für das Verhältnis zwischen psychischen und sozialen Systemen. Zwischenmenschliche Interpenetration bezieht sich auf alle Sozialkontexte (→ Kontext), in denen die menschlichen Körper füreinander relevant werden. Hier sind die naheliegenden Beispiele alle Formen von Intimsystemen.


Der Körper ist nach alledem ein multifunktionaler Komplex, der im Rahmen dieses Artikels nicht erschöpfend dargestellt werden kann. So ist er maßgeblich daran beteiligt, die → Identität psychischer Systeme zu sichern. Dies kann auf verschiedene Weise, etwa durch → Körperarbeit, genutzt werden. Der Körper ist »unverlassbar« und führt die Wahrnehmungsprozesse, die selbst körperlich fundiert sind, in gewisser Weise mit sich herum. Er verortet die »Immaterialität« von Sinnsystemen. Eine andere zentrale Funktion ergibt sich daraus, dass der Körper neuronale Ereignisse prozes­siert, die sinnförmig codierbar, die sozial formatierbar sind. Die theoretische → Forschung befindet sich hier allerdings noch in den Anfängen.


Verwendete Literatur
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Weiterführende Literatur
Eder, Lothar (2007): Psyche, Soma und Familie. Theorie und Praxis einer systemischen Psychosomatik. Stuttgart (Kohlhammer).
Fuchs, Peter (2005): Die Psyche. Studien zur Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Weilerswist (Velbrück).
Gugutzer, Robert (2004): Soziologie des Körpers. Bielefeld (Transcript).


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