Kontingenz (doppelte)
engl. contingency, franz. contingence f, von lat. contingere = »sich ereignen, berühren, treffen, zuteilwerden«; bezeichnet zunächst allgemein: Zufälligkeit – als Gegensatz zur Notwendigkeit. In der traditionellen Philosophie und Logik bezeichnet Kontingenz die streng entgegengesetzte Möglichkeit einer Aussage. Demnach besteht zur Modalität von »Sein« die Möglichkeit von »Nichtsein«. Die Möglichkeit von Nichtsein schließt der systemtheoretische (→ System) → Konstruktivismus jedoch aus. Stattdessen gilt das Kontingenztheorem.
Die Modalität von Nichtsein wird ausgeschlossen, da Nichtsein nicht beobachtbar ist. Kontingenz bezeichnet insofern die Erfahrung, dass nichts in seinem Sosein treffsicher zu erwarten ist (→ Erwartung). Kontingenz zielt (→ Ziel) auf die Erfahrung, dass wir Dinge, Gegebenheiten, soziale Tatsachen, die wir in ihrem Sosein treffsicher zu bezeichnen meinen, auch anders bezeichnen könnten und dass sie auch anders möglich sein könnten. Erkenntnis von Realität erscheint als Wahlakt des Beobachters und nicht als eine objektiv erklärbare Realität. Realitätserkenntnis ist ein Vorgang unterscheidungsabhängigen Beobachtens (→ Selbstreferenz) von Beobachtern (von Beobachtern). Jeder Beobachter und jede Beobachterin muss sich die Frage gefallen lassen: »Warum unterscheidest du so und nicht anders?« Die beidseitige Unberechenbarkeit der je anderen Seite bei gleichzeitigem Wissen darüber wird als »doppelte Kontingenz« bezeichnet. Doppelte Kontingenz ist nicht zu verwechseln mit »Wechselwirkung«, »Spiegelung«, »Reziprozität der Perspektiven«, also irgendwelchen Symmetrievorstellungen (Luhmann 1987, S. 153 f.). Doppelte Kontingenz bedeutet einerseits eine Abnahme von Erwartungssicherheit, andererseits aber auch eine Zunahme von Handlungsoptionen. → Interaktionspartner machen ihr Handeln und Erleben vom Handeln oder Erleben des je anderen abhängig und wissen zugleich voneinander, dass sie sich auch jeweils ganz anders verhalten könnten. Der daraus resultierende Überschuss an Möglichkeiten wird durch die Herausbildung von Erwartungen reduziert, für die die → Person zur »sozialen Adresse« wird. Erst die Einschränkung von Freiheitsgraden und des Verhaltensrepertoires macht → Kommunikation wahrscheinlicher. Infolge doppelter Kontingenz wird eine Wirklichkeit konstruiert, die sich für die Dauer ihres Operierens von ihrer → Umwelt abgrenzt und ein Kommunikationssystem konstituiert. Kommunikation ist ein schwieriges, komplexes Unterfangen. → Komplexität wird reduziert über einen dreistufigen selektiven Prozess: → Information, Mitteilung und → Verstehen. Auf der Ebene von → Gesellschaft (z. B. in den → Funktionssystemen Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion, → Erziehung usw.) bedient sich Kommunikation daher bestimmter symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien (z. B. → Macht, Geld, Recht, Wahrheit, Glaube, → Kindheit), die den Erfolg der Kommunikationsabsichten wahrscheinlicher ma-
chen.
Auf systemisches Arbeiten gewendet ist zu beachten, dass es dabei nicht um das »Managen« doppelseitiger Kontingenzerfahrung im Erleben und Handeln zweier Systeme gehen sollte. Vielmehr bezeichnet doppelte Kontingenz die wechselseitige Unbestimmbarkeit von Systembeziehungen. Die Verwertung des Kontingenztheorems in der Praxis sollte sich daher im Wissen darüber erschöpfen, dass es doppelte Kontingenz gibt, denn Kontingenzerfahrung kennzeichnet jede menschliche Kommunikation und damit jedes → Sozialsystem (Interaktionssysteme, → Organisationssysteme und gesellschaftliche Funktionssysteme). Wenn systemische Arbeit auf der Ebene von Organisationssystemen angesiedelt wird, ist Kontingenzerfahrung dort von besonderem Interesse. Organisationen grenzen sich durch Mitgliedschaft von ihrer Umwelt ab. Jede Organisation verhält sich in Abgrenzung zur Umwelt als operativ geschlossenes System, das hinsichtlich seiner Gestaltungsmöglichkeiten auf Umwelt und strukturelle → Kopplung mit anderen sozialen Systemen angewiesen ist. Die selektiven Leistungen für die → Selbstorganisation hingegen nimmt die Organisation selbst wahr. Organisationen beziehen ihre Kontingenz aus ihrer grundsätzlichen Operationsweise: Entscheidungshandeln. Das bedeutet Entscheidungen und Kommunikation von Entscheidungen. Organisationen müssen in der → Zeit-, Sach- und Sozialdimension Strukturen gewährleisten, die Kommunikation auf Dauer stellen. Diese Tatsache zwingt zu ständigen Entscheidungen. Erwartetes Verhalten wird in Organisationen durch zwei unterschiedliche Entscheidungsprogramme geregelt: Konditionalprogramme und Zweckprogramme. Beide unterliegen unterschiedlichen Auslösebedingungen. Bei Konditionalprogrammen liegen diese in der Vergangenheit. Ein gegenwärtiger Fall, der mit der Vergangenheit vergleichbar ist, soll gelöst werden (z. B. als Rechtsspruch). Die im System erzeugten Entscheidungsfreiheiten liegen beim Konditionalprogramm in der »Prüfung, ob ein Fall unter diese oder jene Regel subsumierbar ist oder ob er einen Anlass geben könnte, die Regel zu ändern« (Luhmann 2006, S. 261). Anders bei Zweckprogrammen: Hier liegen die Auslösebedingungen des Handelns in der Zukunft. Zukunft ist ungewiss. Ihre Unbestimmtheit soll in Gewissheit überführt werden. Ein Zweck (z. B. → Beratungs-, → Therapie-, → Interventionszweck) muss erfüllt werden. Zweckprogramme sind für Organisationen Sozialer Arbeit und Psychotherapie die typischen Entscheidungsprogramme. Beim Zweckprogramm liegen die im System erzeugten Entscheidungsfreiheiten darin, die richtigen bzw. angemessenen Mittel zu spezifizieren, mit denen der angestrebte Zweck erfüllt werden soll. Organisationen, die Therapie, Intervention und Beratung organisieren, müssen über die Mittel entscheiden, die geeignet erscheinen, den angestrebten Zweck auch erfüllen zu können. So sind z. B. zur Sicherung des Kindeswohls (Zweck) nicht nur die rechtlichen, sondern vor allem die erzieherischen und therapeutischen Bedarfe (Mittel) für die Zukunft festzulegen. Diese können sehr unterschiedlich ausfallen. Welche Intervention, Beratung, Therapie, kurz: welche Hilfe (→ Helfen) ist die richtige? Organisationen sind unentwegt zu einer Auseinandersetzung mit unsicheren Zweck-Mittel-Relationen gezwungen. Diese hohe Kontingenz erfordert ständige Selektionsleistungen. Auf der Interaktionsebene ist damit die Kontingenzerfahrung bei der Anwendung und Weiterentwicklung geregelter Verfahren der therapeutischen bzw. psychosozialen Diagnostik und des Fallverstehens (→ Verstehen) in den Blick zu nehmen. Auf der Organisationsebene sind es die integrativen Konzepte der Unternehmens- und → Managemententwicklung. Bei allen Bemühungen um regelgeleitete Kommunikation muss man sich mit Blick auf das Kontingenztheorem auf ein »Technologiedefizit« der Konzepte, Methoden, Verfahren und Techniken der Sozialen Arbeit einstellen (Luhmann 2002, S. 157). Das bedeutet für die Profession, sich mit einer wissenschaftsorientierten Perspektive bescheiden zu müssen, statt von einer angewandten Wissenschaft sprechen zu können (Luhmann 1992, S. 640 ff.).
Verwendete Literatur
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Luhmann, Niklas (1992): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Luhmann, Niklas (2002): Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).
Luhmann, Niklas (2006): Organisation und Entscheidung. Wiesbaden (Springer VS).
Weiterführende Literatur
Bommes, Michael u. Albert Scherr (2000): Soziologie der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in Formen und Funktionen Sozialer Hilfe. Weinheim (Beltz Juventa), 2., überarb. Aufl. 2012
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